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Die Bundeskanzlerin und der US-Präsident:Genug der Contenance

G20-Gipfel in Osaka

Von Donald Trumps wichtigsten politischen Partnern ist Bundeskanzlerin Angela Merkel wohl diejenige, die ihm am reserviertesten begegnete, hier beim G-20-Treffen in Japan 2019.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

So schwer es ihr oft gefallen sein muss, Angela Merkel hat sich vier Jahre lang um ein wohltemperiertes Verhältnis zu Donald Trump bemüht. 13 Tage vor Ende seiner Amtszeit setzt sie nun einen Schlusspunkt.

Von Nico Fried

1448 Tage lang hat es Angela Merkel vermieden, Donald Trump in der Öffentlichkeit persönlich zu kritisieren. 13 Tage hätten noch gefehlt bis zum Ende seiner Präsidentschaft. Doch am Donnerstag blieb auch der meist um Wohltemperiertheit bemühten Kanzlerin nichts anderes übrig, als auszusprechen, was offenkundig war. "Ich bedauere sehr, dass Präsident Trump seine Niederlage seit November nicht eingestanden hat und auch gestern wieder nicht", sagte sie in Berlin. "Das hat natürlich die Atmosphäre bereitet, in der dann auch solche Ereignisse, solche gewalttätigen Ereignisse, möglich sind."

Es war eine klare Schuldzuweisung - und wohl der Schlusspunkt unter eine vierjährige politische Beziehung, in der es der amerikanische Präsident nicht an Schmähungen Deutschlands und Kritik an dessen Kanzlerin hat fehlen lassen. Weil Merkel - in diesem Punkt ganz Schülerin von Helmut Kohl - die transatlantische Partnerschaft für so wichtig hält, hat sie vieles hingenommen, manches diplomatisch pariert und doch stets das Gespräch gesucht, obgleich es im Laufe der Jahre immer weniger Austausch gab. Die letzte persönliche Begegnung mit Trump fand Ende 2019 in London beim NATO-Gipfel statt, auch Telefonate sind zuletzt immer seltener geworden.

Sogar alte "Playboy"-Interviews las die Kanzlerin, um auf das erste Treffen mit dem Neuen vorbereitet zu sein

Donald Trump hat Merkels persönliche Dankbarkeit für die Rolle der USA bei der Wiedervereinigung und ihre Achtung vor der demokratischen Tradition der USA nicht erschüttern können. Aber politisch hat sich doch einiges verändert. Den tiefsten Einschnitt formulierte Merkel schon im Sommer 2017, als sie nach einer Reihe konfrontativer Begegnungen mit Trump auf internationalen Gipfeltreffen mehr europäische Selbstverantwortung forderte. In einer Bierzeltrede in München sagte die Kanzlerin: "Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt."

Merkel hatte sich lange vorbereitet, als sie wenige Monate zuvor zu ihrer ersten persönlichen Begegnung mit Trump nach Washington flog. Sie hatte den US-Wahlkampf verfolgt, sich Reden des Kandidaten angehört und sogar im Playboy gelesen. Ein altes Interview galt seinerzeit als sehr aussagekräftig, was die Persönlichkeit des neuen Präsidenten anging, der in einer Welt aufgewachsen war, die so anders war als die Merkels in der DDR.

Dass der Mann, der im Wahlkampf "America first" propagierte, im Amt ein anderer sein werde, hoffte sie nie

So erzählte Trump, der später mit Immobilien sein Vermögen machte, wie er sich mit acht Jahren die Bauklötze seines Bruders geliehen hatte, um erstmals seine Vorstellungen für eine architektonische Umgestaltung Manhattans ins Werk zu setzen. 1954 war das, das Jahr, in dem Angela Kasner geboren wurde. 1990, als das Interview erschien, und nach dem Fall der Mauer eine noch unscheinbare Physikerin in der deutschen Politik auftauchte, hatte Trump gerade vom Waffenhändler Adnan Khashoggi für 29 Millionen Dollar eine Yacht gekauft.

Schon damals war aber auch Trumps Klage zu lesen, die USA würden von ihren "sogenannten Verbündeten" ausgenützt, darunter Deutschland. Die ganze Welt lache darüber, wie viele Milliarden die Amerikaner dafür verschwendeten, reiche Länder militärisch zu beschützen, "die ohne uns in etwa 15 Minuten von der Landkarte getilgt wären". In dieser Wahrnehmung war er sich bis zu seiner Präsidentschaft treu geblieben. Merkel verfiel nie der Hoffnung, dass der Trump, der im Wahlkampf "America first" propagierte, im Amt ein anderer Trump sein werde.

Trotzdem war sie neugierig. Acht Jahre zuvor hatte sie sich geweigert, Barack Obama von vornherein als den Heilsbringer zu sehen, als der er oft beschrieben worden war. Nun weigerte sie sich, in Trump einen Wahnsinnigen zu sehen, ohne ihm einmal begegnet zu sein. Das erste Treffen verlief wechselhaft - wie fast alle späteren auch. Berühmt wurde Trumps starrer Blick nach vorne, als Merkel ihn im Oval Office vergeblich zum Handshake gewinnen wollte. Nach den Gesprächen berichtete Merkel dann von einem "freundschaftlichen und warmherzigen Empfang". Und kaum war sie abgeflogen, schickte der Präsident ihr noch kritische Twitterbotschaften hinterher.

