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Hochwasser und Hunger:"Es wird zu wenig für den Sudan getan"

Wenn das Wasser steht, so wie hier 35 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Khartum, droht der Ausbruch von Durchfallerkrankungen sowie Dengue-Fieber.

(Foto: Marwan Ali/AP)

Bei einem katastrophalen Nil-Hochwasser sind in dem nordafrikanischen Land 100 Menschen ums Leben gekommen und 1700 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche zerstört worden. Nora Nebelung ist als Projektleiterin der Welthungerhilfe vor Ort. Sie warnt vor dem Ausbruch schwerer Krankheiten.

Interview von Anna Reuß

Die Menschen im Sudan erleben das schlimmste Hochwasser seit Jahrzehnten. Der Nil erreichte einen Rekordpegel von fast 17,5 Metern. Kürzlich rief die Regierung den dreimonatigen Ausnahmezustand aus: Laut den UN sind 650 000 Menschen von der Katastrophe betroffen, mindestens 100 wurden getötet. Die Überschwemmungen zerstörten außerdem 1700 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche und rund 180 öffentliche Einrichtungen, wie Schulen, Gesundheitszentren und Regierungsgebäude. Weitere heftige Regenfälle werden erwartet. Nora Nebelung, 32, ist seit zwei Jahren als Projektleiterin der Welthungerhilfe im Osten des Landes. Die Hilfsorganisation unterstützt circa 68 000 Menschen mit Nothilfe-Materialien nach der Flut. Zu Beginn des Corona-Ausbruchs war sie für einige Monate in der Hauptstadt Khartum.

SZ: Frau Nebelung, die Überschwemmungen im Sudan haben alle Prognose übertroffen. Wir erleben den höchsten Stand des Nils seit Beginn der Aufzeichnungen. Hat die Welthungerhilfe mit einer solchen Flutkatastrophe gerechnet?

Nora Nebelung: Nein, zumindest nicht lange im Voraus. Als dann irgendwann klar war, dass die Regenfälle auch in Äthiopien und Eritrea viel stärker sind als in den Jahren vorher, wussten wir, dass es wohl auch im Sudan zu Überschwemmungen des Nils kommen wird.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Wie gehen Sie in einem solchen Katastrophenfall vor?

Der erste Schritt ist, dass die Hilfsorganisationen - internationale wie nationale - zusammenkommen und mit den Behörden gemeinsam einschätzen, wie groß das Ausmaß der Krise ist. Man nennt das Rapid Assessment. Wir schauen etwa, wie viele Häuser zerstört wurden. Erst danach können wir abschätzen, was die Menschen am dringendsten benötigen. Wir sprechen auch mit den Dorfältesten - wenn die Dörfer überhaupt zu erreichen sind. Auf dieser Grundlage wird dann entschieden, wer welche Hilfe übernehmen kann, etwa die Versorgung mit Nothilfegütern oder Lebensmitteln. Ganz wichtig war die Frage: Wer kann sich darum kümmern, dass die Latrinen in den Flüchtlingslagern und Dörfern wieder aufgebaut werden? Gerade wenn Wasser so hoch steht und Latrinen überlaufen, muss das Problem dringend angegangen werden, um den Ausbruch von lebensbedrohenden Durchfallerkrankungen zu verhindern.

Was tut Ihre Organisation konkret vor Ort?

In der Krise mussten wir schnell reagieren und mit unseren Partnern und Kofinanzierern vereinbaren, dass wir das zugesagte Geld schnell umwidmen dürfen. Die Welthungerhilfe unterstützt die Menschen vor allem mit Nothilfegütern wie zum Beispiel Decken, Moskitonetzten, Seifen oder Planen für Notunterkünfte. Manchmal verteilen wir auch Chlorintabletten, um das Wasser zu desinfizieren. Viele Wasserquellen verschmutzen, sobald sie überlaufen. Wenn es kein sauberes Wasser gibt, können sich Krankheiten ausbreiten, Durchfallerkrankungen zum Beispiel. Wenn keine schnelle Hilfe erfolgt, befürchten wir einen Cholera-Ausbruch. Das liegt daran, dass die Wassermassen nicht abfließen können. Wenn das Wasser steht, verunreinigt es noch mehr. Ein ideales Brutgebiet für Mücken, die etwa das Dengue-Fieber und Malaria übertragen.

