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Corona in Südamerika:Angriff aus dem Urwald

Coronavirus - Chile

Rasende Zunahme der Infektionen trotz Impfung: Einer älteren Chilenin wird das Vakzin in einem Auto verabreicht.

(Foto: Karin Pozo/dpa)

Nahezu überall in Südamerika steigen die Infektionszahlen. Schuld ist das Klima, die Ermüdung der Menschen - aber auch die neue gefährliche Variante des Virus aus Amazonien.

Von Christoph Gurk, Buenos Aires

Lange galt Uruguay als Musterbeispiel im Kampf gegen Covid. Nun aber steht das Land an der Spitze der Staaten in Südamerika mit den meisten Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner innerhalb einer Woche: 283. Insgesamt ergibt das nicht einmal 1500 Neuinfektionen pro Tag, allerdings leben in ganz Uruguay auch nur rund 3,5 Millionen Menschen. Dennoch sind die Zahlen beunruhigend. Denn zum einen sind sie die mit Abstand höchsten seit Beginn der Pandemie. Dazu spiegeln sie aber auch eine Entwicklung wider, die sich so in ganz Südamerika beobachten lässt.

Letzte Woche registrierte Uruguays nördlicher Nachbar Brasilien den traurigen Rekordwert von mehr als 90 000 Neuinfektionen an nur einem Tag. Die Krankenhäuser sind in nahezu allen Bundesstaaten überlastet, knapp 60 000 Menschen könnten alleine diesen Monat an Covid sterben, hat die Zeitung O Globo ausgerechnet. Sie spricht darum von einem março vermelho, einem "roten März".

Ähnlich dramatisch ist die Lage in Paraguay: Die Betten in den Intensivstationen der öffentlichen Krankenhäuser sind hier zu 100 Prozent ausgelastet. Gleichzeitig hat Venezuelas Regierung von kommender Woche an eine, nach eigenen Aussagen, "radikale Quarantäne" verhängt wegen steigender Fallzahlen. Argentinien hat derweil Reisen ins Ausland beschränkt und neue Einschränkungen angekündigt. Selbst Chile wird derzeit von einer zweiten Infektionswelle erfasst, dabei wird im Moment weltweit nirgendwo so schnell geimpft wie hier. Bereits knapp ein Drittel der Bevölkerung haben mindestens eine Dosis erhalten, dennoch gab es zuletzt teils mehr als 7000 Neuinfektionen pro Tag.

In vielen Ländern sind die großen Ferien vorbei

Die Gründe für die Zunahme der Corona-Erkrankungen in Südamerika sind vielfältig. Im Prinzip befindet sich die Region in der gleichen Lage, in der sich auch Europa im September und Oktober vergangenen Jahres wiederfand. Der Sommer auf der Südhalbkugel ist zu Ende, jenseits des Äquators fallen die Temperaturen nun wieder, mehr Menschen treffen sich in geschlossenen Räumen, Fenster bleiben öfter mal geschlossen. Dazu sind in vielen Ländern nun auch die großen Ferien vorbei, viele Urlauber kommen zurück vom Meer oder aus den Bergen, die Städte füllen sich wieder.

Anders als in den meisten Ländern Europas haben es viele Staaten in Südamerika aber nicht geschafft, die Infektionszahlen über den Sommer signifikant zu senken. Das führt dazu, dass nun in Ländern wie Brasilien, Paraguay oder auch Chile so schnell traurige Rekordwerte gemessen werden. Gleichzeitig sind viele Menschen nach teils extrem strengen und monatelangen Lockdowns im vergangenen Jahr auch kaum noch bereit, ihr Leben nun abermals einzuschränken. Südamerika leidet schon jetzt unter der schwersten Wirtschaftskrise seiner jüngeren Geschichte. Viele Unternehmen, Restaurants, Fabriken und Geschäfte können sich weitere Lockdowns nicht leisten, das wissen auch die Regierungen der jeweiligen Länder und scheuen darum neue Maßnahmen.

Zu alledem kommt aber noch ein weiterer Faktor: die Variante P.1 des Coronavirus. Sie wurde zuerst im brasilianischen Amazonas entdeckt und war dort vermutlich für die katastrophale zweite Infektionswelle verantwortlich, welche die Millionenmetropole Manaus Anfang dieses Jahres überrollte. Forscher fürchten, dass die Mutante doppelt so ansteckend sein könnte wie die ursprüngliche Variante. Dazu könnte sie auch bei bereits geheilten Patienten zu erneuten Infektionen führen.

Wie stark sich die P.1-Variante schon über Brasilien verbreitet hat, ist wegen mangelnder Studien nicht klar. Viele Nachbarländer schließen nun vorsorglich ihre Grenzen - so weit dies eben möglich ist. So sind Städte in Uruguay und Brasilien längst so sehr zusammengewachsen, dass nur eine Straße die beiden Länder trennt. Uruguay plant darum, die Menschen in den Grenzregionen verstärkt zu immunisieren, um eine Verbreitung der Virusvariante aus Brasilien zu verhindern.

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