Sarrazin: Neues Buch:Zu kurz gedacht, zu kurz gesprungen

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Seit Tagen diskutiert die Republik über das neue Buch von Thilo Sarrazin. Heute stellt der Bundesbanker den dicken Wälzer vor. Darin entwirft das Noch-SPD-Mitglied unter anderem zwei Szenarien über Deutschland in 100 Jahren - und zeigt in diesen Gedankenspielen all seine finsteren Tricks.

Matthias Kolb

Duisburg im Jahr 2021: Die "Vereinigung der islamischen Gläubigen" gewinnt mit 35 Prozent der Stimmen die Kommunalwahl und koaliert mit der nur halb so starken SPD. Bald kommt es zum Eklat: Der muslimische Kulturdezernent verbietet eine Aufführung von Shakespeares Der Widerspenstigen Zähmung. Der Skandal ist nur durch den "Duisburger Kompromiss" zu lösen: Je nach Proportion der muttersprachlichen Verhältnisse in einer Kommune werden die Aufführungen verteilt. Für Duisburg heißt das: 55 Prozent der Stücke werden auf Türkisch beziehungsweise Arabisch gegeben, der Rest in deutscher Sprache.

Thilo Sarrazin

Er sorgt für Schlagzeilen, obwohl sein Buch erst heute in die Buchläden kommt: Thilo Sarrazin, Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank, stellt sein Werk heute in Berlin vor.

(Foto: AP)

Willkommen in der Welt des Thilo Sarrazin: Am Ende seines Buches Deutschland schafft sich ab entwirft der Bundesbank-Vorstand zwei Szenarien, wie die Republik in hundert Jahren aussehen könnte. Die 18 Seiten sind ein Kondensat der Provokation: Das Kapitel bündelt Sarrazins Argumente und zeigt, mit welchen finsteren Tricks er seine Botschaft unters Volk bringt. Er nennt die Gedankenspiele "zugespitzt, sie sind Satire, aber sie sind nicht irreal". Nach ihrer Lektüre klappt der Leser das Buch zu - und dass das "Albtraum-Szenario" doppelt so lang ist wie die positive Vision, überrascht nicht.

Sollten Politik und Öffentlichkeit dem selbsterklärten Aufklärer nicht folgen, dann werde Deutschland seine Kultur verlieren und wirtschaftlich zurückfallen, orakelt Sarrazin. Eine schwarz-grüne Koalition unter Dauerkanzlerin Angela Merkel fordert von 2017 an keine Deutschkurse mehr von Familiennachzüglern, das Asylrecht wird aufgeweicht, immer mehr "Wohlstandsflüchtlinge" kommen ins Land und die Zahl der Muslime nimmt rapide zu.

Dabei deuten die aktuellen Zahlen auf einen anderen Trend hin: "Was Sarrazin zum Beispiel über die enorme Kinderzahl von Migranten sagt, hält keiner Überprüfung stand. Dass sie mehr Kinder haben, stimmte lange, es stimmt aber gegenwärtig nicht mehr", erläutert Haci-Halil Uslucan, der Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung. Einen wichtigen Punkt hob die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung hervor: "Mittlerweile verzeichnet Deutschland jährlich mehr Auswanderer als Einwanderer - und das gilt auch für Türken: 2009 kamen 30.000. Und es gingen: 40.000."

Sarrazins Albtraum: Aus Kirchen werden Moscheen

Auf die Abstiegsängste der Mittelschicht und die Sorge deutscher Eltern um die Chancen ihrer Kinder spielt Sarrazin an, wenn er die Bildungspolitik beschreibt: Um Migrantenkinder nicht zu diskriminieren, werden Leistungsunterschiede in Studien à la Pisa nicht mehr hervorgehoben. Eine Quotenregelung nach dem US-Vorbild der affirmative action sorgt dafür, dass mehr Jugendliche mit afrikanischen, arabischen und türkischen Wurzeln studieren. Die Konsequenz steht für den 65-Jährigen fest: Die verarbeitende Industrie bricht ein, die Wirtschaft schrumpft, Unternehmen ziehen ins Ausland, Deutschland verarmt.

Selbstverständlich weiß Sarrazin, dass eine wissenschaftlich solide Prognose für das Jahr 2110 nicht möglich ist, denn die Auswirkungen von Kriegen und technischen Erfindungen ließen sich nicht voraussehen. Dies schreibt er selbst auf Seite 396 und widerlegt damit eigentlich seine vorherigen Ausführungen, wonach Deutschland schrumpfen und intellektuell verkümmern werde - was vor allem an den dummen Muslimen und den übergewichtigen Faulenzern der Unterschicht liegt, die mehr Kinder zeugen als die Akademiker.

Dabei hatte der frühere Berliner Finanzsenator stets erklärt, er wolle mit diesem Buch seine Thesen aus dem umstrittenen Interview mit der Kulturzeitschrift Lettre International unterfüttern. Deswegen kann der Leser zahlreiche Tabellen und Statistiken studieren, die Buchautor Sarrazin präsentiert. Viele Fakten sind keineswegs neu - die demographische Lage des Landes ist etwa von Herwig Birg gut analysiert worden und die Fehler der Integrationspolitik hat unter anderem die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig beschrieben.

