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Berlinale-Sieger "There is No Evil":Fanal gegen die Todesstrafe

70th Berlinale International Film Festival in Berlin

Stellvertretend für den mit Reiseverbot belegten iranischen Regisseur Mohammad Rasoulof nahm seine Tochter Baran Rasoulof den Goldenen Bären entgegen.

(Foto: REUTERS)

Der Goldene Bär geht an den iranischen Film "There is No Evil" - ein heimlich gedrehter Film über Hinrichtungen, der dem Regime kaum gefallen dürfte.

Von Susan Vahabzadeh

Der Knaller kam zum Schluss. Als Mohammed Rasoulofs "There is No Evil" am Freitag als letzter Film im Wettbewerb der siebzigsten Berlinale gelaufen war, konnte man im Saal spüren, das viele im Publikum sich sicher waren, nun den Siegerfilm gesehen zu haben. "There is No Evil" hat ein paar ganz großartige Szenen. Aus vier Episoden besteht der Film, in allen geht es um Hinrichtungen.

Einen Henker sieht man, der tagsüber ein seltsam stoischer, liebevoller Familienvater ist und nachts, auf dem Weg zur Arbeit, in seinem stehenden Auto vor der grünen Ampel sitzt, als sei er lange schon gar nicht mehr richtig da. Einen Soldaten, der meutert, als er während seines Wehrdienstes eine Hinrichtung vollstrecken soll - als er mit seiner Verlobten durch die Nacht flüchtet, lachen die beiden, und man könnte einen Augenblick lang tatsächlich meinen, sie glaubten, ihnen gelänge die Flucht. Aber dann singen sie mit, während das alte italienische Partisanenlied "Bella Ciao" erklingt, das lange nicht so fröhlich ist, wie es klingt: Und falls ich in den Bergen sterbe, dann musst du mich begraben. Bella Ciao, Ciao, Ciao. Mohammed Rasoulof konnte den Goldenen Bären nicht entgegennehmen, mit dem der Film am Samstagabend ausgezeichnet wurde. Seine Tochter, die in Hamburg lebt und in der letzten Episode mitspielt, musste das übernehmen, denn reisen darf Rasoulof schon seit Jahren nicht mehr.

Silberner Bär für Paula Beer

Ein iranischer Film über die Todesstrafe? Das kommt einem nicht so vor, als sei das Kulturministerium in Teheran von so einem Projekt begeistert; es ist andererseits naheliegend, denn Iran gehört zu den Ländern, in denen am häufigsten die Todesstrafe verhängt wird.

Es gab schon auch noch andere Favoriten bei der Berlinale: Eliza Hittmans Abtreibungsdrama "Never Rarely Sometimes Always" beispielsweise, das dann auch tatsächlich mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde. Die Darstellerpreise gingen an Paula Beer für die irdische Nymphe "Undine", die sie für Christian Petzold gespielt hat und an Elio Germano, der in "Hidden Away" sehr eindringlich den Maler Antonio Ligabue spielte, der sich nach und nach aus so einer Art Kaspar-Hauser-Existenz herausmalt. Den Kameramann Jürgen Jürges zeichnete die Jury - deren Präsident war der britische Schauspieler Jeremy Irons - für "Dau. Natasha" aus, und an der Kamera dieses ansonsten eher prätentiösen, leeren Films war tatsächlich nichts auszusetzen.

Als bester Regisseur wurde Hong Sangsoo für "Die Frau, die rannte" ausgezeichnet - das war der einzige Film in diesem Jahr, der Szenenapplaus bekam: für den Auftritt einer Katze, die die sehr koreanisch-höfliche Abfuhr, die ihre Besitzerinnen einem katzenhassenden Nachbarn erteilen, mit schief gelegtem Köpfchen verfolgt. Ob "Die Frau, die rannte" nun wirklich zu den besten Filmen des Festivals gehörte, darüber kann man zumindest streiten; genauso wie über den Preis für das beste Drehbuch für den italienischen Film "Favolacce" über suizidale Kinder.

Rasoulof hat Arbeitsverbot, was ihn dafür erwartet, dass er trotzdem einen Film gedreht hat, ist unklar

Ist es nun eine rein politische Entscheidung, Rasoulofs Film mit dem Goldenen Bären auszuzeichnen? "There is No Evil" ist auch so gut genug. Als Jafar Panahi 2015 mit "Taxi Teheran" gewann, gab es eine ähnliche Debatte. Nun kann man sagen, dass "Taxi Teheran" zwar irgendwie clever ist, aber nun einmal so aussieht, als sei er in weiten Teilen im Auto mit einer Dashboard-Kamera gedreht. So hat er den Film ja auch gemacht, womit er sehr trickreich umging, dass er in Iran eigentlich weder Regie führen darf noch Drehbücher schreiben. "There is No Evil" ist kunstvoll verwoben - man meint ein paar Mal, die Episoden seien zusammenhängend, aber das ist nur so, um die Allgemeingültigkeit von Rasoulofs Argumentation zu unterstreichen. Und wer findet, der Film sei sehr auf seine These hin konstruiert: Dass der Bauplan einer Geschichte geradezu sichtbar wird, hat im iranischen Kino seit Abbas Kiarostami filmische Tradition.

