Todestransport im Zweiten Weltkrieg Wie tschechische Zivilisten zu Helden wurden

Zu Kriegsende 1945 karrt die SS in einem Zug Tausende KZ-Häftlinge durchs heutige Tschechien. Nahe Prag hilft die Bevölkerung den Gefangenen - ein heimlich aufgenommener Film dokumentiert die beispiellose Aktion.

Von Oliver Das Gupta, Prag

Am Abend des 29. April 1945 erreicht der Zug mit der Nummer 94803 Roztoky, einen nördlichen Vorort von Prag. In den 77 offenen Güterwaggons sind Menschen eingepfercht, mehr als 4000 Häftlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern rollen seit Tagen Richtung Süden, Ausgangspunkt des Transports ist das KZ Leitmeritz.

Männer und Frauen sind auf der Zwangsfahrt dabei, Franzosen und Russen, Tschechen und Italiener, Deutsche und Slowenen. Viele sind gefangen, weil sie jüdisch sind. In manchen Waggons ist es so eng, dass die Häftlinge stehen müssen.

Die meisten sind ausgemergelt, verletzt und krank, alle hungern und haben Durst. Manche sterben schon jetzt, die anderen rechnen damit, bald auch tot zu sein. Es geht das Gerücht herum, dass die Deutschen die Gefangenen als lebende Schutzschilde gegen die nahenden Befreier einsetzen wollen. Aber das Ziel ist wohl das KZ Mauthausen in Österreich. Dort gibt es einen Steinbruch, in dem Häftlinge zu Tode geschunden werden. Und dort gibt es eine Gaskammer.

Aber hier in Roztoky nahe Prag passiert an diesem 29. April und auch am darauffolgenden Tag etwas Außergewöhnliches. Es ist schon halb neun Uhr abends, aber es ist viel los rund um den Bahnhof. Der gut organisierte tschechische Widerstand ist auf den Transport schon Tage zuvor aufmerksam geworden und hat seine Ankunft in Roztoky den Gewährsleuten vor Ort angekündigt. Und so sind zahlreiche tschechische Zivilisten herbeigekommen. Sie wollen nicht nur schauen, sie wollen helfen.

Der örtliche Gemischtwarenhändler Jaroslav Krejčí filmt, was auf dem Bahnhof geschieht: Häftlinge, um deren abgemagerte Körper die gestreiften KZ-Kittel schlottern. Einer löffelt Suppe und schaut direkt in die Kamera - er lächelt. Die Verletzten oder besonders Schwachen werden ins Bahnhofsgebäude gebracht, etwa 80 Häftlinge entkommen so dem Todestransport. Kinder reichen Brotlaibe und Lebensmittelkisten weiter.

Die tschechischen Zivilisten versorgen Frauen mit Verpflegung, die sich nicht aus ihrem Waggon trauen. Später winken sie, als der Zug weiterfährt. Auch an wenigen anderen Orten im schrumpfenden Nazi-Reich werden Todesmärsche fotografiert, aber bewegte Bilder davon sind keine weiteren bekannt. So ist der Film des Händlers Jaroslav Krejčí wohl einzigartig - und ein Zeitdokument einer kollektiven Heldentat.

Der Streifen zeigt auch Uniformierte, die durchs Bild laufen, manchmal sieht man sie von hinten - das sind die deutschen Bewacher. Tote KZ-Häftlinge sind in den erhaltenen Filmsequenzen zu sehen. Auch deren spätere Beerdigung wird gefilmt.

Nach Verhandlungen mit den Zivilisten gibt die SS nach

Der Zweite Weltkrieg ist zu diesem Zeitpunkt für Hitler-Deutschland längst verloren, vom Osten, Westen und Süden kämpfen sich die Armeen der Sowjetunion, Großbritanniens, der USA und ihrer Verbündeten vor, sie erreichen auch nach und nach die Konzentrationslager. Die Hauptstoßrichtungen der Alliierten zielen auf Berlin und im Süden auf Wien. Die Befreiung der ehemaligen Tschechoslowakei inklusive der Hauptstadt Prag hat nachgeordnete Priorität.

