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Terrorismus:Prozess gegen Attentäter von Waldkraiburg beginnt

Anschlagsserie in Waldkraiburg

In einem Döner-Imbiss in Waldkraiburg schlug der Täter die Fensterscheibe ein und schüttete eine übel riechende Substanz in den Geschäftsraum. Bei anderen Anschlägen ging er weiter.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Er legte Feuer in Geschäften, deren Inhaber türkische Namen trugen. Nur durch glückliche Umstände starben dabei keine Menschen. Den Täter von Waldkraiburg trieb eine mörderische Ideologie.

Von Annette Ramelsberger, München

Es hätte ein Verbrechen werden können wie die Brandanschläge in Mölln oder Solingen Anfang der Neunzigerjahre. Damals hatten Rechtsextremisten Feuer in den Häusern von türkischen Familien gelegt und insgesamt acht Menschen getötet. Die Anschläge erschütterten das beschauliche Mölln und die Stadt Solingen im Mark.

Auch in der kleinen Stadt Waldkraiburg östlich von München sollten im vergangenen Frühjahr türkische Familien sterben, durch Brandsätze, gelegt mitten in der Nacht - nur waren in diesem Fall nicht Rechtsradikale die Täter, sondern es war ein hier aufgewachsener Islamist mit türkisch-kurdischen Wurzeln. Ein Mann, der unbedingt zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) nach Syrien wollte und, als das nicht klappte, den Kampf des IS einfach nach Bayern verlegte.

Er griff in der 25 000-Einwohner-Stadt türkische Läden und die türkische Moschee an, mit Steinen und selbstgebauten Brandsätzen. Die Anschlagsserie wurde nur gestoppt, weil der Mann ohne Fahrschein im Zug erwischt wurde - mit einem Rucksack, in dem er zehn Rohrbomben mit sich trug.

Auch das türkische Generalkonsulat in München visierte er an

Am Dienstag nun beginnt vor dem Oberlandesgericht München der Prozess gegen den 26 Jahre alten Deutschen mit kurdisch-türkischen Wurzeln, der in Altötting geboren wurde und in der Nähe von Waldkraiburg aufgewachsen ist. Ein unauffälliger Mann, Chemiearbeiter. Ihm wird 31-facher versuchter Mord vorgeworfen, zudem Brandstiftung und die Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Denn nach den türkischen Geschäften in Waldkraiburg visierte der Mann laut Anklage auch noch das türkische Generalkonsulat in München und die große Moschee des türkeinahen Islamverbandes Ditib in Köln an. So hat er selbst es bei den Vernehmungen berichtet.

Muharrem D., 26, hatte bereits eine ganze Reihe von Brand- und Säureanschlägen in Waldkraiburg verübt, auf einen Friseursalon, auf eine Pizzeria, auf ein Dönerrestaurant - nur weil die Besitzer türkische Namen tragen. In der Nacht des 27. April 2020, kurz vor drei Uhr morgens, schlug er dann die Scheibe eines Obst-und Gemüsegeschäfts direkt neben dem Rathaus von Waldkraiburg ein. Er legte Feuer, das Geschäft brannte völlig aus. Über dem Laden lebten 26 Menschen, die nur dadurch gerettet wurden, weil Anwohner auf die Flammen aufmerksam wurden, an die Türen der Nachbarn schlugen und die Menschen aus dem Schlaf rissen. Sie entkamen den Flammen durch die Tiefgarage. Dennoch erlitten einige eine Rauchvergiftung.

Die Frage wird sein: Ist der Angeklagte schuldfähig?

Den Ermittlern sagte Muharrem D., an einem solch zentralen Platz habe ein türkisches Geschäft nichts zu suchen. Bereits zuvor hatte der Mann laut Anklage versucht, Feuer in einem Wohnhaus neben der Sultan-Ahmet-Moschee zu legen - er steckte einen Brandsatz in eine Papiertonne, die an der Hauswand stand. In dem Haus wohnte eine Familie mit drei kleinen Kindern. Der Brandsatz aber erlosch.

Zentral wird in dem Prozess die Frage sein, ob Muharrem D. schuldfähig ist. Sein Weltbild zumindest ist ziemlich verworren: Denn er hatte sich vorgestellt, dass die Türken gegen den IS kämpfen und wollte Menschen mit türkischen Wurzeln in Bayern deshalb dafür bestrafen. Die Türkei gilt aber gar nicht als besonderer Feind des IS. Im Gegenteil: Vor allem die Kurden stellen sich dem IS entgegen. Muharrem D. aber hat selbst kurdische Wurzeln. Wie das alles zusammengeht, muss ein psychiatrischer Sachverständiger beurteilen.

Die Ermittler treibt vor allem eins um: Der Mann war für sie ein unbeschriebenes Blatt. Niemandem war er aufgefallen, er hatte sich am Computer radikalisiert - wie so viele Extremisten, egal ob von rechts oder vom IS. Der Prozess soll bis Ende August dauern.

© SZ/jbb/gal
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