Trumps Rede zur Lage der Nation Versöhnlich in Maßen

  • US-Präsident Donald Trump hält seine zweite Rede zur Lage der Nation - und zugleich die erste vor einem Kongress, der nicht vollständig von Republikanern dominiert wird.
  • Trump ist nun auch auf die Demokraten angewiesen. Seine Redenschreiber haben diesem Umstand Rechnung getragen.
  • Für einen Moment allgemeiner Erheiterung sorgt ein Geplänkel zwischen Trump und dem Block ganz in Weiß gekleideter Demokratinnen.
Von Thorsten Denkler, New York

Fangen wir mit der größten Übertreibung an: "Wäre ich nicht zum US-Präsidenten gewählt worden, dann wären wir heute in einem großen Krieg mit Nordkorea", sagt Donald Trump. Rechts hinter ihm sitzt die Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, und verschluckt sich fast. Ihre Demokraten im Halbrund des Repräsentantenhauses kann sie gerade noch davon abhalten, Trump auszubuhen. Pelosi hebt dafür nur sacht die Hände und blickt streng mit leicht gesenktem Kopf in die Reihen ihrer Parteifreunde. Ein Zeichen dafür, wie gut die ranghöchste und mächtigste Demokratin der USA ihre Leute im Griff hat.

Trump hält seine State of the Union Address, die Rede zur Lage der Nation. Ein politisches und mediales Großereignis. Millionen Zuschauer verfolgen die Rede live, die der US-Präsident vor den Mitgliedern von Senat und Repräsentantenhaus hält, vor den Richterinnen und Richtern des Obersten Gerichtes, des Supreme Courts. Vor seinem versammelten Kabinett und einer Reihe anderer Würdenträger und Gäste. Es ist die größte Bühne des politischen Jahres.

Trump darf die Rede endlich halten an diesem Dienstagabend in Washington. Mit einer Woche Verzögerung. Pelosi hatte ihre neue Macht genutzt, die sich mit ihrem Amt als Mehrheitsführerin des Repräsentantenhauses verbindet: Sie strich Trump den für den 29. Januar avisierten Termin. Wegen des Regierungsstillstandes, des Shutdowns, der das Land 35 Tage lang lähmte. Trump hatte vom Kongress vergeblich 5,7 Milliarden Dollar für den Bau einer Mauer zu Mexiko gefordert. Dafür braucht er nun die Stimmen der Demokraten, die im Repräsentantenhaus seit Jahresbeginn die Mehrheit stellen.

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Rede zur Lage der Nation

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Der US-Präsident ruft den Kongress zur parteiübergreifenden Zusammenarbeit auf, fordert aber weiterhin den Bau einer Grenzmauer. Außerdem kündigt er ein zweites Treffen mit Nordkoreas Machthaber Kim Ende Februar an.

Das ist neu für Trump. Es ist seine erste Rede vor einem Kongress, der nicht vollständig von Republikanern dominiert wird. Für die verbleibenden zwei Jahre dieser Amtszeit wird er auf die Demokraten angewiesen sein, wenn er noch irgendetwas erreichen will. Seine Redenschreiber im Weißen Haus haben sich alle Mühe gegeben, diesem Umstand Rechnung zu tragen. Und ihm ein Lob auf den Kompromiss und auf überparteiliche Lösungen ins Manuskript geschrieben. Trump hat das auch alles brav abgelesen.

Im Vorfeld hieß es, er werde eine versöhnliche Rede halten. In den ersten Minuten ist das auch so. Das Land habe unbegrenztes Potenzial, sagte er. Er sei bereit, mit allen zusammenzuarbeiten, um dieses Potenzial zu heben. Nicht als zwei Parteien, sondern "als eine Nation".

Selbst Nancy Pelosi klatscht

Wenn es denn nur wahr wäre. Pelosis Gesicht hinter ihm spricht Bände. Sie grinst seinen Hinterkopf an, als glaube sie ihm kein Wort. Trump macht weiter: Es sei nicht wichtig, Siege für die eigene Partei einzufahren. Sondern "Siege für das Land". Da klatschen auch Demokraten mit. Sie wären ja froh, wenn Trump das wirklich so sähe. Und dann hält es auch Pelosi nicht mehr auf ihrem Sitz. Trump sagt, die Politiker des Landes müssten jetzt "das grenzenlose Potenzial von Kooperation, Kompromiss und dem Gemeinwohl umarmen".

Pelosi steht auf, beugt sich weit zu Trump vor und klatscht mit ausgestreckten Armen, so demonstrativ zustimmend, dass ihre Botschaft klar ist: Sie wird ihn an diesen Worten messen. Bisher nämlich hat er noch fast jeden Kompromiss in die Tonne getreten, der ihm nicht gepasst hat.

Gezielte Unterstützung: An einer Stelle applaudiert die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, dem US-Präsidenten Donald Trump recht ostentativ. Hinten links: Vizepräsident Mike Pence.

(Foto: Doug Mills/The New York Times/AP/dpa)