Trump-Enthüllungsbuch Mehr als 500 Seiten über die Furcht vor dem Egozentriker

Furcht verbindet die Mitarbeiter im Weißen Haus, die hinter Donald Trump stehen müssen.

(Foto: AFP)

Bob Woodward schildert in seinem Bestseller, der an diesem Montag auf Deutsch erscheint, das Chaos im Weißen Haus. Er beschreibt einen beratungsresistenten US-Präsidenten, der Kurskorrekturen hasst und fast einen Atomkrieg ausgelöst hätte.

Rezension von Matthias Kolb

Donald Trump ist exakt ein halbes Jahr im Amt, als Verteidigungsminister Jim Mattis und Wirtschaftsberater Gary Cohn erneut versuchen, das "große Problem" zu lösen. Beide verzweifeln daran, dass der Präsident nicht versteht, wie wichtig die Verbündeten in Asien und Europa für die USA sind. Um Trump zu erklären, dass militärische, wirtschaftliche und geheimdienstliche Partnerschaften mit ausländischen Regierungen miteinander verknüpft sind, schmieden sie einen Plan: Sie werden ihren Chef herausholen aus dem Weißen Haus, wo er täglich acht Stunden fernsieht, und ihm im Pentagon die Komplexität der Welt erklären. Sie bringen ihn in einen holzgetäfelten Konferenzsaal, denn Optik ist für Trump wichtiger als Substanz.

Als Trump "The Tank" verlässt, bleiben im abhörsicheren Raum schockierte Männer zurück. Während Stabschef Reince Priebus denkt: "So also sieht Wahnsinn aus", sagt Außenminister Rex Tillerson: "Er ist ein verdammter Vollidiot." Nachzulesen ist die Szene aus dem Juli 2017 in "Furcht. Trump im Weißen Haus". Bob Woodward schildert minutiös, wie Berater Trump mit großen Karten erklären, wo das US-Militär vertreten ist und welche Handelsabkommen die Staaten verbinden. Der Präsident schweigt zunächst und sagt dann: "Davon will ich nichts hören, das ist kompletter Blödsinn."

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Wie ein roter Faden zieht sich die Beratungsresistenz des 45. US-Präsidenten durch Woodwards Werk, von dem in den USA schon mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Den Titel - das Buch erscheint an diesem Montag auf Deutsch - hat der 75-Jährige einem Interview entnommen, das er im März 2016 mit Trump für die Washington Post führte: "Wirkliche Macht ist - ich möchte dieses Wort eigentlich gar nicht benutzen - Furcht."

Die mehr als 500 Seiten legen offen, was die Mitarbeiter der zerstrittenen Regierung verbindet: Furcht vor dem Egozentriker. Den Menschen außerhalb des Weißen Hauses nimmt Woodward die Hoffnung, dass sich Trump ändern und etwa die Bedeutung der Nato begreifen könnte: Er ist getrieben von der Angst, als Schwächling dazustehen und hasst Kurskorrekturen.

Für Woodward, dessen Watergate-Recherchen zum Rücktritt von Richard Nixon 1974 führten, ist Trump schon der neunte US-Präsident, dem er ein Buch widmet. Es liegt an dieser Erfahrung, dass "Furcht" einen Ehrenplatz im Kanon der Trump-Bücher finden wird und die Welt aufhorcht, wenn er im Prolog den "Nervenzusammenbruch der politischen Exekutive des mächtigsten Landes der Welt" ankündigt.

In US-Medien wird Woodward neben Michael Wolff, James Comey und Omarosa Manigault Newman als "Trump-Chronist" geführt, doch jedes dieser Werke setzt andere Schwerpunkte. Während der Ex-FBI-Chef sowie die Afroamerikanerin Omarosa, einst Star in Trumps TV-Sendung "The Apprentice", von direkten Interaktionen mit dem Präsidenten berichten, hat Wolff in "Feuer und Zorn" als Erster das tägliche Chaos in eine große Geschichte gepackt.

Bob Woodward: Furcht. Trump im Weißen Haus. Rowohlt-Verlag Reinbek 2018. 512 Seiten, 22,95 Euro. E-Book: 19,99 Euro.

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Erzählerisch ist Woodward unterlegen, aber niemand kennt mehr Details. Für "Furcht" hat er Hunderte Interviews mit den wichtigsten Akteuren geführt, die er teils spätabends anrief oder an deren Washingtoner Türen er klingelte. Oft durfte Woodward ein Tonband verwenden und alles "unter zwei" verwenden: So nennen es Journalisten, wenn zwar zitiert werden darf, aber die Quelle verborgen bleibt. Woodward ordnet diese Informationen, prüft sie anhand von Dokumenten (manche sind abgebildet) und erzählt Szenen in Dialogform nach. Dass viele Akteure die ihnen zugeschriebenen Zitate dementieren, ist Teil des Spiels - und dient dem Selbstschutz vor Trumps vulkanischer Wut.