Süddeutsche Zeitung

Trump und Nordkorea:Blender oder Friedenspräsident?

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Hat Trump einen Krieg mit Nordkorea verhindert oder nur Scheinerfolge erzielt? In den USA wird das Verhandlungsgeschick des Präsidenten sehr unterschiedlich beurteilt.

Von Hubert Wetzel, Washington

So, wie Donald Trump die Sache sieht, ist alles erledigt. Ein Treffen in einem schönen Hotel, ein bisschen Geplauder mit dem Kollegen aus Nordkorea, ein poppiges Video - schon bricht der Frieden aus. "Gerade gelandet", twitterte der US-Präsident am Mittwochmorgen nach dem Rückflug aus Singapur. "Eine lange Reise, aber jedermann kann sich jetzt sicherer fühlen als an dem Tag, bevor ich ins Amt gekommen bin. Es gibt keine nukleare Bedrohung durch Nordkorea mehr. Kim Jong-un zu treffen, war eine interessante und sehr positive Erfahrung." Die Amerikaner könnten "heute Nacht ruhig schlafen".

Ist das tatsächlich so? In den USA gibt es derzeit zwei konkurrierende Interpretationen dessen, was da am Dienstag in Singapur genau passiert ist. Die eine Interpretation ist die der Fachleute, der versierten, erfahrenen Außenpolitiker, die jede Vereinbarung, die je zwischen Nordkorea und Amerika geschlossen wurde, bis aufs letzte Komma kennen. Nach dieser Sichtweise ging Trumps triumphaler Tweet - wie das beim Präsidenten oft der Fall ist - deutlich an der Wahrheit vorbei. Die Behauptung, es gebe keine Bedrohung durch Nordkorea mehr, sei "offenkundig falsch", kommentierte zum Beispiel Richard Haass, Leiter des Council on Foreign Relations. Durch den Gipfel habe sich nichts geändert.

Objektiv gesehen stimmt das. Kein einziger nordkoreanischer Atomsprengkopf wurde seit dem Treffen zwischen Kim und Trump abgerüstet, keine einzige Langstreckenrakete verschrottet. Kims Atomarsenal, das Trumps selbst als "beträchtlich" bezeichnet hat und das Amerika bedroht, existiert nach wie vor.

Und wenn die vielen Experten recht behalten, die das Gipfeltreffen in den vergangenen Tagen bewertet haben, dann wird dieses Atomarsenal auch so schnell nicht schrumpfen oder gar verschwinden. Kim, so die fast einhellige Einschätzung, habe bei dem Treffen keine substanziellen Zugeständnisse gemacht, sondern sich nur vage zu einer möglichen Abrüstung bekannt - ohne Zeitplan, ohne Überprüfungsmechanismen, ohne harte Garantien. Ganz zu schweigen davon, dass der US-Präsident einen der übelsten Diktatoren und Menschenschinder der Welt hofiert und somit im Amt gefestigt habe.

Zugleich habe Kim Trump dazu überredet, die jährlichen US-Militärmanöver mit Südkorea auszusetzen - ein nennenswerter Sieg. Pjöngjang fordert seit Jahren das Ende dieser Manöver, Washington hat das bisher stets strikt abgelehnt. Doch jetzt stand Trump - zum Entsetzen der südkoreanischen Regierung - in Singapur vor der Presse und bezeichnete die Manöver, an denen seine eigenen Soldaten beteiligt sind, als "provokant", "unangemessen" und Geldverschwendung. Vizepräsident Mike Pence musste aufgebrachten Parlamentariern in Washington am Dienstag erklären, dass das nicht so gemeint war und amerikanische und südkoreanische Truppen weiter miteinander üben würden, wenn auch nicht mehr so oft wie zuvor.

Aus Sicht jener Beobachter, die erwartet hatten, Trump werde Kim bei dem Gipfel, wie von Außenminister Mike Pompeo versprochen, auf eine "vollständige, überprüfbare und unumkehrbare Denuklearisierung" festnageln, war das Treffen in Singapur daher ein Fehlschlag. Schlimmer noch: Der angeblich so großartige Verhandler Trump, so die Kritiker, sei von dem gewieften Jungdiktator reingelegt worden.

Die innenpolitisch wichtigere Frage ist freilich, ob die amerikanischen Bürger sich tatsächlich Sorgen um den exakten Wortlaut von Gipfeldokumenten machen, ob sie überhaupt an einem so langfristigen, komplizierten und technischen Thema wie der "Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel" interessiert sind. Oder ob sich nicht stattdessen die zweite Interpretation des Gipfels durchsetzt.

Unmittelbare Kriegsgefahr ist auf absehbare Zeit gesunken

Diese ist konkreter. Sie lautet: Noch vor einem halben Jahr standen die USA und Nordkorea kurz vor einem Krieg, der im besten Fall Zehntausende Südkoreaner das Leben gekostet hätte, im schlimmsten Fall zu einem atomaren Desaster hätte eskalieren können. Im Januar versteckten sich Hunderttausende Menschen in Hawaii in Bunkern und Kellern, weil sie einen nordkoreanischen Raketenangriff befürchteten. Kim und Trump drohten einander wechselseitig die Vernichtung an, im Weißen Haus wurde ernsthaft über einen Präventivschlag diskutiert. Es mag daher sein, dass die Abrüstung Nordkoreas durch den Gipfel nicht wesentlich vorangebracht worden ist. Die unmittelbare Kriegsgefahr jedoch ist durch das Treffen in Singapur auf absehbare Zeit deutlich gesunken.

Und es sind nicht nur notorische Trump-Fans, die diese Interpretation verbreiten. In der New York Times erschien am Dienstag ein Gastbeitrag von Victor Cha, einem der führenden Korea-Experten in Washington. Trump wollte Cha voriges Jahr eigentlich zum Botschafter in Südkorea ernennen. Doch Cha machte sich unbeliebt, weil er sich gegen die Pläne des Weißen Hauses aussprach, Kim Jong-un durch einen überraschenden Angriff eine "blutige Nase" zu schlagen. "Bei Nordkorea gibt es nie gute Optionen, man muss sich immer zwischen dem Schlechten und dem Schlechteren entscheiden", schrieb Cha. Amerika sei auf dem Weg in einen Krieg mit Nordkorea gewesen, in Singapur hätten Trump und Kim ihre Länder vor dem Abgrund gerettet.

Es ist daher keine Überraschung, dass Trumps Anhänger versuchen, diese zweite Interpretation als die allgemein gültige zu etablieren. Alles andere sei Gemäkel der neidischen Opposition und der Eliten, die Trump den großen Erfolg nicht gönnten, so der Tenor. Auch im bevorstehenden Kongresswahlkampf wird der Gipfel in Singapur ganz oben auf all den Listen stehen, auf denen die Republikaner gern die Leistungen ihres Präsidenten aufzählen. Zwar spricht wenig dafür, dass Trump sich aus wahltaktischen Gründen für das Treffen mit Kim entschieden hat - eher war es die Überzeugung, dass nur er der Welt einen Deal mit dem Nordkoreaner bescheren kann. Dennoch wird es den Republikanern wohl kaum schaden, wenn sie ab und zu im Wahlkampf die pompösen Bilder aus Singapur zeigen können - Trump, der Friedenspräsident, der geschafft hat, was keinem seiner Vorgänger gelungen ist. Oder, wie Trump selbst es am Mittwoch auf Twitter zusammenfasste: "Sleep well tonight!"

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SZ vom 14.06.2018/lalse
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