TV-Debatte der Demokraten:Bernie Sanders: Clinton fehlt es an Urteilsfähigkeit

Hillary Clinton, Bernie Sanders

Bernie Sanders und Hillary Clinton bei der Debatte in New York

(Foto: AP)
  • Sollte Sanders die Vorwahl der Demokraten in New York gewinnen, dann würde sich die Dynamik des Rennens fundamental ändern.
  • Sanders zweifelt in der Brooklyner TV-Debatte an Clintons Urteilsfähigkeit: "Sie hat den Irakkrieg befürwortet, das größte Außenpolitik-Desaster der jüngsten Geschichte. Ich habe den Widerstand dagegen angeführt."
  • Clinton entgegnet schnippisch, dass ihre Urteilsfähigkeit gut genug gewesen sei, um zwei Mal zur Senatorin in New York gewählt zu werden - und Obama als Außenministerin zu dienen.

Von Matthias Kolb, Washington

Eigentlich ist alles wie immer. Zum fünften Mal stehen Hillary Clinton und Bernie Sanders allein auf der Bühne und debattieren darüber, wer besser geeignet ist, um Barack Obamas Nachfolger als US-Präsident zu werden. Doch in den fünf Wochen seit dem letzten Rededuell Anfang März in Florida hat sich einiges verändert: Die Ex-Außenministerin hat ihren Vorsprung durch ihre Siege Mitte des Monats zwar leicht ausgebaut, doch der Senator aus Vermont hat zuletzt sieben von acht weiteren Vorwahlen für sich entschieden.

Die Stimmung war bereits vor der Debatte in Brooklyn angespannt: Sanders zweifelte Clintons Eignung fürs Weiße Haus an (mehr in diesem SZ.de-Blog), die 68-Jährige verweist bei jeder Gelegenheit auf ein Sanders-Interview mit der New York Daily News, in dem der Senator fehlende Detail-Kenntnis offenbarte. Dass die Nerven angespannt sind, verwundert nicht: In New York geht es um 291 Delegierte - so viele wie niemals zuvor.

Wenn die Umfragen stimmen und Clinton am Dienstag siegt, dann wird es für den 74-Jährigen immer schwieriger, auf die Nominierung der Demokraten zu hoffen. Sollte Sanders, dem am Vorabend 27 000 New Yorker im Washington Square Park zujubelten, in New York jedoch gewinnen, dann würde sich die Dynamik des Rennens fundamental ändern.

Clinton: "Präsident Obama hat meinem Urteilsvermögen genügend vertraut"

Insofern wundert es nicht, dass sich die 68-Jährige und der 74-Jährige zwei Stunden lang angiften und sich unterstellen, Tatsachen zu verdrehen und opportunistisch zu taktieren. Mitunter schreien beide so laut, dass auch Moderator Wolf Blitzer brüllen muss und die Zuschauer nichts verstehen. Laut Sanders hat Clinton natürlich "die nötige Erfahrung und die Intelligenz" fürs Weiße Haus, doch er zweifelt an ihrer Urteilsfähigkeit: "Sie hat den Irakkrieg befürwortet, das größte Außenpolitik-Desaster der jüngsten Geschichte. Ich habe den Widerstand dagegen angeführt."

Clinton entgegnet schnippisch, dass ihre Urteilsfähigkeit gut genug gewesen sei, um zwei Mal zur Senatorin in New York gewählt zu werden: "Und Präsident Obama hat meinem Urteilsvermögen genügend vertraut, um mir das Amt der Außenministerin anzubieten." Wie in vielen Debatten zuvor nutzt Clinton jede Gelegenheit, sich so nah wie möglich an den bei der Basis äußerst populären Obama ("ich unterstütze den Präsidenten uneingeschränkt") zu positionieren.

