Serie: Albtraum Atombombe (1):Als die Menschheit am Dritten Weltkrieg vorbei schrammte

Während der Kuba-Krise 1962, als die Erde an einem Dritten Weltkrieg vorbeischrammte, gingen die Chefs der Supermächte dementsprechend vernünftig vor: US-Präsident John F. Kennedy und Sowjetführer Nikita Chrustschow waren sich einig, dass es bei einer Eskalation keinen Sieger geben würde. Und beide Seiten hielten sich an die von US-Verteidigungsminister Robert McNamara seinerzeit formulierte Maxime, "nie, unter gar keinen Umständen, Atomwaffen als Erster einzusetzen".

Das Motto war Abschreckung. Sie brachte - eine gefährliche - Ordnung in die bipolare Welt. Das Paradoxon lautete: Man musste die Bombe haben, um einen Bombenangriff anderer unmöglich zu machen. Zum Einsatz taugte die ultimative Waffe längst nicht mehr. (Was später weder Moskau, noch Washington davon abhalten sollte, Munition aus abgereichertem Uran in Afghanistan, im Kosovo und im Irak zu verwenden.) Die Kuba-Krise war für die Großmächte eine Lehre gewesen. Fortan vermied man direkte Auseinandersetzungen - und verlagerte die ideologischen Schlachtfelder an die Peripherie: nach Vietnam, Afghanistan, nach Chile und anderswo.

Es gab manche Phasen während des Kalten Krieges nach der Kuba-Krise, in der die USA und die UdSSR über Abrüstung sprachen und Abkommen schmiedeten. Das hielt trotz der angenommenen Unmöglichkeit eines Atomkrieges die Regierungschefs in Moskau wie Washington nicht davon ab, immer neue Strategien für den Fall der Fälle auszuarbeiten. Die Folge waren neue Generationen von Kernwaffen. Und vor allem: Ihre Zahl stieg. 45.000 Bomben auf sowjetischer und 32.000 Bomben auf amerikanischer Seite lagerten zwischenzeitlich in den Magazinen und Raketensilos.

Strauß' Kernwaffenpläne, Adenauers Verniedlichung

Längst besaßen die hochentwickelten Superwaffen teilweise eine Sprengkraft von bis zu mehreren zehntausend Kilotonnen TNT. Zum Vergleich: Little Boy verglühte mit gerade mal 13 Kilotonnen TNT die Stadt Hiroshima mit mindestens 70.000 Menschen - ebenso viele starben an den Spätfolgen.

Auch in der jungen Bundesrepublik entfaltete die Erinnerung an Hiroshima große innenpolitische Wirkung: Mitte der fünfziger Jahre forcierte der aufstrebende Atomminister Franz Josef Strauß den Bau von Meilern zur Energiegewinnung. Wenig später, als Bundesverteidigungsminister, schickte sich der christsoziale Bayer an, die neu geschaffene Bundeswehr nuklear zu bewaffnen. Die aus CDU und CSU bestehende Bundesregierung erlaubte schließlich 1958 die Aufstellung von Atomwaffen in Westdeutschland unter Nato-Oberbefehl.

Bundeskanzler Konrad Adenauer fand für taktische Atomwaffen sogar eine niedliche Bezeichnung: Er spielte sie als "Weiterentwicklung der Artillerie" herunter.

Mächtiger Protest entwickelte sich damals: "Kampf dem Atomtod" lautete die Kampagne, der sich nicht nur Pazifisten, SPD und Gewerkschaften anschlossen, sondern auch die evangelische Kirche und sogar Linkskatholiken.

Hunderttausende gingen 1957 und 1958 hierzulande auf die Straße. Wie lagerübergreifend die Ablehnung der Regierungspläne war, zeigte sich im Appell der "Göttinger 18", also von namhaften Wissenschaftlern um den Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker. Der ältere Bruder des späteren Bundespräsidenten hatte im Krieg selbst mit an einem Atomprogramm für Adolf Hitler gebastelt, beabsichtigt erfolglos, wie er behauptete.

Nun riefen Weizsäcker und seine Mitstreiter Bonn dazu auf, freiwillig auf Atomwaffen zu verzichten. Ein späteres Gespräch der Forscher mit Adenauer zeigte Wirkung: Von da an hielt sich der greise Kanzler in der Causa zurück. Die Sache war bald ohnehin vom Tisch: Der Nato-Rat beschloss, nur den USA obläge die Verfügungsgewalt über Atomwaffen in Westdeutschland. Ein Jahrzehnt später unterzeichnete die Bundesrepublik den Atomwaffensperrvertrag.

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