Spanien:Kugelpest

Spanien: Bewaffnet mit einem Sieb versuchen ehrenamtliche Helfer am Dienstag, einen Strand in der galicischen Stadt Nigrán zu säubern.

Bewaffnet mit einem Sieb versuchen ehrenamtliche Helfer am Dienstag, einen Strand in der galicischen Stadt Nigrán zu säubern.

(Foto: Lalo R. Villar/AP)

An Spaniens Stränden werden Millionen Plastikteile angespült. Nun versuchen freiwillige Helfer, sie mit der Hand aufzulesen.

Von Patrick Illinger, Madrid

Die ersten Kügelchen tauchten Mitte Dezember auf. Mittlerweile liegen Millionen der kleinen, weißen Plastik-Pellets an den Stränden Nordwestspaniens herum. Und ein Ende dieser Pest scheint nicht in Sicht zu sein. Nach Galicien haben auch die Regionen Asturien und Kantabrien akuten Kügelchenbefall der Küsten gemeldet.

Die Pellets dienen der Industrie als Ausgangsstoff für die Herstellung von Plastikprodukten. Auf dem feinen Sand der Strände Nordwestspaniens bleiben sie wie natürliches Strandgut liegen. Die Plastikkugeln sind zwar etwas größer als die Körner des feinen Sandes der galicischen Strände, aber so klein, dass sie bislang nur von Hand und mit Sieben eingesammelt werden können - eine Sisyphusarbeit. Man kann nur erahnen, welche Folgen es hat, wenn Seevögel und Fische die Kügelchen verspeisen.

Spanien: Plastik-Pellets, die am Playa El Vilar an der nordwestlichen Küste Spaniens aufgesammelt wurden.

Plastik-Pellets, die am Playa El Vilar an der nordwestlichen Küste Spaniens aufgesammelt wurden.

(Foto: MIGUEL VIDAL/REUTERS)

Nachdem Umweltschützer auch originalverpackte Pellets in Säcken mit Herstellerangabe gefunden hatten, geriet ein Containerschiff in Verdacht. Die 300 Meter lange Toconao habe Anfang Dezember vor der Küste Portugals 26 Tonnen Plastik-Pellets verloren, meldete die spanische Presseagentur EFE am Dienstag.

Regionalmedien wie die Zeitung La Voz de Galicia berichten, dass Hunderte engagierte Bürgerinnen und Bürger derzeit Strände von Hand säubern. Lokale Umweltschutzorganisationen werfen der Regionalregierung vor, das Problem erst Anfang Januar aufgegriffen zu haben.

Mittlerweile hat die für Umwelt zuständige Abteilung der Generalstaatsanwaltschaft Spaniens eine Untersuchung eingeleitet. Nach anfänglichem Zögern hat sich die Regionalregierung von Galicien am Dienstag dafür entschieden, die Notfall-Warnstufe von 1 auf 2 zu erhöhen. Damit wird die Unterstützung der Zentralregierung in Madrid akzeptiert. Das wollte der konservative Präsident der Regionalregierung, Alfonso Rueda, zuvor vermeiden. Die Opposition in Galicien versucht unterdessen, mit Kritik an Rueda Punkte zu machen: In der Region sind am 18. Februar Regionalwahlen.

Verlorene Badeenten hatten zumindest einen wissenschaftlichen Nutzen

Dass auf hoher See Container über Bord gehen, kommt öfter vor, auch wenn die Angaben über die Zahl solcher Vorfälle stark variieren. Laut einer Statistik des World Shipping Council, einer Interessenvertretung der Frachtschiffsindustrie, sind zwischen 2008 und 2022 durchschnittlich gut 1500 Container pro Jahr verloren gegangen. Manchen Umweltschützern zufolge sind es deutlich mehr.

Weltweit bekannt wurde ein Fall, bei dem in den 1990er-Jahren 29 000 Badetiere - Enten, aber auch Schildkröten, Frösche und Biber - von einem Frachtschiff fielen. Die Plastiktiere tauchten in den folgenden 15 Jahren an allen möglichen Stellen des Globus auf, von Alaska bis Chile, und waren für die Ozeanforschung eine wertvolle Datenquelle. Anhand der weltreisenden Badeenten gewann man neue Erkenntnisse über die großen Meeresströmungen.

Manchmal kollidieren auch Schiffe mit schwimmenden Containern. Und manchmal freuen sich Küstenbewohner und lokale Seefahrer, wenn sie Container mit teils wertvollem Inhalt finden und bergen. Plastik-Pellets sind allerdings kein Fund, der irgendjemanden erfreuen könnte. Sie sind allenfalls dazu geeignet, das Thema Plastikmüll in den Weltmeeren zu verschlimmern.

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