Fotoausstellung "Syrer interessieren uns erst, wenn sie tot an unseren Stränden liegen"

Duwa'a, zwei Jahre, und ihre Schwester Schahd, fünf Jahre.

(Foto: Kai Wiedenhoefer)

Fotograf Kai Wiedenhöfer zeigt an der Berliner Mauer syrische Kriegsverletzte. Seine Aufnahmen lassen den Schrecken der Kämpfe langsam ins Bewusstsein sickern.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Ein Schrapnell hat Duwa'as Knie zerstört, als die Bombe in ihr Haus in einem Dorf bei Damaskus einschlug. Ihr Vater Hassan fuhr die Zweijährige mit dem Motorrad ins Krankenhaus. Ein anderes Schrapnell verletzte Duwa'as Schwester Schahd, fünf Jahre, am Unterschenkel. Mit großen Augen gucken die beiden syrischen Mädchen, die inzwischen in Jordanien leben, von einem Plakat, das zurzeit die East Side Gallery an der ehemaligen Berliner Mauer ziert.

Der Fotograf Kai Wiedenhöfer hat syrische Kriegsverletzte in Jordanien und im Libanon besucht und ihre Bilder in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung und der Gesellschaft für humanitäre Fotografie in der Ausstellung "War on wall" nach Deutschland gebracht.

Jeden Tag viele Aylan Kurdis

Denn Wiedenhöfer, der Anfang der 90er Jahre selbst in Syrien studiert hat, ärgert sich über den Umgang der Deutschen mit dem syrischen Leid: "Wenn die Leute ein Bild sehen wie das des ertrunkenen zweijährigen Aylan Kurdi, dann sind sie ganz betroffen", sagt er. "Das Schicksal der Syrer interessiert uns erst, wenn sie tot an unseren Stränden liegen. Aber in Syrien sterben täglich Menschen, werden täglich Menschen verletzt."

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Also zeigt Wiedenhöfer diese Menschen: Den 53-jährigen Ahmed aus Dera'a, der auf dem Weg zum Freitagsgebet von einem Bombenangriff überrascht wurde und seinen Arm verlor. Seitdem, so erzählt es Wiedenhöfer, sei er immer wieder in Straßenkontrollen des Regimes geraten. Denn die Assad-Anhänger verdächtigten jeden verletzten Mann seines Alters, auf der Seite der Rebellen zu kämpfen.

Oder die elfjährige Sundus, deren Eltern und Geschwister bei einem Bombenangriff getötet wurden. Das Mädchen hat ein Auge verloren, ist schwer traumatisiert. Während Kai Wiedenhöfer mit ihr sprach, fing sie immer wieder aus dem Nichts zu weinen an, erzählt er: "Ihre Tante, bei der sie nun lebt, sagte: Das ist jetzt bei ihr immer so." Im Verhältnis zu diesen dramatischen Geschichten wirken die Bilder, die Wiedenhöfer an die erhaltenen Mauerteile plakatiert hat, zurückgenommen. Er fotografierte die verletzten Syrer vor schlichten Wänden stehend, auf Polstern sitzend. Sie blicken ruhig und ohne Regung in die Kamera.

Der Fotograf Kai Wiedenhöfer vor seiner Ausstellung "War on Wall".

(Foto: Daniel Rosenthal)

Schockierende Alltäglichkeit der Verletzungen

Eine verstörende Wirkung haben diese Bilder gerade an diesem Ort im Berliner Ausgehviertel Friedrichshain, den Touristen für leicht verdauliche Portionen deutscher Geschichte gepaart mit friedlicher Kiffer-Idylle an der Spree besuchen. Das vergangene, zu einem großen Teil überwundene Leid, das die Berliner Mauer symbolisiert, überklebt Wiedenhöfer mit Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen in eben diesem Moment antun.

Wer die East Side Gallery entlang spaziert, sieht Männer ohne Beine, Kinder mit verbrannten Gesichtern, Frauen mit Prothesen. Sicher, vereinzelt bekommen die Deutschen solche Bilder auch in den Medien zu sehen - wie zuletzt das schockierende Bild des verletzten Jungen Omran aus Aleppo. Aber gerade die ruhige Alltäglichkeit, die Wiedenhöfers Porträtfotos ausstrahlen, lässt den Schrecken ganz allmählich einsickern. Bein weg, Arm weg, Familie tot? Willkommen im Krieg.