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TV-Debatte:Frankreich sucht den Super-Populisten

  • Bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl am 23. April treten neun Männer und zwei Frauen an.
  • Alle elf trafen sich am Dienstagabend zu einer vierstündigen TV-Debatte mit rigiden Zeitvorgaben.
  • Formate wie "Le grand débat" sind bedenklich: Es profitiert derjenige, der am geschicktesten verkürzt, zuspitzt oder provoziert.

Von Lilith Volkert

Für die Teilnehmer war es auch eine sportliche Herausforderung. Vier Stunden lang mussten sie im Scheinwerferlicht hinter ihren Pulten im Halbkreis stehen. Redezeit für jeden: knapp 20 Minuten.

Neun Männer und zwei Frauen treten bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl am 23. April an. Alle elf durften sich am Dienstagabend bei der Sendung "Le grand débat" im französischen Fernsehen präsentieren. Statt einer Debatte bekam das Publikum aber nur ein Haufen Parolen, Zahlen und Geschrei geboten. Es war gleichzeitig zu wenig und zu viel: Informations-Overkill bei mangelnder thematischer Tiefe.

Die beiden Moderatorinnen waren vor allen mit der Überwachung der Redezeit beschäftigt und selbst damit überfordert. Eine Minute hatte jeder Kandidat für das Eingangsstatement ("Wer sind Sie?"), durchschnittlich 90 Sekunden für jede der Fragen zu Arbeitslosigkeit, Europa, Terrorismus, Moral in der Politik, einer neuen Verfassung und der Zukunft des öffentlichen Dienstes, eine weitere Minute für das Schlussplädoyer. Was als kurze Diskussion zweier Kandidaten begann, endete regelmäßig im Wortgemenge mehrerer Teilnehmer und den verzweifelten Bitten der Moderatorinnen um Ruhe.

Le Pen inszenierte sich als Opfer

Etwa die Hälfte der Kandidaten dürfte den meisten Franzosen bisher nicht bekannt gewesen sein. Neben den üblichen Politikstrebern wirkten sie erfrischend unprofessionell. Die Kommunistin Nathalie Arthaud (Lutte ouvrière/Arbeiterkampf) etwa zog lautstark über Bankiers und Unternehmer her, der ehemalige Schäfer Jean Lassalle (Résistons!/Widerstand leisten) räsonierte mit der schweren Zunge der Pyrenäenbewohner über den Frieden in Europa. Wenn der Ford-Arbeiter Philippe Poutou (Nouveau Parti anticapitaliste) seine Beiträge in atemberaubender Geschwindigkeit vortrug, konnten sich die anderen Politiker das Grinsen nicht verkneifen. Zur politischen Meinungsbildung trug all dies freilich wenig bei. Und wer in Umfragen bei einem Prozent liegt, dem nützt auch kein Auftritt im Fernsehen.

Die bekannten Kandidaten lieferten die übliche Performance. Emmanuel Macron (En Marche!) untermauerte seine Rolle als Favorit mit Attacken auf die rechtsextreme Marine Le Pen (Front National). Diese inszenierte sich immer wieder als Opfer: Obwohl sie mit am meisten Redezeit beanspruchte, beklagte sie sich über Zensur, wenn die Moderatorinnen sie gelegentlich unterbrachen. François Fillon (Les Républicains), der bis zu einer Scheinbeschäftigungsaffäre als klarer Favorit galt, stritt zum wiederholten Male ab, Fehler gemacht zu haben.

Wer am lautesten schreit, profitiert

Auf die Dauer ist all das nicht nur ermüdend anzusehen, sondern fördert auch eine bedenkliche Entwicklung. Sendungen wie "Le grand débat" bieten keine Möglichkeit, Inhalte zu vertiefen. Es profitiert derjenige, der am lautesten schreit und am geschicktesten verkürzt, zuspitzt oder provoziert - der Super-Populist. In diesem Umfeld - schnell etwas behaupten, keiner kann sich in Ruhe rechtfertigen - können auch Fake-News leicht in die Welt gesetzt und schlecht wieder eingefangen werden.

Dass Marine Le Pen sich mit Unterstellungen zurückgehalten hat, dürfte vor allem im Lager ihres Hauptkonkurrenten Emmanuel Macron für Erleichterung gesorgt haben. In die Enge getrieben wurde Macron höchstens vom Gaullisten Nicolas Dupont-Aignan (Debout la France/Steh auf Frankreich), der ihn zu Geschäften seines ehemaligen Arbeitgebers, der Rothschild Bank, löcherte - bis eine Moderatorin unterbrach.

Es gibt mehrere Gründe, warum die Nachrichtensender BFM-TV und CNews diese Riesendebatte auf die Beine gestellt haben. Vor Präsidentschaftswahlen gab es in Frankreich bislang nur TV-Duelle mit den jeweiligen Vertretern der beiden großen Volksparteien. Weil deren Kandidaten diesmal abgeschlagen auf Platz drei (der Republikaner François Fillon) und vier (der Sozialist Benoît Hamon) liegen, lud der Privatsender TF1 im März die fünf aussichtsreichsten Kandidaten ein. Beim französischen Verwaltungsgericht holte es sich die Erlaubnis dafür. Trotzdem wurde ihm von einigen Seiten vorgeworfen, die Wähler durch Ausschluss der anderen Kandidaten zu beeinflussen.

Chancengleichheit im Wahlkampf wird streng überwacht

Die Chancengleichheit der politischen Parteien im Wahlkampf wird von der französischen Rundfunkbehörde CSA streng überwacht. Ab dem 10. April - dem offiziellen Wahlkampfbeginn - kontrolliert sie die Präsenz der Kandidaten in Radio und Fernsehen sogar mit der Stoppuhr. Doch auch vor diesem Datum ist es den Franzosen wichtig, dass selbst der unbedeutendste Kandidat ausreichend Raum bekommt. "Hyperkorrektheit" vermutet die Sozialwissenschaftlerin Isabelle Bourgeois hinter dem Versuch, allen elf Kandidaten in einer Sendung gerecht zu werden.

Für die Nachrichtensender BFM-TV und CNews spielen natürlich auch Werbeeinnahmen und strategische Überlegungen eine Rolle. Bisher dümpeln ihre Einschaltquoten auf gleicher Höhe wie die Umfragewerte der liebenswert-chaotischen Präsidentschaftsanwärter: BFM-TV kommt auf etwa zwei Prozent, CNews auf halb so viel. Zeigen die beiden, dass sie ein solches Großereignis stemmen können, können sie irgendwann - so die Hoffnung - auch den großen Sendern das TV-Duell direkt vor der Stichwahl streitig machen.

France 2 hat übrigens für den 20. April eine letzte TV-Debatte vor dem ersten Wahlgang angekündigt. Eingeladen sind alle elf Kandidaten. Neun haben schon zugesagt.

© SZ.de/wib/cat

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