Der Staat war im Herbst 1938 durch das Münchner Abkommen zerschnitten worden. Die Sudetengebiete wurden dem braunen Reich einverleibt, die Slowakei ein Berlin höriger Satellitenstaat. Das, was noch übrig war, nannte Hitler abfällig "Rest-Tschechei". Hitler ließ es im März 1939 besetzen und in "Protektorat Böhmen und Mähren" umbenennen. Seitdem wurden die Tschechen brutal unterdrückt und ausgebeutet, immer wieder gab es Gräuel wie die Vernichtung des Dorfes Lidice.

Bis in die letzten Kriegstage kontrollieren die Deutschen das heutige Tschechien weitgehend, das deshalb Ziel von sogenannten "Evakuierungen" wird. Obwohl es kaum noch Transportkapazitäten gibt, befiehlt das untergehende Regime, dass die Häftlinge aus den Konzentrationslagern weggeschafft werden - wer nicht mehr kann, wird ermordet. Die Deutschen begehen angesichts der totalen Niederlage zahlreiche Endphaseverbrechen, zu denen auch die sogenannten Todesmärsche und Todestransporte zählen.

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Zug Nummer 94803 ist auch so ein Transport. Dass es in Roztoky überhaupt zu der gut organisierten Hilfsaktion kommt, ist wohl dem Bahnhofsvorsteher Jan Najdr zu verdanken. Er scheint eine beeindruckende Autorität auszustrahlen. Gemeinsam mit Angehörigen des tschechischen Widerstandes verhandelt er mit den deutschen Bewachern. Es handelt sich um SS-Leute, alternde Wehrmachtssoldaten und Kriminelle, die in den KZ als Kapos fungieren. Bahnhofsvorsteher Najdr und seine Leute bleiben hartnäckig, die Deutschen geben schließlich nach. Was den Ausschlag gibt, ist nicht ganz klar.

Es gebe seit Kurzem einen Hinweis, dass damals ein fanatischer SS-Mann erschossen worden wäre, sagt die tschechische Historikerin Pavla Plachá zur Süddeutschen Zeitung, die das Geschehen erforscht hat. Auch mindestens ein Häftling wird damals nach Ankunft des Zuges in Roztoky ermordet.

Sofort nach der Einigung mit den Deutschen beginnen die Tschechen, die Häftlinge mit Wasser, Nahrung und Medizin zu versorgen. Schüler bringen einen Sack gekochter Kartoffeln, andere verteilen Milch und Suppe. Der Gymnasiast Mirko Janeček kümmert sich um diejenigen, die die Tortur nicht überstanden haben - er zieht Leichen aus den Waggons und legt sie auf den Bahnsteig.

Aber die Einwohner von Roztoky unternehmen noch mehr, als auf Fotos und Film zu sehen ist. Jaroslav Pleskot, den die Deutschen in den Konzentrationslagern Groß-Rosen und Leitmeritz als Arbeitssklaven gehalten hatten, wird in der Gepäckaufbewahrung des Bahnhofs seine gestreifte Häftlingsmontur los: "Schnell, runter damit", sagt ein Bahnbeamter zu dem 21-Jährigen. Zusammen mit einem anderen neu eingekleideten Häftling wird er wenig später von einem Zivilisten in Empfang genommen.

Pleskot erschrickt, er fühlt sich abgeführt. "Keine Angst", sagt der Mann zu ihm. Und bringt beide zu sich nach Hause. Etwa 300 der Gefangenen können mit Hilfe der Bevölkerung fliehen, sie schlüpfen in privaten Quartieren unter oder werden im Wald versteckt.

