Taliban in Pakistan:Mit Bomben auf dem Weg zum Scharia-Staat?

Konflikt in Pakistan

Seit Anfang August starben 37 Menschen durch Terroranschläge in Pakistan. Zu einem Selbstmordattentat nahe Quetta bekannte sich die Gruppe Tehreek-e-Taliban, TTP.

(Foto: Arshad Butt/dpa/AP)

Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan fühlen sich ihre pakistanischen Glaubensbrüder beflügelt. Wie die Extremisten die Atommacht Pakistan unter Druck setzen.

Von Tobias Matern und Arne Perras

Nach dem Triumph der afghanischen Taliban in Kabul wächst international die Besorgnis, dass sich nun auch deren pakistanische Namensbrüder - bekannt unter den drei Buchstaben TTP - beflügelt fühlen und an Stärke gewinnen. Ist dies nun die Zeit, in der die Dschihadisten der TTP den Staat Pakistan das Fürchten lehren? Der pensionierte pakistanische General Talat Masood, der per Telefon erreichbar ist, formuliert es so: "Die Attacken der TTP haben zuletzt wieder zugenommen. Damit wollen diese Leute offenbar beweisen, dass sie eine potente Gruppe darstellen. Und Pakistan nimmt dies sehr ernst."

Der pakistanische Staat, vor allem das mächtige Militär des Landes, betreibt mit Blick auf die Extremisten eine ambivalente Politik: einerseits betrachten die Generäle die afghanischen Taliban als eine Truppe, zu denen es gute Beziehungen zu pflegen gilt. Ein früherer Chef des Geheimdienstes ISI hatte es schon vor Jahren, als die Niederlage des Westens zumindest in diesem Ausmaß noch nicht absehbar war, so auf den Punkt gebracht: "Die Taliban sind die Zukunft in Afghanistan, die USA die Vergangenheit." Andererseits liegen sie mit den pakistanischen Taliban im Krieg. Und es sieht nicht so aus, als könnte sich der Staat aus diesen Widersprüchen so schnell befreien.

Die TTP erhöht den Druck, in dem sie nach einem zynischen Muster vorgeht. Die Kämpfer wissen: Je dreister und brutaler ihr Angriff, je mehr Tote und Verletzte zu beklagen sind, umso ernster werden sie im Staat Pakistan genommen. Sie bomben sich ins politische Bewusstsein, wollen ihre Entschlossenheit und Schlagkraft in aller Öffentlichkeit vorführen.

Dass dies nicht ohne Wirkung bleibt, sieht man daran, dass die Regierung die Möglichkeit einer umfassenden Amnestie für die TTP ins Spiel gebracht hat. Sofern sie sich besserten, die Waffen niederlegten, könnten sie mit Straffreiheit rechnen. Doch die Terroristen lehnten prompt ab. Amnestie, erklärten sie, das sei doch etwas für Verbrecher; sie hingegen wären stolz auf ihren Kampf. Sie machten klar, dass sie noch etwas vorhaben. Und ihren Preis haben sie auch benannt: Sie fordern die Scharia für das ganze Land.

Premier Imran Khan erntete von einigen Seiten Kritik für seinen Appeasement-Versuch, manche nannten das Angebot des Staates bizarr, ein früherer Verteidigungsminister erklärte, in sechs Monaten sei die TTP ohnehin "eliminiert". Nur dass die Pakistaner solche forschen Ankündigungen mit Zurückhaltung aufnehmen, sie haben sie schon öfter gehört und gelernt: Militärische Lösungen waren nie von langer Dauer.

Die Terroristen schrecken nicht davor zurück, Kinder zu töten

Gleichzeitig wissen alle, dass die TTP eine der brutalsten Terrorgruppen im Land ist. In der Vergangenheit schreckte sie nicht einmal davor zurück, Kinder in einer Armeeschule zu massakrieren.

Die pakistanische Analystin Ayesha Siddiqa ist überzeugt davon, dass Pakistan die afghanischen Taliban nun für mögliche Verhandlungen mit der TTP nutzen möchte. "Viele Generäle glauben, dass es eine akzeptable Form von Appeasement wäre, wenn man die Einführung der Scharia in den Stammesgebieten erlaubte", sagt sie. Das sind unzugängliche Gegenden entlang der afghanischen Grenze. Doch ob das reicht, um die Extremisten der TTP ruhig zu stellen, bleibt offen. Und über allem schwebt die Frage: Wann geben sie sich zufrieden?

Noch setzt die TTP auf Gewalt. Die Zahl der Angriffe ist in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen, wie ein Analyst des Pakistan Institute for Peace Studies vorgerechnet hat. Demnach startete die TTP von Januar bis Juni 50 Angriffe in Pakistan. Allein seit dem 1. Juli seien aber bereits weitere 55 Attacken zu verzeichnen, die TTP legt Sprengsätze oder schickt Selbstmordattentäter in den Tod, auch Scharfschützen kämen zum Einsatz. Das von US-Wissenschaftlern betriebene South Asia Terrorism Portal zählte seit dem 1. August 37 zivile Opfer bei Terrorattacken in Pakistan.

