Trump und Nordkorea Unmittelbare Kriegsgefahr ist auf absehbare Zeit gesunken

Diese ist konkreter. Sie lautet: Noch vor einem halben Jahr standen die USA und Nordkorea kurz vor einem Krieg, der im besten Fall Zehntausende Südkoreaner das Leben gekostet hätte, im schlimmsten Fall zu einem atomaren Desaster hätte eskalieren können. Im Januar versteckten sich Hunderttausende Menschen in Hawaii in Bunkern und Kellern, weil sie einen nordkoreanischen Raketenangriff befürchteten. Kim und Trump drohten einander wechselseitig die Vernichtung an, im Weißen Haus wurde ernsthaft über einen Präventivschlag diskutiert. Es mag daher sein, dass die Abrüstung Nordkoreas durch den Gipfel nicht wesentlich vorangebracht worden ist. Die unmittelbare Kriegsgefahr jedoch ist durch das Treffen in Singapur auf absehbare Zeit deutlich gesunken.

Und es sind nicht nur notorische Trump-Fans, die diese Interpretation verbreiten. In der New York Times erschien am Dienstag ein Gastbeitrag von Victor Cha, einem der führenden Korea-Experten in Washington. Trump wollte Cha voriges Jahr eigentlich zum Botschafter in Südkorea ernennen. Doch Cha machte sich unbeliebt, weil er sich gegen die Pläne des Weißen Hauses aussprach, Kim Jong-un durch einen überraschenden Angriff eine "blutige Nase" zu schlagen. "Bei Nordkorea gibt es nie gute Optionen, man muss sich immer zwischen dem Schlechten und dem Schlechteren entscheiden", schrieb Cha. Amerika sei auf dem Weg in einen Krieg mit Nordkorea gewesen, in Singapur hätten Trump und Kim ihre Länder vor dem Abgrund gerettet.

Es ist daher keine Überraschung, dass Trumps Anhänger versuchen, diese zweite Interpretation als die allgemein gültige zu etablieren. Alles andere sei Gemäkel der neidischen Opposition und der Eliten, die Trump den großen Erfolg nicht gönnten, so der Tenor. Auch im bevorstehenden Kongresswahlkampf wird der Gipfel in Singapur ganz oben auf all den Listen stehen, auf denen die Republikaner gern die Leistungen ihres Präsidenten aufzählen. Zwar spricht wenig dafür, dass Trump sich aus wahltaktischen Gründen für das Treffen mit Kim entschieden hat - eher war es die Überzeugung, dass nur er der Welt einen Deal mit dem Nordkoreaner bescheren kann. Dennoch wird es den Republikanern wohl kaum schaden, wenn sie ab und zu im Wahlkampf die pompösen Bilder aus Singapur zeigen können - Trump, der Friedenspräsident, der geschafft hat, was keinem seiner Vorgänger gelungen ist. Oder, wie Trump selbst es am Mittwoch auf Twitter zusammenfasste: "Sleep well tonight!"

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Donald Trump ist völlig berauscht von sich, weil er den Deal des Jahrhunderts gemacht hat. Das hat er ja auch - für den Diktator Kim Jong-un. Szenen eines Gipfeltreffens.   Von Christoph Giesen, Arne Perras und Kai Strittmatter