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Wahlen in Peru und Ecuador:Die offenen Wunden Südamerikas

Andrés Arauz, linker Präsidentschaftskandidat in Ecuador, schwenkt zum Abschluss seines Wahlkampfs die ganz große Fahne.

Andrés Arauz, linker Präsidentschaftskandidat in Ecuador, schwenkt zum Abschluss seines Wahlkampfs die ganz große Fahne.

(Foto: Juan Diego Montenegro/dpa)

Es ist Superwahlwochenende in Südamerika, und mal wieder zeigt sich: Während sich die Zukunft verdüstert wegen der Pandemie, kämpft die Region immer noch mit der Vergangenheit .

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Andrés Arauz ist ein gutes Beispiel: Wenn alles gut läuft für den 36-Jährigen, dann könnte er am Sonntag die Stichwahl in Ecuador gewinnen. Er wäre damit einer der jüngsten Präsidenten, die das südamerikanische Land je hatte. Ungelegen käme das nicht: Ecuador steckt in einer tiefen Krise, die Wirtschaft liegt am Boden, und nach Tausenden Covid-Toten im vergangenen Jahr steigen die Infektionszahlen nun abermals an. Neuen Schwung könnte man eigentlich ganz gut gebrauchen - und wer stünde mehr hierfür als ein junger, agiler Präsident? Aber so einfach ist es eben nicht.

Wenn in Ecuador an diesem Sonntag gewählt wird, dann geht es nicht nur darum, welchen Kurs das Land in der Zukunft einschlägt, sondern auch darum, wie es mit seiner Vergangenheit umgeht. Immerhin: Mit diesem Problem ist Ecuador nicht allein.

Zur gleichen Zeit finden auch in Peru Präsidentschaftswahlen statt, dazu Regionalwahlen in Bolivien, und eigentlich wollte auch noch Chile eine landesweite Abstimmung abhalten, unter anderem über die Mitglieder jener Versammlung, die eine neue Verfassung für das Land entwerfen soll: Die alte stammt noch aus der Zeit der Militärdiktatur. Chile hat die Wahlen nun verschoben, zu hoch sind die Infektionszahlen. Dennoch steht Südamerika ein Superwahlwochenende bevor, mit Abstimmungen in Bolivien, Peru und eben Ecuador.

Ecuadors Regierung war mit einem linken Programm angetreten - und schwenkte dann um

Die erste Runde der dortigen Präsidentschaftswahlen fand schon im Februar statt. Damals standen mehr als ein Dutzend Kandidaten auf den Stimmzetteln. Ganz ähnlich ist die Situation nun am Sonntag in Peru: Ganze 18 Kandidaten treten hier an bei den Wahlen. Doch sowohl in Peru als auch in Ecuador ist die Begeisterung in der Bevölkerung gegenüber der Abstimmung eher verhalten. "Viele Menschen wollen von der derzeitigen Politik und den Parteien nichts mehr wissen", sagt Ximena Zapata, die am Giga-Institut zu Ecuador forscht.

In Ecuador liegt das zum einen an der aktuellen Regierung, die mit einer linken Agenda angetreten war, dann aber in das konservative und liberale Lager gewechselt hatte. "Viele Menschen wollen einfach nur, dass die aktuelle Regierung abtritt", sagt Zapata. In Peru wiederum ist ohnehin nur noch eine Übergangsregierung im Amt, nachdem es vergangenes Jahr im Zuge eines Machtkampfes zwischen Präsident und Parlament zu einer schweren Regierungskrise gekommen war.

Doch so viele Menschen einen Wechsel herbeisehnen, so wenig fühlen sie sich von der Politik repräsentiert. In Ecuador zum Beispiel vereinen die beiden Kandidaten, die am Ende aus der ersten Wahlrunde hervorgingen, kaum mehr als die Hälfte der Stimmen. Einmal ist da Guillermo Lasso, ein erzkatholischer Banker und Unternehmer, der für die Küste steht und die konservativen Kräfte. Für die andere Seite tritt Andrés Arauz an, fast halb so alt wie sein Gegner, gleichzeitig aber auch alles andere als ein politischer Neuling. Arauz steht für das Hochland und die Ecuadorianer mit indigenen Wurzeln, dazu aber auch noch für den "Correismo", jene politische Strömung, die sich auf Rafael Correa bezieht, die wohl umstrittenste politische Figur des Landes in den vergangenen Jahrzehnten.

Zehn Jahre lang lenkte Correa die Geschicke Ecuadors, von 2007 bis 2017, zum Schluss hin wurde sein Führungsstil immer autoritärer, die Presse wurde gegängelt, ebenso die Opposition. Correa aber hatte das Glück, sein Land in einer goldenen Zeit regieren zu dürfen. Die weltweiten Märkte gierten damals nach Rohstoffen und Südamerika konnte sie liefern. Auch in Ecuador sprudelte das Geld dank Ölverkäufen in die Kassen. So wie Hugo Chavez in Venezuela, Evo Morales in Bolivien oder Lula da Silva in Brasilien steckte auch Ecuadors damaliger Präsident die Einnahmen in Infrastruktur- und Sozialprojekte, was ihm enorme Popularität einbrachte.

In Peru sitzen fast alle Ex-Präsidenten in Haft oder stehen vor Gericht

Ein Teil der Einnahmen verschwand aber wohl auch in den Taschen von korrupten Politikern. Wohl nicht in dem gleichen Maße wie in Peru, wo so gut wie alle Ex-Präsidenten der letzten Jahrzehnte heute entweder in Haft sitzen oder zumindest noch vor Gericht. Immerhin aber wurde auch Rafael Correa 2020 wegen der Annahme von Bestechungsgeldern verurteilt. In Abwesenheit, denn Correa befand sich damals schon im Exil in Belgien, dem Land, aus dem seine Frau stammt.

Es gibt durchaus Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Urteils, dennoch darf Correa nach seiner Verurteilung für 25 Jahre kein Amt mehr bekleiden. Andrés Arauz ist so etwas wie sein Stellvertreter, viele sagen sogar: seine Marionette. Und so wird in Ecuador nicht darüber diskutiert, wie man das Land aus der schweren Krise holen will, in der es steckt; stattdessen streitet man sich lieber über die Vergangenheit.

Auch in Peru wirft diese ihre Schatten über die dortige Abstimmung. Das Bewerberfeld ist zwar riesig und reicht von einer linken Psychologin bis hin zu einem rechten Populisten. Unter den Kandidaten ist aber auch Keiko Fujimori, die Tochter von Alberto Fujimori, Perus einstigem Präsidenten und diktatorischem Machthaber, verurteilt wegen Menschenrechtsverbrechen und Korruption. Auch seine Tochter soll im großen Stil Schmiergelder angenommen haben, es laufen Ermittlungen deswegen gegen sie, das schmälert ihre Chancen, doch auch die anderen Bewerber haben derzeit kaum mehr Prozentpunkte als sie. Ein Sieg ist nicht wahrscheinlich, aber zumindest in einer zweiten Runde möglich. Denn angesichts einer ungewissen Zukunft flüchten sich viele Menschen in Südamerika in die Vergangenheit.

© SZ
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