Dass die TTP auch mit einer Attacke in Verbindung gebracht wurde, die auf chinesische Ingenieure zielte, steigert die Nervosität nicht nur in Islamabad, sondern auch in Peking. "Für Pakistan ist es von größter Bedeutung, Chinas Investitionen und Aktivitäten im Land effektiv zu schützen", sagt Ex-General Masood. China steckt Milliarden in den Ausbau eines Korridors bis zum Indischen Ozean, er gilt als eine der wichtigsten Routen der Neuen Seidenstraße, die Peking voranbringt. Der Korridor symbolisiert nun auch eine gefestigte Allianz zwischen China und Pakistan, die vor allem Indien, aber auch die USA mit Argwohn betrachten.

Doch auch die USA, die sich Pakistan in einer Art "Hassliebe" verbunden sehen, wie Masood es nennt, können an einer Destabilisierung des Staates kein Interesse haben, schon gar nicht, wenn eben dieses Staatsgebilde durch noch extremere Kräfte unter Druck gerät. Es reicht schon der Fall von Kabul. Wenn nun auch noch die pakistanischen Taliban neue Räume erkämpfen, ist dies kaum im US-Interesse, zumal die wichtigste Brücke nach Afghanistan noch immer Pakistan ist und das Land im Besitz von Atomwaffen ist, die nicht in falsche Hände gelangen sollen.

Im Kampf gegen die TTP zeigt sich nun das große Paradox pakistanischer Sicherheitspolitik. Denn die TTP ist historisch, ethnisch und auch ideologisch eng verknüpft mit den afghanischen Taliban, die Islamabad als verbündete Kräfte betrachtet und aller Wahrscheinlichkeit nach auch den Siegeszug bis Kabul mit verborgenen Mitteln unterstützte. Dass der Chef des Geheimdienstes ISI zwei Tage vor dem Fall der letzten Widerstandsprovinz in Kabul gesichtet wurde, werten viele afghanische Beobachter als weiteren Beleg dafür, dass es hier nachbarschaftliche Hilfe gab.

Einige TTP-Mitglieder schwören dem IS die Treue

Eine Allianz zwischen afghanischen und pakistanischen Taliban ist vom Chef der TTP nun öffentlich beschworen worden. Einer japanischen News-Plattform sagte Mufti Wali Noor Mehsud, dass er auf eine "starke Beziehung" zwischen beiden Seiten hoffe. Das Verhältnis bezeichnete er als "herzlich", sie seien "wie eine Bruderschaft" miteinander verbunden. Mehsud machte auch mehrfach deutlich, dass es ihm um Kontrolle von Territorium geht, schon im vergangenen Jahr erklärte er: "Wir treiben einen bewaffneten Kampf voran, um unser besetztes Land zu befreien und unser Leben im Einklang mit dem Islam und der paschtunischen Stammeskultur zu führen."

Das Erstarken der TTP alarmiert auch China, die staatliche Global Times beleuchtete ausführlich die Bedrohungen durch die pakistanischen Taliban. Dass TTP-Chef Mehsud das gute Verhältnis zu den afghanischen Brüdern betont, könnte allerdings auch der Versuch sein, von einigen Zerwürfnissen abzulenken, die diese Beziehung zuletzt stark belasteten. Einige Mitglieder der TTP haben dem Islamischen Staat ihre Treue geschworen, was die neuen Herrscher in Kabul als Bedrohung für ihre eigene Macht betrachten.

Auch Pakistan fürchtet, dass sich Zellen des IS in der Region fest etablieren, insofern könnte der TTP nun wachsender Druck von zwei Seiten drohen. "Aber wir müssen Kabul nun auch etwas Zeit geben, damit sie mit der TTP fertig werden und ihre Seite der Grenze unter Kontrolle bekommen", sagt der pensionierte General Masood.

Aus pakistanischer Sicht bleibt die Gefahr, dass die afghanischen Taliban den Kampf gegen die TTP von Bedingungen abhängig machen werden, er ist potenziell ein Hebel, um Islamabad in anderen Fragen Zugeständnisse abzutrotzen.

Vorerst geben sich die neuen Herrscher in Kabul entschlossen, zumindest den IS vollständig aus dem Land zu drängen, ein Sprecher der Taliban erklärte Mitte der Woche, zahlreiche IS-Kämpfer seien bereits getötet oder verhaftet worden. "Aber die TTP und der IS werden erneut kooperieren, sofern sie gemeinsame Ziele definieren", warnt Talat Masood. Deshalb habe Islamabad allen Grund, die TTP jetzt nicht aus den Augen zu lassen.

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