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Le Pen oder Macron:In Frankreich rollt die Revolution

Marine Le Pen oder Macron? Die zwei Kandidaten haben derzeit die besten Chancen auf das Präsidentenamt.

(Foto: AFP)

Die Fünfte Republik wird mit dieser Wahl zu Grabe getragen: Chancen auf die Macht haben eine extreme Nationalistin und ein pragmatischer Europafreund. Beide sind radikal unterschiedlich.

Kommentar von Christian Wernicke, Paris

Franzosen lieben das Wort, Deutsche schrecken davor zurück: Revolution. Danach, nach einem so jähen wie fundamentalen Umsturz, sehnen sich dieser Tage Millionen Citoyens. Tatsächlich bedeutet das, was sich zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen abzeichnet in Frankreich, eine Umwälzung, ja ein Umpflügen der tradierten Parteienlandschaft. Zwar keine Revolution à la 1789, samt Monarchensturz und Guillotine. Aber immerhin: Da verendet ein mehr als 50 Jahre altes Herrschaftssystem, in dem sich zwei Lager - Rechte und Linke - abwechselten an der Macht. Und derweil Pfründe wie Dünkel teilten.

Wie diese Revolution 2017 ausgehen wird, ist beängstigend offen. Marine Le Pen, Rechtspopulistin und selbsternannte Anführerin aller "Vergessenen", droht gewaltig zu profitieren von Frankreichs Systemkrise. Neue Umfragen geben der FN-Chefin erstmals Chancen, nach dem Sieg im ersten Wahlgang auch die Stichwahl zu gewinnen. Auf 42 bis 44 Prozent taxieren Demoskopen Le Pens Aussichten, Tendenz steigend. Ihr Triumph brächte eine Katastrophe über Frankreich. Er wäre auch das Ende des vereinten Europa. Für Deutschland begänne - ohne französischen Partner - eine Ära eisiger Einsamkeit.

Es muss nicht so kommen. Europa muss hoffen, dass noch einmal Frankreichs alte Notbremse funktioniert: das geballte Votum aller Demokraten gegen eine xenophobe, europafeindliche Klan-Partei. So, oder wenigstens halbwegs so wie am legendären 5. Mai 2002: Damals hatten acht von zehn Franzosen für einen gewissen Jacques Chirac votiert, um nur ja Jean-Marie Le Pen, den biologischen Vater und politischen Paten der heutigen FN-Chefin, zu stoppen. Nur, leider, dieser republikanische Reflex hat seither gelitten. Die Revolution könnte schrecklich schiefgehen.

Die alte Republik ist tot. Keiner weiß, was die neue bringt

Doch aufzuhalten ist sie nicht mehr. Das öde Zwei-Lager-System der fünften Republik ist zerbrochen. Den alten Parteien laufen die Anhänger davon, die verbrauchten Pariser Köpfe - Nicolas Sarkozy wie Alain Juppé, François Hollande und Manuel Valls - will niemand mehr sehen. Selbst das Korsett des Mehrheits-Wahlrechts, das eigentlich nur zwei Lager erlaubt, vermag die alte Ordnung nicht mehr zu retten. Nicht zwei oder drei - gleich fünf bislang unversöhnliche Strömungen treten zum ersten Wahlgang am 23. April an. Und wer immer da Zweiter wird hinter Le Pen, der sollte am 7. Mai Erster sein.

An den Rändern lauern zwei Extremisten, die doch manches eint. Marine Le Pen und den Linksaußen Jean-Luc Mélenchon pflegen dieselbe Verachtung für Europa, propagieren beide sozialen wie ökonomischen Nationalismus. Derweil haben Sozialisten wie Republikaner per Urwahl zwei Kandidaten ins Rennen geschickt, die zum radikalen Flügel ihrer Partei zählen. Der Linkssozialist Benoît Hamon steuert die Regierungspartei mit viel Utopie und voller Lust in die Opposition. Und François Fillon, der konservative Ex-Premier, verheißt seiner Nation ein Reformprogramm von Blut und Tränen. Die bräsige Selbstgefälligkeit, mit der Fillon den Skandal um die zweifelhafte Entlohnung seiner Frau als Parlamentsassistentin aussitzt, entlarvt den Republikaner als letzten Vertreter der alten, maroden Ordnung.

So bleibt viel Platz in der Mitte. Dort, wo Emmanuel Macron im Licht steht. Der 39-jährige Wirtschaftsminister möchte und könnte vollbringen, was bisher nie gelang: Er will endlich die Energie von Millionen gemäßigten Konservativen, Sozialisten und Zentristen bündeln, die bisher der modrige Graben zwischen rechts und links trennte. Der Sieg dieser proeuropäischen Reformbewegung ist nicht ausgemacht. Aber Macron macht Hoffnung. Er hat ein Buch geschrieben, mit einem maßlos kühnen Titel: "Révolution".

© SZ vom 24.02.2017/lalse

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