bedeckt München 20°

Todesstrafe:Zahl der Hinrichtungen nimmt weiter ab

Todeszelle

Kammer im Gefängnis von Huntsville, Texas, USA, in dem Todesurteile vollstreckt werden.

(Foto: dpa)
  • Amnesty International meldet für 2019 die niedrigste Zahl von Hinrichtungen seit zehn Jahren.
  • Zu 657 registrieten Fällen kommen jedoch noch Tausende Tote in China - das Land hält die tatsächliche Anzahl geheim.
  • Angesichts der Entwicklung sieht die Menschenrechtsorganisation die internationale Staatengemeinschaft insgesamt auf einem guten Weg zur Abschaffung der Todesstrafe.

Von Markus C. Schulte von Drach

Für Gegner der Todesstrafe ist die Zahl der Hinrichtungen im Jahr 2019 einerseits natürlich nie ein Grund zur Freude - 657 Exekutionen hat Amnesty International (AI) gezählt. Andererseits ist es die geringste Anzahl, die die Menschenrechtsorganisation seit zehn Jahren dokumentiert hat.

Angesichts der Entwicklung sieht die Organisation die internationale Staatengemeinschaft "insgesamt auf einem guten Weg zur Abschaffung der Todesstrafe". Schließlich ist 2019 das vierte Jahr in Folge, in dem die Zahl der vollzogenen Todesurteile gesunken ist. Ein Jahr zuvor waren es mit 690 Hinrichtungen fünf Prozent mehr. 2015 hatte AI sogar noch mehr als 1600 Exekutionen dokumentiert.

In China vermutlich Tausende hingerichtet

Weitgehend unberücksichtigt bleiben allerdings Opfer der Todesstrafe in China, wo es allein mehrere Tausend sein dürften. Auch aus Syrien, Nordkorea und Vietnam liegen keine Zahlen vor. Diese Länder geben über die Exekutionen keine Auskunft; Amnesty kann die Zahlen hier nur schätzen und berechnet für die Gesamtsumme zwei Fälle.

Ein Fortschritt ist es auch, dass in nur noch 20 Ländern Verurteilte getötet wurden. Nach China wurden mit mindestens 251 Fällen die meisten Todesurteile in Iran vollstreckt, in Saudi-Arabien waren es 184 - so viele wie noch nie in diesem Land. Den Menschenrechtsaktivisten zufolge nutzt die Justiz die Hinrichtungen als politische Waffe gegen Dissidenten der schiitischen Minderheit. Irak kam auf mindestens 100 Hinrichtungen. Viele der Getöteten sollen Angehörige des sogenannten "Islamischen Staates" gewesen sein. In Ägypten starben mit 32 Menschen deutlich weniger als 2018 durch den Strang. In den USA starben 22 Verurteilte durch eine Giftspritze oder auf dem elektrischen Stuhl.

Zum Tode verurteilt wurden weltweit immerhin noch mindestens 2307 Personen in 56 Staaten. Auch hier dürfte China mit Tausenden von Fällen an der Spitze stehen, gefolgt von Pakistan mit mindestens 632, Ägypten mit 435 und Bangladesch mit mindestens 220 Todesurteilen. In den USA wurden immerhin noch 35 Menschen zum Tode verurteilt - der Trend geht hier seit einigen Jahren deutlich nach unten. 21 US-Bundesstaaten haben inzwischen die Todesstrafe abgeschafft, andere halten es wie Gavin Newsom, der Gouverneur von Kalifornien. Er verhängte 2019 ein Moratorium über die Hinrichtungen. "Das gezielte Töten einer anderen Person ist falsch, und als Gouverneur werde ich die Exekution keiner einzigen Person zulassen", sagte Newsom.

Trump will töten lassen

Obwohl kein Land 2019 die Todesstrafe abgeschafft hat, sieht Amnesty Hinweise auf eine abnehmende Akzeptanz. Zwar soll auf den Philippinen die Todesstrafe wieder eingeführt werden. Im Drogenkrieg des Präsidenten Duterte wurden bereits Tausende Menschen von der Polizei ohne Urteile getötet. Auch US-Präsident Donald Trump forderte, zum Tode verurteilte Häftlinge, die etwa wegen Hochverrats, Spionage, Mord an Geschworenen oder Justizbeamten in Bundesgefängnissen sitzen, wieder hinzurichten. Seit 2003 wurde kein solcher Gefangener mehr getötet.

Immerhin gelten aber in Kasachstan, Russland, Tadschikistan, Malaysia und Gambia weiterhin Moratorien über Hinrichtungen. Barbados hat das obligatorische Todesurteil für Mord abgeschafft. Und es gibt Hinweise darauf, dass die Zentralafrikanische Republik, Äquatorialguinea, Gambia, Kasachstan, Kenia und Simbabwe die Todesstrafe abschaffen wollen.

© SZ.de

Fall Khashoggi
:Fünf Todesurteile und viele Fragen

Riad verkündet die Schuldsprüche im Fall des ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi. Doch die Hauptverdächtigen kommen unter fragwürdigen Umständen frei.

Von Dunja Ramadan

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite