Syrien:"In Aleppo ist es für jeden Menschen gleich gefährlich"

Lesezeit: 7 min

Verwundeter Junge aus Aleppo

Das Foto des verwundeten Omran ging um die Welt.

(Foto: dpa)

Wie steht es um die Versorgung mit medizinischem Gerät und Medikamenten?

Schlecht. Als ich in Aleppo war, gab es in der ganzen Stadt nur einen CT-Scanner, inzwischen ist der auch kaputt. Wir haben das Arzneimittel-Lager der Krankenhäuser bei der letzten Mission noch mit einem Vorrat für drei bis sechs Monate gefüllt. Doch nun ist der Verbrauch größer, weil es jeden Tag Bombenangriffe und somit mehr Verletzte gibt. Hilfsorganisationen wie die Syrian American Medical Society, für die ich in Syrien war, senden Medikamente und Geräte aus der Türkei nach Syrien und bilden Ärzte und Schwestern aus. Wir stellen Röntgengeräte, Ultraschall-Geräte und andere Maschinen bereit.

Wie nah kam der Krieg zu Ihnen, als Sie sich in Aleppo aufhielten?

Sehr nahe, in Aleppo ist es für jeden Menschen gleich gefährlich. Als ich in dem Krankenhaus gearbeitet habe, gab es alle paar Minuten eine riesige Explosion, die das komplette Gebäude erzittern ließ. Dann schaust du alle anderen an, und die Ärzte und Schwester arbeiten weiter, als wäre nichts passiert. Aber weil alle anderen so normal weitergemacht haben, hat man sich selbst auch relativ sicher gefühlt.

Das klingt nach einem brutalen Alltag - und nach Abstumpfung.

Die Menschen in Aleppo sind sehr hart im Nehmen - und sie wollen leben. Wenn es wieder einen Bombenangriff gab, dann kommen die Krankenwägen und Sanitäter, ziehen Opfer aus dem Schutt und bringen sie ins Krankenhaus. Die Menschen waschen dann das Blut von den Straßen, und nur wenige Stunden später öffnen die Geschäfte wieder. Die Bombenangriffe sind einfach Teil ihres Lebens geworden.

Ich habe während meiner Zeit in Aleppo Märkte und Eiscafés besucht, mitten in der Nacht. Es war Ramadan - und die Menschen tendieren dazu, in dieser Zeit länger aufzubleiben. Man sieht Kinder durch die Straßen laufen und über Trümmer von zerstörten Häusern klettern. Es ist genauso wie in diesen postapokalyptischen Filmen.

Welche Situationen, welche Patienten haben sich bei Ihnen im Kopf eingegraben?

Bei meinem letzten Einsatz habe ich vor allem Opfer von Fassbomben gesehen. Da war zum Beispiel Ahmad, ein fünfjähriger Junge. Schrapnells haben sich bei ihm in den Nacken und in seine Brust eingebohrt und seine Wirbelsäule durchtrennt - er war deswegen vom Hals ab gelähmt. Seine Atmungsmuskeln waren auch gelähmt, deswegen mussten wir ihn an eine Beatmungsmaschine anschließen. Einen Tag nachdem ich Aleppo verlassen habe, ist er gestorben.

Die traurigste Geschichte, die ich miterleben musste, war die der schwangeren 25-jährigen Fatima und ihrer Familie. Sie war in ihrem Haus mit ihren drei Kindern im Alter von neun, sieben und drei Jahren, als ihr Haus von zwei Fassbomben getroffen wurde. Das macht die syrische Armee häufig - sie werfen eine Bombe ab, warten, bis Helfer kommen, und werfen dann noch eine zweite Bombe ab, um so viel Tod und Zerstörung wie möglich zu erzielen. Fatimas ältestes und jüngstes Kind konnten nur noch tot geborgen werden. Das Kind, das sie in sich trug, hat sie auch verloren. Fatima hatte innere Blutungen und musste an lebenserhaltende Geräte angeschlossen werden. Auch ihr Mann wurde dabei verwundet. Nur eins ihrer Kinder hat überlebt - Mahmud, sieben Jahre alt.

Sind Sie überrascht, dass ausgerechnet das Foto des kleinen Omran die Welt so geschockt hat?

Ich war geschockt vom Schock der Welt. Bilder wie diese sehen wir jeden Tag. Natürlich ist das Bild und das Video des kleinen Omran wirklich herzzerreißend: Wie er überhaupt nicht weint, wie er das Blut an seinen Händen anschaut, wie er, wie jedes Kind, versucht, das Blut am Sitz abzuwischen.

Aber, es gibt viele Bilder wie die von Omran. Und ich werde inzwischen wirklich zynisch - denn es gab auch schon andere Bilder von syrischen Kindern, die viral wurden. Das Bild vom toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi, die Bilder der verhungernden Kinder in Madaya, die Opfer des Sarin-Massakers in Ghouta, die Bilder der Flüchtlingskinder in Griechenland. Diese Bilder erregen für ein paar Tage Aufmerksamkeit, aber sie bewegen die Menschen nicht dazu, ihre Regierungen und Entscheidungsträger dazu zu drängen, Hilfe zu leisten. Was bringt dieser Ausbruch an Mitleid, wenn dann keine Taten folgen?

Und "Taten" bedeutet hier nicht ein Bild zu retweeten, sondern seine Regierungen dazu zu bewegen, etwas zu tun, um diese Kinder zu beschützen, um die Bombardierungen zu stoppen. Eine Flugverbotszone zu errichten - so wie es die internationale Gemeinschaft schon in Bosnien getan hat.

Was brauchen die Menschen in Aleppo am dringendsten?

Die Menschen brauchen irgendeine Form von Normalität. Patienten sollten sich in den Krankenhäusern geborgen fühlen. Ich hatte Patienten, die nach der OP gleich nach Hause wollten, weil die Krankenhäuser so oft Ziel von Bombenangriffen sind. Es dürfen nicht ganze Städte oder Viertel von der Außenwelt abgeschnitten und ausgehungert werden. Das sind natürlich Kriegsverbrechen. Ich habe das Gefühl, dass die internationale Gemeinschaft das stillschweigend hinnimmt.

Was halten Sie von den 48-Stunden-Feuerpausen, die die Russen angekündigt haben?

Ich kann Ihnen sagen, was die Menschen in Syrien davon halten: Sie sind nicht wirklich optimistisch. Die Syrer trauen den Russen nicht, denn schließlich sind das die Leute, die Bomben auf Krankenhäuser und Schulen werfen. Die Syrer sind auch enttäuscht von der internationalen Gemeinschaft. Niemand scheint die Russen und die syrischen Regierungstruppen stoppen zu wollen

Was war die Reaktion Ihrer Familie, als Sie angekündigt haben, dass Sie nach Syrien gehen wollten?

Anfangs war meine Familie böse auf mich. Aber nach den ersten Einsätzen haben sie gemerkt, dass ich etwas bewegen kann. Ich halte viele Vorträge über die Situation in Syrien, ich schreibe Berichte darüber. Und beim letzten Einsatz hat mich meine Frau sogar dazu ermuntert, nach Aleppo zu gehen. Nur meinen Eltern in Syrien sage ich nichts. Sie leben in Homs, und sie würden sich zu große Sorgen machen, würde ich Ihnen davon erzählen.

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