In Prag können sogar 1000 Häftlinge flüchten

Was in Roztoky damals passiert, geschieht in ähnlicher Weise an mindestens drei Stationen des Weges, den der Transport 94803 durch das "Protektorat" nimmt, etwa am nächsten Tag im Bahnhof Prag-Bubny, wo sogar etwa 1000 Häftlinge mit Hilfe der Einwohner flüchten können.

Nicht nur einzelne Zivilisten zeigen damals Courage, sondern Hunderte Frauen und Männer, Alte und Junge - alle helfen auf verschiedene Weise. Tschechische Bahnarbeiter melden die Transporte schon seit Monaten, manchmal sabotieren sie die Weiterfahrt.

In Deutschland bringen allenfalls Einzelne den Mut und die Menschlichkeit auf, den die Bevölkerung von Roztoky unter den Augen der SS-Wachen zeigt.

Zweiter Weltkrieg

Hilfe für die Häftlinge vom Todeszug aus Leitmeritz

Das damalige Geschehen war über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten. Erst jetzt konnten Historiker aus Tschechien und Deutschland den Verlauf des Todestransports 94803 rekonstruieren. Gemeinsam dokumentierten die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und das Militärhistorische Institut Prag ihre Erkenntnisse in einer Ausstellung.

Die Recherche wurde einer breiteren Öffentlichkeit näher gebracht in Form einer Dokumentation, die im Januar 2018 im Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wurde. Sogar Zeitzeugen kamen zu Wort: Solche, die damals geholfen haben und solche, die damals in den Waggons litten.

Die Aktionen der tschechischen Bevölkerung retteten vielen Häftlingen das Leben, doch unzählige Häftlinge starben trotzdem. Der Verlauf des Todestransports ist von Anfang an gekennzeichnet von Leiden, Grausamkeiten und Mord.

Am Ende schießt auch die Frau eines SS-Mannes Häftlinge tot

Das Töten beginnt schon in Leitmeritz, dem heute wieder tschechischen Litoměřice, wo der Transport Ende April 1945 beginnt. Der Ort wurde 1938 von Tschechien abgetrennt und war bis 1945 Bestandteil des deutschen Nazi-Reichs. Das dortige KZ Leitmeritz - eine Außenstelle des Stammlagers Flossenbürg - wird geräumt, schon auf dem Weg zum Bahnhof schlagen SS-Wachen schwachen Häftlingen mit ihren Gewehrkolben die Schädel ein.

Im nahen Lovosice steht der Zug einige Tage vor einer Zuckerfabrik, die Häftlinge bleiben nahezu ohne Versorgung. Manche versuchen zu fliehen, sie werden von Mitgliedern der örtlichen Nachrichtenschule der Waffen-SS erschossen. Nach dem Krieg werden die Leichen von 79 Häftlingen exhumiert.

Immer wieder töten die Bewacher Häftlinge, selbst als klar ist, dass sich Hitler im Führerbunker umgebracht hat und Berlin erobert wurde. Die mörderische KZ-Maschinerie rollt bis zum Schluss. In Velešín, etwa 25 Kilometer vor der Grenze zu Österreich, endet die mörderische Fahrt nach mehr als zwei Wochen. Die Bewacher geben den Todestransport erst am 8. Mai auf und fliehen.

Keine 48 Stunden zuvor hatte der in Prag zugestiegene SS-Hauptsturmführer Friedrich Graun mit seinen Kumpanen auf Häftlinge im Zug geschossen, minutenlang, einfach so. Allein Grauns Ehefrau Gertruda soll mindestens vier Menschen getötet haben.

Obwohl das Massaker ausreichend dokumentiert ist, werden weder Friedrich und Gertruda Graun noch andere Täter des Todestransports belangt. 1976 stellt die Staatsanwaltschaft Braunschweig ein Verfahren gegen die Grauns aus Mangel an konkreten Beweisen ein.

Ihren Opfern wird nun durch die Aufarbeitung des Todestransports etwas Aufmerksamkeit zuteil.

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