bedeckt München

Greta Thunberg:Für ihre Unterstützer ist Greta eine Aufklärerin

Junge Idealistin prallt auf die Realität - aus diesem Szenario speist sich der Stoff einer klassischen Tragödie, in deren Zentrum Greta Thunberg steht: Tatsächlich wird sie nur scheitern können. Auf der einen Seite warten ihre Kritiker hämisch darauf, die Heldin als Heuchlerin zu enttarnen. Sie ist ja auch nur ein Mensch, irgendwann wird man sie mit einem Plastikstrohhalm zwischen den Lippen erwischen oder bei einem anderen Verstoß gegen ihre eigenen Doktrinen. Schon kursiert die Information, dass die Yacht für ihre Überfahrt aus Carbon, also Erdöl, hergestellt ist.

Auf der anderen Seite erwarten ihre Fans, nicht weniger genüsslich, das Scheitern der Welt an den Ansprüchen der Klimabewegung. Für ihre Unterstützer ist Greta eine Aufklärerin, die gerechte und richtige Forderungen an die Politik stellt. Allein: Man wird nie alle diese Forderungen umsetzen können. Viele sind radikal und weder sozial verträglich noch in der Frist, die die Aktivisten der Politik setzen, zu realisieren. So weit der Plot der Tragödie, zu der sich die Klimakrise in der öffentlichen Wahrnehmung verdichtet.

Dabei ist die Radikalität der Forderungen der "Fridays for Future" ja nachvollziehbar. Nicht nur, weil die Demonstranten jung sind und es ihr gutes Recht ist, in dieser Lebensphase idealistisch zu sein. Sondern auch, weil Politiker in den vergangenen Jahren tatsächlich vieles versäumt haben, mitunter kurzsichtige Kompromisse eingegangen sind und im Zweifelsfall wirtschaftlichen Interessen den Vorrang gegenüber der Umwelt eingeräumt haben.

Thunberg verkörpert ein asketische Paradigma

Unübersehbar ist diese Klimabewegung auch eine Absetzbewegung gegenüber älteren Generationen. Nicht wenige derer, die 1968 erlebt haben, stößt vor den Kopf, wonach die Klimabewegten da rufen: strengere Regeln, Verzicht, Selbstbeschränkung. Es zeichnet sich, zumindest in Europa, ein Paradigmenwechsel in der Protestkultur ab: Der Ruf nach Freiheit wird abgelöst vom Ruf nach mehr Regulation. Die Freiheit und Freizügigkeit der letzten Jahrzehnte hat die Klimakrise erst befeuert. Die Überheblichkeit der Jugend besteht heute darin, den Eltern zu sagen: Ihr habt falsch gelebt, auf unsere Kosten. Wir sagen euch jetzt, wie man besser lebt.

Thunberg verkörpert dieses asketische Paradigma: das makellose Gesicht ungeschminkt, die schlichten Zöpfe, die Sweatshirts und Karoblusen. Eine passendere Ikone für die Bewegung gibt es kaum.

Dass die Welt einer 16-Jährigen zuhört, wenn sie Dinge ausspricht, die Wissenschaftler und einige Politiker schon seit Jahren predigen, zeigt allerdings nicht nur, wie gut sie als Projektionsfläche funktioniert. Es verweist auf ein bedenkliches Symptom der Zeit: Einmal mehr zeigt sich, wie sehr das Ansehen der Eliten, seriöser Politiker oder gemäßigter Wissenschaftler, bereits geschwunden ist. Jemand, der neu, medienwirksam und unkonventionell daherkommt - da sind sich Thunberg und Trump plötzlich erstaunlich ähnlich -, entfacht mehr politisches Engagement als diejenigen, deren Beruf das Aushandeln politischer Kompromisse ist.

Die Begeisterung für Greta Thunberg erweist sich als Kehrseite des Populismus à la Trump oder AfD: Beides wurzelt im Misstrauen gegenüber etablierten Eliten. Allzu hoffnungsvoll braucht einen das Mädchen aus Schweden also nicht zu stimmen. Mit radikalen Forderungen allein kann die Blöße des nackten Kaisers nicht bedeckt werden. Dazu braucht es diejenigen, die sich aufs Weben verstehen.

© SZ vom 14.08.2019/dit
Greta Thunberg Addresses Parliament Climate Change Group Meeting

SZ PlusGreta Thunberg im Porträt
:Vom Mut, die Welt zu verändern

Die Stockholmer Schülerin Greta Thunberg animiert weltweit Millionen zum Klimastreik und treibt die Weltpolitik vor sich her. Über ein ernstes Mädchen, seine Eltern und die große Frage, wer hier am Ende mehr lernt.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite