Sozialdemokratie Wie zu Kaisers Zeiten die SPD zerbrach

Wahlkampf der USPD 1919: Für die Bürgerlichen war sie der Gottseibeiuns des Umsturzes, für die SPD eine Partei der Abtrünnigen, für die Kommunisten nicht radikal genug.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

Vor 100 Jahren gründeten die Kriegsgegner in der SPD eine eigene Partei, die USPD. Nie wieder ist die deutsche Linke seither vereint gewesen.

Von Joachim Käppner

Johann Wolfgang von Goethe tanzte im "Gasthaus zum Mohren" in Gotha auf einem Maskenball. Ein verzweifelter Napoleon übernachtete nach der verlorenen Völkerschlacht bei Leipzig 1813 im selben Haus. Preußens König Friedrich Wilhelm III. hielt sich mehrmals dort auf.

1917 heißt es "Volkshaus zum Mohren", eine Wirtschaft für Arbeiter, mit Kegelbahn und Versammlungssaal unter einem mächtigen Ziegeldach. Einer der Mitbegründer der SPD, Wilhelm Bock, der für einen Sozialdemokraten über beruhigende finanzielle Mittel verfügte, hat das "repräsentable Gebäude mit großem Garten inmitten der Stadt" gekauft und darin eine Druckerei und ein Gewerkschaftszentrum eingerichtet.

Nun, im April 1917, erlebt der "Mohren" eine Versammlung, die Geschichte schreiben wird, weit mehr noch als die Besuche des Dichterfürsten und des Monarchen.

Die Teilnehmer sind seriöse Herren, sie tragen Schnauzer, Rock und Hut. Fast alle sind Sozialdemokraten, Mitglieder der SPD - und einig, dass es so nicht weitergehen kann mit dem Weltkrieg und der großen Arbeiterpartei, von der sie sich verraten und verteufelt fühlen.

Im Deutschen Kaiserreich war die SPD stets auf Einigkeit angelegt. Sie mochte solide Gewerkschaftsfürsten hervorbringen und flammende Revolutionsrhetoriker, unter dem Vorsitzenden August Bebel (1840 - 1913) haben sie alle unter einem einzigen Dach gesessen. So ist die SPD zur stärksten und am besten organisierten Arbeiterpartei Europas geworden, größte Fraktion im Reichstag, wo sie freilich machtlos in der Opposition bleibt.

Dann, als der Weltkrieg kam und Kaiser Wilhelm II. angeblich keine Parteien mehr, sondern nur noch Deutsche kannte, stimmte die SPD den Kriegskrediten zu, sie glaubte der Lüge vom Verteidigungskrieg und sah in Massenstreiks für den Frieden keine realistische Alternative.

So groß war der Einheitsdruck, dass am 4. August die gesamte Fraktion für die Kriegskredite stimmte, sogar der radikale Karl Liebknecht, obwohl eine erhebliche Minderheit in der Partei diese Linie als Sündenfall von nahezu biblischem Ausmaß empfand.

"Einer, der nach einer harten Jugend und sehr viel Arbeit aussah."

Die Rechtfertigungsrede im Parlament musste ausgerechnet der Vorsitzende und Kriegsgegner Hugo Haase halten, der dann 1917 die treibende Kraft bei der Gründung der neuen Partei ist.

Haase zählt zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Arbeiterbewegung. Die Weltbühne hat ein schönes Porträt über ihn verfasst: "Ein kleiner, unscheinbarer Mensch. Einer, der, mit gebeugtem Rücken, nach einer harten Jugend und sehr viel Arbeit aussah ... Ein kluger Kopf, ein Mann von zwingender Logik und mühselig erarbeitetem großen Wissen. Und ein Mensch, der über alle bitteren Nadelstiche des Lebens ein fühlendes Herz im Leibe behalten hatte. (...) Sein Radikalismus imponiert."

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Die Gründung von Gotha ist die Konsequenz jenes Tages im Vorjahr, an dem die latente Feindseligkeit der Mehrheit gegen die Parteilinke sich explosiv entladen hat. Am 24. März 1916 hielt Haase, der kleine, zähe, oft etwas melancholisch erscheinende Mann, im Reichstag die Rede seines Lebens. Unter sich sah er die Menge seiner Feinde, er hörte Stimmen voller Niedertracht und Zorn, Zwischenrufe, Gejohle.

Viele im Reich, sagte Haase unbeirrt, forderten nun "als Ziel des Krieges die Ausdehnung unserer Weltmacht, die Erringung der Weltherrschaft", doch: "Man sollte annehmen, dass nur komplette Narren oder gewissenlose Verbrecher solche Pläne verfolgen." Die Rede endete in Tumulten und Geschrei. SPD-Chef Friedrich Ebert, mit rotem Kopf, die kräftige Gestalt bebend vor Zorn, schrie Haase an: "Schamloser Kerl! Frecher Halunke!"

Haase und seine Unterstützer wurden kurzerhand aus der Fraktion hinausgeworfen. Der Abgeordnete Eduard David, ein entschiedener Gegner Haases und der Linken, schrieb in sein Tagebuch: "Gefühl der Befreiung. Es ist vollbracht, Scheidung auf der ganzen Linie. Ich habe gesiegt!"