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Greta Thunberg:Junge Idealistin prallt auf die Realität

Die Klimakrise verdichtet sich zur klassischen Tragödie. Greta Thunberg ist die tragische Heldin, die die Wahrheit zwar sieht und ausspricht, aber dennoch nur scheitern kann.

Kaum etwas wird in Zusammenhang mit Greta Thunberg und ihrem Schulstreik fürs Klima so oft zitiert wie das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Greta sei wie das Kind, das aus der Menge der biederen Untertanen tritt und, für alle hörbar, den Kaiser "nackt" nennt. Die 16-Jährige hat, so scheint es, als Einzige den Mut, den Menschen zu sagen, dass die junge Generation dem Raubbau am Planeten nicht länger zusehen wird, nicht länger zusehen kann. Nackt ist vor ihrem Blick jeder Einzelne, der bislang sein Leben ohne Rücksicht auf das Klima lebt.

Greta sehe Dinge, die andere nicht sehen wollen, schreibt ihre Mutter im Buch "Szenen aus dem Herzen": "Sie sieht, wie Treibhausgase aus unseren Schornsteinen strömen (...) und die Atmosphäre in eine gigantische unsichtbare Müllhalde verwandeln." Greta, die Seherin.

Nachhaltigkeit Greta auf hoher See
Klimaaktivistin Thunberg

Greta auf hoher See

Greta Thunberg will nach Amerika. 5 500 Kilometer in einem Rennboot ohne Küche, Kajüten, Klo. Boris Herrmann ist der Skipper, der sie über den Atlantik zum UN-Klimagipfel bringen will.   Von Peter Burghardt

Schon ist man mittendrin in der Erzählung, die die junge Schwedin zur Projektionsfläche für Hoffnung und Hass macht: Wie dem Kind in Andersens Märchen kommt Greta in dieser Geschichte eine privilegierte Perspektive auf die Wahrheit zu. Zudem hat sie den Mut, die "nackte Wahrheit" auch auszusprechen. Der aufklärerische Gestus eines Kindes fasziniert die Fans der Greta Thunberg. Und er verstört ihre Kritiker: Was kann eine 16-Jährige schon über Dinge wissen, die man ohne einschlägiges Studium auch als Erwachsener kaum durchdringt?

Wenn Greta Thunberg an diesem Mittwoch nach Amerika aufbricht, um in New York und später in Santiago de Chile Klimakonferenzen zu besuchen, so wird ihr ein großer Teil der Welt bei ihrer zweiwöchigen Segeltour zusehen. Ihre Überfahrt ist, auch wenn das nicht die vordringliche Absicht sein mag, ein großes PR-Event.

Coming-of-Age in Reality-TV-Qualität

Wie sonst erklärt sich, dass das Team der Yacht vor der Abfahrt mitteilen lässt, dass der als Hilfsantrieb fungierende Verbrennungsmotor für Gretas Fahrt selbstverständlich versiegelt werde. Es klingt, als starte da jemand einen Versuch fürs Guinnessbuch der Rekorde, und nicht, als ginge es darum, über den Atlantik zu segeln, weil es die einzige umweltverträgliche Möglichkeit ist.

Die Medien berichten, die Menschen interessiert's. Kein Wunder, ist es doch faszinierend, einer Teenagerin zuzusehen, wie sie nach einem alternativen Lebensstil sucht, vegan lebt und auf die Annehmlichkeiten des Fliegens verzichtet. Coming-of-Age in Reality-TV-Qualität: Wird sie es wirklich schaffen? Kann sie die Welt überzeugen, dass der Kaiser nackt ist?