Ukraine-Krieg:In der Sprengfalle

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Ukraine-Krieg: Ein russischer Soldat patrouilliert Ende Mai im Wasserkraftwerk Kachowka am Dnjepr, neben einer der beschädigten Brücken. Die Angriffe gefährden die Versorgung der Besatzer.

Ein russischer Soldat patrouilliert Ende Mai im Wasserkraftwerk Kachowka am Dnjepr, neben einer der beschädigten Brücken. Die Angriffe gefährden die Versorgung der Besatzer.

(Foto: dpa)

Russische Truppen halten Gebiete westlich des Flusses Dnjepr besetzt - noch. Offenbar hat die Ukraine alle Brücken, die den Besatzern den Nachschub sichern sollen, schwer getroffen. Warum das ein großes Problem für die Angreifer ist.

Von Christoph Koopmann

Wenn militärische Operationen Gewässer erreichen, wird es in der Regel kompliziert, denn Gerät und Personal müssen ans andere Ufer gebracht werden. Praktisch, wenn es dafür schon Brücken gibt. Im Süden der Ukraine haben die vorhandenen Brücken über den Dnjepr den russischen Invasoren geholfen, auch Gebiete westlich des dort stellenweise einen Kilometer breiten Flusses einzunehmen, von der Großstadt Cherson bis fast nach Nikopol hinauf.

Doch genau diese Verbindungen dürften für die Besatzer nun zum Problem werden. Denn Berichten von Geheimdiensten sowie des ukrainischen Militärs zufolge ist es den Verteidigern gelungen, die enorm wichtigen Brücken ganz oder teilweise zu zerstören. Der britische Militärgeheimdienst spricht von einer "entscheidenden Verwundbarkeit".

Das Problem für die russischen Streitkräfte: Es gibt in dem Gebiet, das sie bislang in der Südukraine kontrollieren, überhaupt nur drei Brücken über den mächtigen Flusslauf, der das Land vom Norden bis zum Schwarzen Meer teilt. Die Antoniwka-Brücke am Stadtrand von Cherson ist eine reine Straßenbrücke, ein Stück nordöstlich gibt es noch eine reine Eisenbahnbrücke, noch einmal 50 Kilometer weiter führt eine Straßen- und Bahnbrücke parallel zum Kachowka-Staudamm über den Fluss. Die zwei erstgenannten wurden durch ukrainische Angriffe bereits in den vergangenen Tagen und Wochen stark beschädigt.

Am Samstag berichtete das ukrainische Militär nun, man habe mittels Artillerie und Raketen auch die Brücke am Staudamm schwer getroffen. Bereits am Mittwoch war ein Schlag gemeldet worden. Auf Fotos, die sich an der Brücke geolokalisieren lassen, sind schwere Schäden an der Straße zu erkennen. Ob sie nach dem neuerlichen Angriff am Wochenende noch passierbar ist, zumal für schweres militärisches Gerät und Lkw, lässt sich bislang allerdings nicht zuverlässig beurteilen. Auch die Antoniwka-Straßenbrücke ist nach ukrainischen Angaben am Sonntag erneut getroffen worden.

Ukraine-Krieg: An der Straßenbrücke neben dem Kachowka-Staudamm durch den Fluss Dnjepr sind auf diesem Foto vom Samstag schwere Schäden zu erkennen.

An der Straßenbrücke neben dem Kachowka-Staudamm durch den Fluss Dnjepr sind auf diesem Foto vom Samstag schwere Schäden zu erkennen.

(Foto: Valery Sturit/Imago/Tass)

Der britische Militärgeheimdienst jedenfalls berichtete am Wochenende: Die beiden Straßenbrücken in der Gegend seien nun "für den Zweck substantieller militärischer Nachschublieferungen wahrscheinlich nicht mehr zu gebrauchen", genau wie auch die reine Eisenbahnbrücke bei Cherson.

Die russischen Streitkräfte müssten sich nun auf eine Pontonfähre verlassen, die sie nahe der Eisenbahnbrücke installiert haben. Doch mit so einer kleinen Fähre oder aus der Luft all das über den Fluss zu schaffen, was die Tausenden Soldaten am anderen Ufer an Nachschub benötigen, sei auf Dauer "unpraktisch bis nicht möglich", berichten die Militärfachleute vom US-amerikanischen Institute for the Study of War (ISW).

Wenn die Angreifer nicht in der Lage sind, die Brücken schnell zu reparieren, dürften die ukrainischen Präzisionsschläge die gesamte russische Teiloperation im Süden gefährden. Die Lage für Russland ist dort ohnehin prekär, weil es den Ukrainern zuletzt immer wieder gelungen ist, die Angreifer einige Kilometer weit zurückzuschlagen. Aus Sorge vor weiteren ukrainischen Gegenangriffen hat der Kreml in den vergangenen Wochen bereits immer wieder Truppen aus dem Donbass in den Süden beordert. Das ISW hält es für möglich, dass die russischen Truppen nun im Donbass wieder offensiver vorgehen, um die Ukrainer dort statt im Süden zu binden.

Kämpfe gibt es indes auch weiterhin in einem anderen Teil des südlichen Frontabschnitts - aus Enerhodar, wo das Atomkraftwerk Saporischschja steht, wurden am Wochenende erneut Einschläge russischer Geschosse gemeldet. Das Kraftwerk selbst ist nach mehrmaligem Beschuss in den vergangenen Tagen diesmal jedoch verschont geblieben. Am Sonntag haben 42 Staaten, darunter alle 27 EU-Mitglieder, Russland aufgefordert, seine Truppen vom Gelände des AKWs abzuziehen. "Die Stationierung von russischen Militärs und Waffen in der Atomanlage ist inakzeptabel", erklärten sie.

Russland hält das Kraftwerksgelände seit Anfang März besetzt. Moskau und Kiew beschuldigen sich gegenseitig, für die Angriffe der vergangenen Tage verantwortlich zu sein. Ein Vertreter der russischen Besatzer lehnte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Ria Nowosti eine Entmilitarisierung des Gebiets ab. Er schlug stattdessen eine Feuerpause vor. Unter welchen Bedingungen ließ der Kremlvertreter allerdings offen.

Eine Sprecherin des Außenministeriums in Moskau kündigte am Montag zudem an, Russland wolle alles dafür tun, dass ein Expertenteam der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) das AKW in Saporischschja inspizieren kann. Bislang scheiterte dies unter anderem an den möglichen Gefahren für die Fachleute, wenn sie russisch besetztes Gebiet um das Kraftwerk passieren würden.

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