Mal nannte er sie brillant, mal dumm. Was gleich blieb, war seine Unberechenbarkeit

Zeugen mancher Treffen von Trump und Merkel erinnern sich, dass es Themen gab, bei denen er Interesse zeigte, andere, bei denen er sofort abschweifte. Seine Vorträge glichen oft den länglich mäandernden Reden, wie er sie auch in der Öffentlichkeit zu halten pflegt. Die wichtigsten Mitarbeiter, auch im Ministerrang, saßen meist schweigend oder kopfnickend dabei. Oft zeigte er sich in seinen Positionen unnachgiebig, gelegentlich überraschte er mit dem Satz: "Wenn Angela das so sagt, dann machen wir das eben." So blieb eines immer gleich: seine Unberechenbarkeit.

Trump gefiel sich in den Jahren danach immer wieder mal darin, Merkel zu beurteilen. Wenn sie in Pressekonferenzen neben ihm stand, äußerte er sich meistens positiv, nannte sie "brillant" oder "großartig". Jenseits der Kameras konnte das allerdings auch ganz anders klingen. In einer Mitschrift des Weißen Hauses dokumentiert sind Äußerungen in einem Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij. Wenn er mit der Kanzlerin spreche, so klagte Trump, dann würde sie über die Ukraine "zwar viel reden, aber nichts tun".

Einmal soll Trump Merkel am Telefon gesagt haben, sie sei "dumm", immer wieder erhob er auch den Vorwurf, sie stehe unter dem Einfluss der Russen" oder auch, Deutschland sei "ein Gefangener Russlands". Auf dem Nato-Gipfel 2018 konterte Merkel eine solche Attacke einmal auf ihre Art: Ohne Trump zu nennen, erinnerte sie "aus gegebenem Anlass" daran, dass sie selbst ein von der Sowjetunion kontrolliertes Land erlebt habe und sehr froh sei, dass Deutschland in Freiheit eigenständige Entscheidungen treffen könne.

Merkel ist im Umgang mit starken Egos weder für Schmeicheleien noch für Provokationen anfällig. Unterschiedliche Persönlichkeiten spielten eine Rolle in der Politik, hatte sie schon nach ihrem Antrittsbesuch in Washington gesagt, was Kompromisse manchmal erschwere. Aber dafür sei man schließlich gewählt worden. "Wenn das alles von alleine gehen würde, dann bräuchte man Politiker nicht."

Sehr zum Bedauern Merkels sabotierte Trump wichtige internationale Vereinbarungen, kündigte einseitig das Nuklear-Abkommen mit Iran und das Pariser Klimaabkommen auf. Überrascht war sie davon nicht. In ihrer Analyse verfolgte Trump durchgängig eine streng innenpolitische Agenda, ausgerichtet auf die jeweils nächsten Wahlen.

Unter den verbündeten Staaten arbeitete sich Trump am liebsten an Deutschland ab und mit zunehmender Dauer ihrer politischen Koexistenz vor allem an der Kanzlerin. Die zu geringen Ausgaben Deutschlands für Militärisches, das hohe Handelsdefizit der USA, die Erdgas-Lieferungen aus Russland und der Umgang mit China waren immer wiederkehrende Angriffspunkte. Für manchen Standpunkt hatte Merkel auch Verständnis, vor allem für den Ärger über deutsche Rückstände bei den in der Nato gemeinschaftlich beschlossenen Militärausgaben.

Von Trumps wichtigsten politischen Partnern ist Merkel diejenige, die ihm die ganze Amtszeit hindurch am reserviertesten begegnete. Mit Boris Johnson pflegte er eine Freundschaft. Der vor Kurzem zurückgetretene japanische Premier Shinzo Abe ließ sich auf gemeinsame Golf-Ausflüge in Florida ein, Emmanuel Macron lud Trump 2017 zur Parade am französischen Nationalfeiertag ein, Abendessen im Eiffelturm inklusive, und wurde dafür ein Jahr später während eines dreitägigen Staatsbesuchs in Washington mit einem festlichen Bankett belohnt. Merkel, die kurz nach Macrons Abreise ankam, blieb drei Stunden und bekam ein Arbeitsmittagessen.

Dass Merkel sowohl seinem politischen Gebaren wie auch seinen gelegentlichen Charme-Offensiven mit dem immer gleichen trockenen Stoizismus begegnete, dürfte einer der Gründe sein, weshalb die politische Beziehung sichtlich erkaltete. Nur einmal verlor Merkel vor laufenden Kameras fast die Contenance, als Trump in Biarritz erklärte, er werde bald Deutschland besuchen: "I have German in my blood." Da drückte es einen kurzen Lacher aus ihrer Kehle, den die Kanzlerin aber gerade noch mit zusammengekniffenen Lippen abfangen konnte.

Korrektur: In einer vorigen Version dieses Artikels hieß es, die letzte persönliche Begegnung zwischen Trump und Merkel habe im August 2019 in Biarritz stattgefunden. Das ist nicht korrekt: Zuletzt begegneten sich die beiden im Dezember 2019 in London.

© SZ
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