Stopp der South-Stream-Pipeline Der verehrte Freund aus Moskau

Putin und Erdoğan beim Treffen im Weißen Palast in Ankara.

(Foto: dpa)
  • Russland will die Gas-Pipeline South Stream, die russisches Gas unter Umgehung der Ukraine durch das Schwarze Meer nach Westeuropa liefern sollte, aufgeben. Sie sei "sinnlos geworden".
  • Präsident Putin will stattdessen die Energiekooperation mit der Türkei ausbauen, die bereits 61 Prozent ihres Gases aus Russland bezieht.
  • Das Nato-Land Türkei beteiligt sich nicht an den Russland-Sanktionen des Westens, was Putin ebenfalls zu schätzen weiß.
Von Christiane Schlötzer, Ankara

Solche Worte hört Wladimir Putin derzeit nicht so oft. "Verehrter Freund" sagte Recep Tayyip Erdoğan und bat den russischen Gast in seinen funkelnagelneuen Palast in Ankara. Der Besucher revanchierte sich mit einem Faustschlag gegen Europa und mit Zuckerbrot für die Türkei.

Russland will die 16 Milliarden Euro teure und 2380 Kilometer lange Gas-Pipeline South Stream, die russisches Gas unter Umgehung der Ukraine durch das Schwarze Meer nach Westeuropa liefern sollte, aufgeben. Sie sei durch die "Blockadehaltung" der EU "sinnlos geworden", ließ der russische Präsident beim Auftritt mit Erdoğan wissen. Stattdessen wolle Russland die Energiekooperation mit der Türkei und mit China ausbauen, versprach Putin - zur Freude Erdoğans.

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Die energiehungrige Türkei bezieht 61 Prozent ihres Gases derzeit aus Russland, und sie bräuchte noch mehr, vor allem zu einem günstigeren Preis. Auch hier versprach Putin Entgegenkommen. Dafür darf die russische Rosatom auch das erste Atomkraftwerk der Türkei bauen, in der Mittelmeerprovinz Mersin. Nur Stunden vor Putins Ankunft billigte die Regierung eine 3000 Seiten starke "Umweltanalyse" für das auch wegen möglicher Erdbebengefahren hochumstrittene Projekt.

Während Putin und Erdoğan sich die Hände reichten, demonstrierten in Ankara und Istanbul Krimtataren gegen den Gast. Eigentlich sieht sich die Türkei als Schutzmacht des Turkvolks der Tataren. Kritik an Russlands Ukraine-Politik äußerte Ankara bislang aber nicht, sondern rief nur zum "Dialog" auf.

Warum nicht "Anatolia Stream"?

Das Nato-Land Türkei beteiligt sich auch nicht an den Russland-Sanktionen des Westens, was Putin ebenfalls zu schätzen weiß. Er versprach eine Verdreifachung des Handelsvolumens mit der Türkei auf 100 Milliarden US-Dollar - allerdings erst bis 2023. Der Chef der Vereinigung der türkischen Exporteure, Mehmet Büyükekşi, empfahl, künftig den Warenaustausch komplett in Rubel und Türkischer Lira statt in Dollar abzuwickeln.

Die Zeitung Habertürk zeichnete am Dienstag bereits eine Route für die von Moskau nun anvisierte Alternative zu South Stream. Sie führt direkt über türkisches Gebiet zu einer Verteil-Station an der türkisch-griechischen Grenze. Bulgarien, so Putin, könne sich den Verlust von 400 Millionen Euro durch den Verzicht auf das Projekt ja dann "von der EU zurückholen". Hürriyet hat auch schon einen Namen für die neue Pipeline: Anatolia Stream.

Auch der Erbauer von Erdoğans Palast, der Unternehmer Erman Ilıcak, macht gute Geschäfte in Russland. Sie sollen noch besser werden, weshalb der Mann nun eine Partnerschaft mit dem von Putin gegründeten staatlichen Investmentfond unterzeichnete. Er sei "gar nicht sicher", meinte Ilıcak, ob Erdoğans Palast wirklich "größer als der Kreml" sei. Auch dies sollte wohl höflich sein.