Türkei Erdoğan hat keine Alternative zur Nato

Der türkische Präsident flirtet immer mal wieder mit Russland. Doch er weiß: Putin wird auf Dauer kein verlässlicher Bündnispartner sein. Die Nato - und Deutschland - können selbstbewusst auftreten.

Kommentar von Daniel Brössler

Wenn Recep Tayyip Erdoğan sich seinen idealen Verbündeten backen könnte, käme wohl Wladimir Putin heraus. Der Mann nervt nicht wegen inhaftierter Journalisten, er gratuliert artig zum Ausgang des Verfassungsreferendums und er hat den Türken gerade erst wieder herzlich in seiner Sommerresidenz in Sotschi empfangen. Was Erdoğan indes nicht brauchen zu können glaubt, sind Alliierte, die auf Rechtsstaatlichkeit pochen, verfolgten türkischen Offizieren Asyl gewähren und sich beschweren, wenn er ihren Abgeordneten dann Besuche bei den eigenen Soldaten verwehrt.

Die Sache ist also ganz simpel: Die Türkei tritt aus der Nato aus und verbündet sich mit Russland. So schlicht freilich denkt nicht mal Erdoğan, und so einfach sollte es sich auch in Deutschland keiner machen.

Die Wahl zwischen der Nato und Russland ist eine, die Erdoğan gar nicht hat, wie er selbst natürlich sehr gut weiß. Mit Putin kann er punktuelle Zweckbündnisse bilden. Sie folgen, wie in Syrien, eher kurzfristigen Notwendigkeiten als langfristigen Überlegungen. Putins strategisches Ziel ist es, Russland in internationalen Konflikten eine Art Türsteher-Rolle zu sichern. Wo immer möglich, will er den Weg zu einer Lösung entweder versperren oder freimachen können. Das ist weit entfernt von sowjetischer Supermacht, aber genug, um sich ein gutes Stück der lange bitter vermissten Bedeutung vor allem gegenüber den USA zu sichern. Wenn er hilft, die Amerikaner zu ärgern, ist Erdoğan willkommen. Das gilt auch umgekehrt, aber bei diesem Spiel hat der Türke deutlich mehr zu verlieren als sein russischer Partner.

Wenn es um die strategische Bedeutung der Türkei geht, wird gerne auf deren geografische Lage verwiesen. Das ist richtig, denn das Land liegt am Kreuzungspunkt internationaler Konfliktlinien. Ihre Nachbarschaft zu Syrien, Irak und Iran, ihre Lage am Schwarzen Meer wie am Mittelmeer verschafft der Türkei überragende Bedeutung. Die Gefahren in dieser Nachbarschaft bedrohen zwar nicht nur, aber häufig zu allererst die Türkei.

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Die Nato dient dem Schutz, auch der Türkei

Vor allem aber: In dieser Nachbarschaft kann Russland gelegentlich Partner sein, wird aber immer Rivale bleiben. Ganz gewiss rüstet Russland im Schwarzen Meer nicht auf, um der Türkei beizustehen. Vielmehr geht es um das, was Militärexperten eine "Blase" nennen - ein Gebiet, das Russland für Gegner absperren kann. Das ist eine Sorge für die ganze Nato, aber vor allem für die Türkei.

Sehr weit führt die Frage, ob die Nato der Türkei oder doch die Türkei der Nato mehr nützt, ohnehin nicht. Die Türkei stellt die zweitgrößte Armee im Bündnis, sie ist Mitglied fast seit Anfang an und niemand - nicht einmal die Griechen - würden sich wünschen, dass sie aus der Allianz austritt. Die Abschaffung der Demokratie durch Erdoğan ist zwar für manche im Bündnis ein Kümmernis, aber eine wirklich neue Erfahrung ist das nicht.

Während des Kalten Krieges hat sich die Nato mit Diktaturen von Portugal über Griechenland bis zur Türkei arrangiert. Im Nordatlantik-Vertrag ist zwar von den "Prinzipien der Demokratie, der Freiheit des Einzelnen und den Grundsätzen des Rechts" die Rede, aber die Nato hat sich - anders als die EU - nie als Organisation verstanden, die diese Werte auch bei den eigenen Mitgliedern durchsetzen müsste.

Das Bündnis sollte sich aber wenigstens davor hüten, Erdoğan in seinem Allmachtswahn zu bestärken. Die Nato dient dem Schutz, auch der Türkei. Sie ist nicht als Waffe gedacht zur Erpressung von Alliierten. Ihren Beitrag zum Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat - ohnehin nicht im Nato-Rahmen - muss die Bundeswehr nicht von Incirlik aus leisten. Wenn die Soldaten nach Jordanien verlegt würden, wäre die Botschaft an Ankara: Ihr seid Verbündete, benehmt euch so.

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