Als Sanders, der mit Kleinspenden mehr einnimmt als Clinton, ihre Unabhängigkeit anzweifelt und ruft: "Wie soll sie Amerika grundlegend verändern, wenn sie vom big money abhängig ist?" nutzt die Ex-Außenministerin den ersten schwarzen US-Präsidenten als Schutzschild. "Dies ist nicht nur ein falscher Angriff auf mich, sondern auch auf Obama", ruft sie und verweist darauf, dass dieser auch einen Super-Pac-Wahlverein unterhielt, was seine Unabhängigkeit nicht beeinflusst habe. Diese Konter sind zwar einstudiert, aber trotzdem sehr wirksam.

Wo beide Bewerber - noch immer - nicht überzeugen können

Verglichen mit den Republikanern sind die Umgangsformen bei den Demokraten noch immer höflich, aber der deutlich rauere Ton zeigt, dass sich Clinton und Sanders immer weniger leiden können. "Senator Sanders hat mich als unqualifiziert bezeichnet. Ich wurde schon oft kritisiert, aber dieser Vorwurf ist neu", ätzt Clinton. Dieser spottet später sarkastisch: "Oh, sie hat die Banken herausgefordert. Mein Gott, die waren sicher am Boden zerstört, als das passiert ist."

Wer die vorherigen acht Debatten (anfangs durfte Martin O'Malley noch dabei sein) verfolgt hat, der lernt an diesem Abend wenig Neues. Der "demokratische Sozialist" Sanders wirbt leidenschaftlich für einen Mindestlohn von mindestens 15 Dollar, kostenlose Unis und eine Krankenversicherung für alle, während Clinton ihre Erfahrung als pragmatische Außenpolitikerin betont. Dass für beide ein Erfolg in New York ein "Heimsieg" wäre - Sanders wuchs in Brooklyn auf, Clinton startete hier ihre Polit-Karriere - heizt die Feindseligkeit noch mehr an.

Eines verwundert weiterhin: Weder Sanders noch Clinton präsentieren bei einigen Schlüsselthemen halbwegs befriedigende und überzeugende Antworten. Der nie lächelnde Sanders schimpft ständig über die "Gier der Wall-Street-Banken" und kann doch nicht erläutern, wie er die Großbanken zerschlagen würde, um das Finanzsystem vor einer möglichen Krise zu schützen.

Und Clinton weigert sich weiterhin, die Transkripte jener zwölf Reden zu veröffentlichen, für die sie von Banken und Investmentfonds knapp drei Millionen Dollar erhielt. Das Argument "Ich mache das nur, wenn die Republikaner das auch tun" überzeugt nicht, da momentan Sanders ihr einziger Konkurrent ist. Zumal überzeugt es jene Zweifler nicht, die denken: "Wer nichts zu verbergen hat, der sollte doch alles tun, um die eigene Glaubwürdigkeit zu stärken." Einer neuen Gallup-Umfrage zufolge ist Clintons "Popularitätswert" unter Demokraten auf "plus 36 Prozent" gesunken - vor einem Jahr lag er noch bei "plus 63 Prozent" (mehr bei der Washington Post).

Ausgangslage: Clinton bleibt im Vorteil

Da es keinem der beiden Demokraten gelungen ist, den Gegner zu einem klaren Fehler zu bewegen oder mit neuen Argumenten zu überzeugen, kann Hillary Clinton zufriedener sein als Sanders. Es bleibt abzuwarten, ob es ihm am Dienstag gelingen wird, seinen Rückstand zu verkürzen. Momentan liegt er mit 1087 Delegierten hinter Clinton zurück (1307).

Wer als Bewerber in Philadelphia Ende Juni nominiert werden will, benötigt 2383. Die ehemalige First Lady wird von den meisten superdelegates (Parteiführer, Abgeordnete und Funktionäre) unterstützt: Hier beträgt ihr Vorsprung 469 zu 31.

Doch eines hat dieser Wahlkampf 2016 ja mehrfach bewiesen: Überraschungen sind die Regel und vermeintliche Außenseiter sollte man nie unterschätzen.

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