Todesmärsche im Zweiten Weltkrieg Allierte konfrontierten die deutsche Bevölkerung mit den Gräueltaten

Vor allem die westlichen Alliierten konfrontierten die deutsche Bevölkerung mit den Gräueltaten vor ihrer Haustüre. Sie zwangen sie zur Teilnahme an den Exhumierungen und anschließenden Bestattungen in zumeist neu errichteten Friedhöfen und Gedenkstätten. Diese öffentlichen Veranstaltungen, deren Bilder um die Welt gingen, waren Strafaktion und gleichzeitig Teil der versuchten Reeducation der deutschen Bevölkerung, die zu Gesinnungswandel und Scham über die Verbrechen führen sollten.

In einem Vergleich zwischen Sachsen und Bayern legt der Autor die Entwicklung des Gedenkens dar, die in den darauffolgenden Jahren wiederum sowohl durch die unterschiedlichen politischen Systeme bestimmt wurde - als auch Gemeinsamkeiten aufwies. In der DDR reduzierte sich das Gedenken und die Gestaltung von Mahnmalen als Teil der staatlichen Geschichtsideologie immer stärker auf die politischen Gefangenen unter den Opfern der Todesmärsche.

In Bayern, wo sich die Gestaltung der KZ-Grabstätten von Beginn an an Kriegsgräbern orientierte, wurde die Aufgabe der staatlichen Betreuung der KZ-Grab- und Gedenkstätten 1952 der Staatlichen Verwaltung der Bayerischen Schlösser, Gärten und Seen zugewiesen. Hier ging es ebenfalls nicht um konkrete historische Aufklärung von historischen Fakten und Differenzierung der Opfergruppen, sondern um Reduzierung der Sichtbarkeit und finanzielle Einsparung.

Durch die Zusammenlegung von 500 bayerischen Friedhofsanlagen auf 75 ging der geografische Kontext zu den Tatorten an den meisten Orten verloren. In beiden Teilen Deutschlands verloren die überlebenden Opfer an Einfluss, wurde zu Beginn der 1950er-Jahre das Kapitel Todesmärsche als abgeschlossen betrachtet, die Beteiligung der Bevölkerung nicht mehr thematisiert.

Immer noch wird die Mär verbreitet, die SS wäre allein verantwortlich gewesen

Erst im Laufe der 1980er-Jahre wurde der Geschichte der Evakuierung der Konzentrationslager in beiden deutschen Staaten wieder verstärkte Aufmerksamkeit zuteil. In der DDR beschäftigten sich regimekonforme "junge Historiker" im Rahmen der staatlichen Geschichtsideologie mit dem Thema; erste Versuche, die politischen Prämissen dieser Ideologie zu hinterfragen, endeten mit dem Fall der Mauer.

In der Bundesrepublik begann im Zusammenhang mit vielerorts außerhalb der etablierten Historikergemeinschaft entstehenden Geschichtswerkstätten die Aufarbeitung von nationalsozialistischer Lokalgeschichte, wie auch der KZ-Außenlager und der Todesmärsche. Auch hier dient wieder Bayern als Exempel, wo ein 1985 initiiertes Mahnmalprojekt für die Opfer des Dachauer Todesmarsches zunächst Widerstände, dann aber eine breite öffentliche Debatte und jahrzehntelange Bemühungen um Aufarbeitung auslöste.

Nach 1990 begann sich eine gesamtdeutsche Sicht auf die nationalsozialistischen Verbrechen, die Übernahme von gesamtstaatlicher Verantwortung für das Erbe der Jahre 1933 bis 1945 und ein zunehmendes Forschungsinteresse zu entwickeln, das im Jahr 1995 anlässlich der 50. Wiederkehr der Befreiung der Lager einen Höhepunkt erreichte.

Heute ist das Fazit des Autors zwiespältig. Vielfacher Bemühung um Aufarbeitung und Etablierung einer dauerhaften Gedenkkultur stehen noch immer Abwehr und Verdrängung der Mehrheitsgesellschaft gegenüber. Die Verbrechen der Todesmärsche werden in der allgemeinen Wahrnehmung ausschließlich der SS zugeordnet, die Bevölkerung wird in der Opfer- oder Helferrolle gesehen, die Verbrechensgemeinschaft gerät nicht ins Blickfeld.

Martin Clemens Winter ist es gelungen, die komplexe Geschichte dieser Katastrophe differenziert und doch empathisch darzustellen. Seine Studie ist auch ein Mahnmal für die zahllosen zumeist namenlosen Opfer der Todesmärsche. Gleichzeitig bietet sie der heutigen Zivilgesellschaft ein Lehrstück zur Wirkmächtigkeit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Barbara Distel war von 1975 bis 2008 Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau.

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