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Türkei:Die Wiederholung eines blutigen Spiels

Türkische Nationalisten demonstrieren in Istanbul gegen die PKK. Viele solcher Demos sind in der zweiten Nacht in Folge eskaliert.

(Foto: Ozan Kose / afp)

Der Einmarsch von Bodentruppen in den Irak und die brennenden HDP-Büros sind weitere Schritte in Richtung Krieg. Die türkische Regierung und die PKK haben nichts gelernt.

Die türkische Regierung hat Bodentruppen in den Nordirak geschickt, um kurdische PKK-Kämpfer zu jagen. Sie sollen an einem Gefecht beteiligt gewesen sein, bei dem am Sonntag mindestens 16 Soldaten starben. Luftangriffe auf kurdische Stellungen im Nordirak hatte es schon vorher gegeben, aber der Einmarsch türkischer Soldaten in den Irak ist eine klare Eskalation.

Und es ist ein weiterer Schritt in Richtung Krieg. Die Folgen sind so absehbar wie beunruhigend: Wieder werden Söhne von türkischen und kurdischen Müttern in den Tod geschickt, wieder werden Zivilisten sterben. Die Türkei war einmal ein Stabilitätsanker in einer unruhigen Region, sie wird als Partner im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat gebraucht und nimmt immer noch viel mehr Flüchtlinge aus Syrien auf als die Europäer. All das ist durch den aufflammenden Konflikt gefährdet.

Verschärft haben sich auch die Spannungen in der Gesellschaft - zwischen Türken und Kurden, zwischen AKP-Anhängern und Regierungskritikern. Der Chef der prokurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtaş, hat sich wiederholt von der Gewalt der PKK distanziert, er appellierte am Dienstag an Türken und Kurden, zusammenzurücken. Es half nichts. In der zweiten Nacht in Folge brannten HDP-Büros in verschiedenen Städten des Landes, angezündet und verwüstet von militanten Nationalisten, die der HDP vorwerfen, der politische Arm der PKK zu sein.

Die Gewalt im Südosten hat Schleusen geöffnet

In Istanbul versuchten - auch zum zweiten Mal innerhalb von zwei Tagen - AKP-Anhänger, das Redaktionsgebäude der Zeitung Hürriyet zu stürmen. Ihre Wut hatte sich an einem Tweet des Blattes von Sonntag entzündet, in dem es um eine Äußerung Erdoğans geht. Dass Medien unter Druck stehen, dass sie Razzien und Festnahmen fürchten müssen, ist nicht neu. Dass ein Mob in ein Zeitungsgebäude eindringt, hingegen schon. Die Gewalt im Südosten hat Schleusen geöffnet, hinter denen sich Wut und Hass stauen. Wie in dieser Situation Wahlkampf gemacht und am 1. November gewählt werden soll, bleibt ein Rätsel.

Der Krieg zwischen türkischer Regierung und PKK ist auch deshalb besonders sinnlos, weil er eine Wiederholung ist. Er ist die Neuauflage jenes blutigen Konflikts, der bereits 40 000 Menschenleben gekostet hat - ohne dass er für eine Seite militärisch zu gewinnen war. Diese Einsicht hatte vor einigen Jahren zu einem Friedensprozess und einer leidlich eingehaltenen Waffenruhe geführt. Diese Tatsache gilt nach wie vor, auch wenn Regierung und die PKK sich derzeit offenbar nicht daran erinnern wollen. Irgendwann aber werden sie verhandeln müssen.