Nora Nebelung Welthungerhilfe Sudan

Nora Nebelung arbeitet seit zwei Jahren als Projektleiterin im Osten des Sudan.

(Foto: OH)

Sie sagten kürzlich dem SWR, dass die Hilfsgüter unzureichend sind. Was meinen Sie damit?

Dem Sudan steht grundsätzlich zu wenig Geld zur Verfügung, nicht einmal die Hälfte der benötigten humanitären Maßnahmen können finanziert werden. Angenommen, jemand hat sein Haus in Folge einer Flut verloren und damit sein ganzes Hab und Gut. Dann kommt eine Hilfsorganisation und unterstützt ihn so gut es geht, zum Beispiel mit einer Plastikplane als Notunterkunft. Aber das ersetzt natürlich nicht das Haus, das er mal besessen hat.

Die Wassermassen zerstören nicht nur Häuser, sondern auch Anbauflächen. Außerdem sind Tausende Nutztiere ertrunken.

Normalerweise würden in der Regenzeit Wasserreserven aufgefüllt werden. Wenn das Wasser aber in einer Flut kommt, so wie jetzt, überschwemmt es auch landwirtschaftliche Flächen und zerstört ganze Ernten. Dürren gepaart mit Überschwemmungen sind schwierige Bedingungen. Man sieht das Ausmaß der Katastrophe schon jetzt, aber man kann noch nicht genau absehen, was das langfristig für die einzelnen Menschen bedeutet.

Wie geht es den Menschen, denen Sie begegnen?

Die Menschen im Sudan haben viel ertragen in den vergangenen Jahren. Viele leben an oder sogar unter der Armutsgrenze und leiden Hunger. Als dann die Lockdown-Maßnahmen kamen, um die Corona-Pandemie einzudämmen, ging es vielen plötzlich noch schlechter. Viele verloren ihre Lebensgrundlage und mussten ihre Mahlzeiten von drei auf zwei oder sogar nur eine am Tag reduzieren. Dort, wo ich arbeite, stieg der Anteil der Kinder, die an Mangelernährung leiden, im August um 27 Prozent. Hinzu kommt eine extreme Inflation: Die Lebensmittelpreise steigen täglich. Vor einem Jahr hat ein Kilogramm Bananen noch zehn sudanesische Pfund gekostet, heute sind es bis zu 100 Pfund.

Schon heute wissen wir, dass Länder wie der Sudan besonders unter dem Klimawandel leiden werden, obwohl sie am wenigsten dafür können. Sollte die internationale Gemeinschaft nicht ihren Teil dazu leisten, dass solche Staaten besser gewappnet sind?

Der Sudan erhält nur wenig Aufmerksamkeit, weil das Land vermeintlich weit weg von den Menschen in Deutschland, in Europa ist. Dabei reicht die Unterstützung nicht einmal für die dringend benötigten humanitären Maßnahmen. Hierbei sprechen wir noch nicht über langfristige Hilfe und den Aufbau von Infrastruktur. Insofern kommt hier zu wenig Geld an. Es wird zu wenig für den Sudan getan. Auch Deutschland hinkt mit seinen Zusagen hinterher. Unter 30 Jahren Al-Baschir-Regime war das Land vom internationalen Finanzsystem abgeschnitten. Seit seinem Sturz 2019 regiert in Sudan eine Übergangsregierung, doch die Sanktionen sind bis heute in Kraft. Ein wichtiger Schritt wäre deshalb ein Ende dieser Sanktionen.

© SZ/mane

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