Sunniten gegen Schiiten Ein großer, unberechenbarer Konflikt

Im Irak hat die Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten den höchsten Stand seit Jahren erreicht. In Bahrain unterdrückt das sunnitische Herrscherhaus die schiitische Mehrheit. In Syrien stehen sich erstmals schiitische Militante aus Libanon und sunnitische Dschihadisten gegenüber. Angesichts der Wahl zwischen Pest und Cholera, so raten manche, könne der Westen entspannt abwarten, welche Verbrechertruppe übrig bleibe; dann habe sich immerhin ein Problem erledigt.

Als wäre es so leicht. Als wäre der Konflikt nicht längst größer, unberechenbarer, schwerer zu durchschauen. Sunnitische Salafisten in Libanon haben jahrelang in den Gassen von Tripoli und Sidon gehetzt. Jetzt schlägt ihre Stunde, jetzt schicken sie ihre Jünger in den Dschihad nach Syrien - gegen die eigenen schiitischen Landsleute.

Selbst in Ägypten, einem sunnitischen Schwergewicht, sind sich die Salafisten nicht zu schade, iranische Touristen zu verschrecken. Als hätte, wie der ägyptische Tourismusminister verzweifelt mahnte, je ein Schiit seine Lehre in Badehose am Strand verbreitet.

Es gibt Millionen Beispiele für Toleranz und Koexistenz

Oft wird der Konflikt zwischen den islamischen Konfessionen mit jenem zwischen Katholiken und Protestanten verglichen, der vom Dreißigjährigen Krieg bis Nordirland auch immer wieder mit Gewalt ausgetragen wurde, bis die Europäer andere Methoden für erfolgreicher hielten.

Richtig daran ist, dass ein theologisches Schisma dem Konflikt zugrunde liegt, aber auch Machtfragen verhandelt wurden, soziale Aufstiegschancen, kulturelle Gewohnheiten, kurz: Rivalitäten zwischen Gemeinschaften, deren Identität durch Religion geprägt ist. Es gibt Millionen Beispiele der Toleranz und Koexistenz. Aber so, wie bestimmte Umstände die Kluft mildern können, lassen andere den Konflikt ausbrechen.

Der Streit der islamischen Ur-Gemeinde im 7. Jahrhundert über den Nachfolger des Propheten - die Schiiten favorisierten seinen Schwiegersohn und Cousin Ali, die Sunniten Abu Bakr, einen Freund Mohammeds - mündete in Schlachten, die neue Rituale, neue Legenden, weitere theologische Entfremdung mit sich brachten. Die Schiiten wurden dabei zu einer Art Fremdkörper in der arabischen Welt.

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