Es gibt natürlich durchaus politische Gründe, Rasoulof auszuzeichnen: Der Regisseur wurde gemeinsam mit Jafar Panahi bei den Protesten zu den iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 verhaftet, er hat Arbeitsverbot und hat gerade in der Berufung gegen das Urteil verloren: Er soll für ein Jahr in Haft. Er hat trotzdem immer weitergemacht, er war in der Zwischenzeit sogar im Ausland und hat in Cannes 2017 seinen Film "A man of Integrity" vorgestellt. Und ist dann wieder in den Iran zurückgeflogen. Denn dort, sagte er dem Hollywood Reporter, sei er eben zuhause.

"There is no Evil", von Arte und der Filmförderung Schleswig Holstein coproduziert, hat er heimlich gedreht, die Dreharbeiten zu jeder Episode waren einzeln als Kurzfilm genehmigt, allerdings nicht Rasoulof als Regisseur. Was Rasoulof nun dafür erwartet, ist unklar. Er hat sich ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. "There is No Evil" geht aber eigentlich gar nicht mit dem Regime an sich ins Gericht. Es geht um die Todesstrafe an sich, nicht um die Exekution von Dissidenten. Nur einer der Verurteilten im Film ist ein politischer Häftling. Der desertierende Soldat fragt den Mann, den er nicht hinrichten wird sogar, wofür er verurteilt wurde, aber er wartet die Antwort nicht ab, denn es ist egal. Rasoulofs Film lehnt die Todesstrafe ab, egal, um was es dabei geht.

Um jenen Teil des Kinos, für den sich Festivals interessieren, ist es nicht besonders gut bestellt

Was die Preise dann eben nicht abbilden, das ist, was an diesem Wettbewerb anders war als sonst. Immerhin war es ja der erste, den der neue künstlerische Direktor Carlo Chatrian zusammengestellt hat, der seit diesem Jahr gemeinsam mit Mariette Rissenbeek die Berlinale leitet. Und ein Bemühen um Filme mit sehr eigenen künstlerischen Handschriften war durchaus sichtbar - da war Tsai Ming-Liangs schweigsames Einsamkeits-Drama "Days", man sah viel Courage in "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani, der Döblins Roman auf das Berlin der Gegenwart hinbog, leise Intensität und lakonischen Humor bei Kelly Reichardt in "First Cow".

Dass die beiden amerikanischen Beiträge, sowohl "Never Rarely Sometimes Always" als auch "First Cow", schon vorab bei anderen Festivals gezeigt worden waren, hätte man Chatrians Vorgänger Dieter Kosslick vielleicht um die Ohren gehauen. Aber zu Unrecht. Der Februar ist kein idealer Termin. Früher einmal war das nicht so wichtig, inzwischen werden viele Filme aber kurz vorher lanciert, damit sie für nationale Preise in Frage kommen, die sich aufs Vorjahr beziehen. Vor allem aber ist es ja so: Die Berlinale kann sich, Führungswechsel hin oder her, nicht schlagartig in Cannes 2005 verwandeln. Wer das erwartet hat, hat die Entwicklungen in der Filmbranche in den letzten Jahre nicht mitbekommen.

Denn ein Festival kann keine Filme zeigen, die es nicht gibt. Es ist auch bei anderen Festivals sichtbar, dass es um jenen Teil des Kinos, für den sich Festivals interessieren, nicht besonders gut bestellt sein kann. Anders als früher kursierten beim Festival eben nicht lauter Filmtitel, die hätten da sein sollen, dann aber fehlten. Und ob Cannes und Venedig tatsächlich mit einem Wettbewerb ohne Durchhänger aufwarten können, bleibt abzuwarten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Umstand, dass das Arthouse-Kino nur noch sehr geringe Besucherzahlen erwirtschaftet, sich auch auf die Produktion durchschlägt. Und die goldenen Zeiten des amerikanischen Independent-Kinos, in denen Festivalmacher aus dem Vollen schöpfen konnten, sind schon lange vorbei.

Sollte ein Festival sich daran anpassen, indem es von Vornherein auf das setzt, was Streamingdienste sich leisten, um ihr Prestige aufzumotzen? Sollten dort mittelmäßige Filme laufen, nur weil Leute darin mitspielen, die auf dem roten Teppich etwas hermachen? Sicher nicht - erst wenn es keine Regisseure mehr gibt, die dem wirtschaftlichen Widerstand trotzen und einfach ihr Ding durchziehen, ist alles verloren. Bis dahin kann man von Festivals erwarten, dass sie fürs Kino kämpfen.

© Sz.de/hij
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