Krieg in der Ukraine:Wie amerikanische Geheimdienste die Ukraine im Krieg unterstützen

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Krieg in der Ukraine: Weiter umkämpft: das Asow-Stahlwerk in Mariupol.

Weiter umkämpft: das Asow-Stahlwerk in Mariupol.

(Foto: Alexei Alexandrov/AP)

Hochrangige Mitarbeiter der US-Regierung räumen ein, der Ukraine direkt nachrichtendienstliche Informationen geliefert zu haben, um russische Offiziere gezielt anzugreifen. Die Lage in der Hafenstadt Mariupol bleibt unübersichtlich.

Von Nicolas Freund und Ronen Steinke

Die Vereinigten Staaten haben die Ukraine im Krieg gegen Russland mit Geheimdienstinformationen versorgt, die unter anderem zur Lokalisierung und Tötung von etwa einem Dutzend russischer Generäle eingesetzt wurden. Das bestätigten laut einem Artikel der New York Times hochrangige Mitarbeiter der amerikanischen Regierung, unter ihnen John Kirby, der Sprecher des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Er sagte, die USA würden der Ukraine dabei helfen, sich selbst zu verteidigen. Andere Quellen des Artikels wollten anonym bleiben. Es wurde schon länger vermutet, dass die USA die Ukraine nicht nur finanziell und mit Waffen, sondern auch in einer solchen beratenden Funktion unterstützen.

Die geteilten Geheimdienstinformationen stammten laut Medienberichten aus einer nicht näher beschriebenen Reihe von Quellen, darunter wohl Satellitendaten und Auswertungen von Kriegsplänen Moskaus für den Osten der Ukraine. So lieferten die USA den ukrainischen Streitkräften die aktuellen Standorte der mobilen russischen Hauptquartiere, die dann mit Informationen der ukrainischen Seite, etwa abgehörten Funksprüchen, kombiniert würden, um gezielt Angriffe auf russische Offiziere durchführen zu können.

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Auch der russische Angriff auf den Hostomel-Flughafen nördlich von Kiew zu Beginn des Krieges sei mithilfe solcher Geheimdienstinformationen abgewehrt worden. Der schnelle und direkte Austausch von aktuellen Informationen auf dem Schlachtfeld zwischen zwei und mehr Ländern sei bisher selten in dieser Form praktiziert worden. Einige Angriffe, wie zuletzt auf den russischen Generalstabschef Waleri Gerassimow in Isjum, bei dem dieser verwundet worden sein soll, seien aber ohne amerikanische Hilfe erfolgt.

Das Weiße Haus schweigt zu den Berichten

Diese neue Entwicklung hat eine besondere Brisanz. Damit wird deutlich, dass die USA der Ukraine noch stärker helfen als bisher bekannt war. Aber damit nähert sich das Nato-Land USA auch einem heiklen Punkt an, von dem an man es als indirekten Teilnehmer der Kämpfe ansehen könnte. Wenn man der ukrainischen Armee Ziele durchgebe, dann sei das nah an einer kriegerischen Einmischung, heißt es unter deutschen Beobachtern. Das Weiße Haus oder das Pentagon äußerten sich zunächst nicht weiter zu den Veröffentlichungen.

Neben den USA arbeiten auch andere Nato-Partner nachrichtendienstlich eng mit der Ukraine zusammen. So veröffentlicht der britische Militärgeheimdienst sogar jeden Tag in einem kurzen Briefing seine aktuelle Einschätzung der Lage. Dieses ungewöhnliche öffentliche Vorgehen dient dazu, die russische Strategie des gezielten Streuens von Desinformationen zu kontern - aber auch der Welt zu zeigen, dass man die Ukraine nicht alleinlasse. Eine unmittelbare Hilfe beim Zielen auf russische Militärstellungen räumte bisher aber kein westlicher Geheimdienst offen ein.

Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow äußerte sich am Donnerstag zu den Bestätigungen der nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit zwischen der Ukraine und Nato-Staaten. Man sei sich dessen bewusst, diese Maßnahmen würden den Krieg aber nur in die Länge ziehen und Russland nicht davon abhalten, seine Ziele zu erreichen.

Kein Funkkontakt zu Soldaten im Stahlwerk

Moskau teilte außerdem mit, in der Stadt Mariupol seien wieder Fluchtkorridore zur Rettung von Zivilisten aus dem umkämpften Asow-Stahlwerk eingerichtet worden. Man wolle diese tagsüber von Donnerstag bis Samstag garantieren. Auch der ukrainische Präsident Wolodimir Selenskij teilte mit, man wolle einen längeren Waffenstillstand gewährleisten, um den Menschen in dem Stahlwerk zu helfen. "Es wird einige Zeit dauern, die Menschen aus den Kellern und unterirdischen Bunkern zu befreien." Am Donnerstag war unklar, ob die Feuerpause wie vereinbart eingehalten wurde oder die Kämpfe weitergingen.

Die Lage in der Hafenstadt ist derzeit sehr unübersichtlich. Am Mittwoch hieß es, der Funkkontakt zu den Soldaten, die sich in dem Werk verschanzt haben, sei nach schweren russischen Angriffen zeitweise abgebrochen. Bei dem erneuten Versuch einer Erstürmung durch russische Truppen am Donnerstag soll es zu Kämpfen innerhalb des Komplexes gekommen sein.

Auch aus dem Rest des Landes werden wieder teils schwere Kämpfe gemeldet. Sowohl Russland als auch die Ukraine behaupten, dem Gegner schwere Verluste zugefügt zu haben. Die Angaben lassen sich nicht überprüfen. Durch russischen Beschuss in der Region Luhansk sollen auch fünf Zivilisten getötet worden sein. Gemeldet werden auch wieder Angriffe in der Gegend um die russische Stadt Belgorod. In der Region sind in den vergangenen Wochen ein Treibstofflager und ein Depot in Flammen aufgegangen, angeblich nach ukrainischen Angriffen. Die Ukraine hat zu den Vorfällen und Vorwürfen keine Stellung genommen. Das ukrainische Militär hielt eine russische Landungsoperation an der Schwarzmeerküste in der Umgebung der Hafenstadt Odessa für möglich. Nach einer Mitteilung der regionalen Militärführung werde das Gebiet verstärkt von russischen Aufklärungsdrohnen überflogen, berichtete die Zeitung Ukrajinska Prawda am Donnerstagabend.

Auf einer Geberkonferenz in Warschau forderte der zugeschaltete Wolodimir Selenskij am Donnerstag einen neuen Marshall-Plan zum Wiederaufbau der Ukraine. "Das wird eine Investition in die Stabilität von ganz Mittel- und Osteuropa sein", sagte er auf der Konferenz, die sechs Milliarden Euro für die Ukraine erbrachte.

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