Bekannte Botschaft in vielen Varianten

Dennoch schildert Sarrazin wie ein Besessener seine Botschaften in immer neuen Episoden: Im Jahr 2045, wo bereits 30 Prozent aller Wähler einen muslimischen Hintergrund haben, brennt in Weimar erneut die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek ab. Wie reagiert der Oberbürgermeister, immerhin "ein nachdenklicher, tiefreligiöser Mann mit arabischem Hintergrund"?

Gabriel legt Sarrazin Parteiaustritt nahe

Ihn will die SPD am liebsten loswerden: Thilo Sarrazin. Dabei hat der frühere Berliner Finanzsenator angekündigt, sein Parteibuch am liebsten ins Grab mitnehmen zu wollen.

(Foto: dpa)

Er verkündet, das wenige Geld der Kommune gehöre den "Lebenden und nicht den Toten" und werde deswegen in den Vorplatz der neuen Moschee sowie die Sanierung der städtischen Koranschule investiert. Dieses Spiel mit den Ressentiments wird garniert mit der Aussicht, dass zeitgleich Kirchen, Schlösser und Museen verfallen. Um wenigstens die Bauwerke zu retten, werden etwa die Frauenkirche und der Kölner Dom in Moscheen umgewandelt.

Kein Deutsch-Pflichtunterricht in der Schule

Es sind provokative Schnell-Schlüsse, die Sarrazin liefert und die für mediales Aufsehen sorgen. Wenn es nicht in seine Argumentation passt, dann verzichtet Sarrazin gern darauf, wissenschaftliche Studien oder renommierte Forscher zu zitieren. Diese Strategie hatte er im März einem Reporter der Süddeutschen Zeitung so beschrieben: Wenn man keine Zahl habe, sagt er, dann müsse "man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch".

Im Albtraum-Szenario lässt er das Bundesverfassungsgericht 2037 entscheiden, dass jeder das Recht auf Schulunterricht in seiner Muttersprache habe. Es verstoße gegen die Menschenwürde, wenn Migrantenkinder "auf Deutsch radebrechen müssen, anstatt sich frei in der eigenen Muttersprache auszudrücken". Wie wurde das möglich? Kurz zuvor wurden zwei Richterkandidaten mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund nach Karlsruhe berufen - und für Sarrazin steht außer Frage, dass diese Juristen natürlich im Sinne ihrer ethnischen Gruppe entscheiden.

Dabei wissen gerade erfolgreiche Akademiker mit Migrationshintergrund wie Cem Özdemir und Lamya Kaddor um die Bedeutung der deutschen Sprache und guter Bildung für die Integration und bringen diesen Standpunkt in die öffentlich Debatte ein - Sarrazin will sie offenbar nicht hören.

Die Konsequenz des Urteils: Nachdem bereits das Gymnasium abgeschafft wurde, entfällt nun auch der Deutsch-Pflichtunterricht an den Schulen: Neben der Muttersprache muss Englisch genügen. Während im Bayerischen Wald noch jeder zweite Bewohner deutsch spricht, sind es in den Großstädten der verarmten Bundesrepublik höchstens zehn Prozent. Hier sitzen die "muslimischen Feuerköpfe", die für Sarrazins Schlusspointe herhalten müssen: Sie fordern eine neue Nationalflagge mit schwarzem Hintergrund, rotem Halbmond und goldenen Sternen.

Das Schlusskapitel ist deswegen so typisch für Sarrazin, weil es die gleichen Reaktionen auslöst wie seine Interviews und Vorträge. Wer im Bundesbank-Vorstand den Tabubrecher sehen will, der unbequeme Wahrheiten ausspricht und sich dem Achtundsechziger-Denken entgegenstellt, der wird die Gedankenspiele als mutig und konsequent ansehen. Möchte man sich über den Rassismus des streitbaren Schnurrbartträgers aufregen, findet man allein auf den wenigen Seiten genug grenzwertige Formulierungen. Wer sich aber mit Sarrazin inhaltlich auseinandersetzen will, der stößt auf viele Ungereimtheiten und bleibt ratlos zurück.

Selbsterklärter Aufklärer

Auf jeder zweiten Seite des Schlusskapitels wird deutlich, wie sich Sarrazin inszenieren will: als "eine Person des öffentlichen Lebens", welche "elementare Lebenszusammenhänge knapp und klar auf den Punkt bringt", wie er im Buch schreibt. Deswegen festigt jede öffentliche Klage über Sarrazin seine Position in der medialen Öffentlichkeit.

Christian Geyer hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung diesen Zusammenhang prägnant formuliert: "Sarrazins Marktwert würde schlagartig in den Keller fallen, wenn er selbst aus der SPD austräte oder als Vorstand der Bundesbank zurückträte. Umgekehrt würde sein Marktwert rapide steigen, wenn er aus Bank und Partei herausgeworfen würde." Dann könnte er sich als Opfer und Märtyrer stilisieren. Geyer analysiert vermutlich richtig, dass weder Bundesbank-Chef Axel Weber noch SPD-Chef Sigmar Gabriel Sarrazin diesen Gefallen tun werden.

Ein Anschlag als Beginn der Wende

Bleibt nun noch die Frage nach der positiven Vision Sarrazins für Deutschland. Auch hier spielt er mit der Angst der Menschen. Erst ein Sprengstoffattentat im Mai 2013, bei dem in Berlin 73 Menschen sterben, sorgt für ein Umdenken in der Politik. Nach Anschlägen in Rom und Paris ändert die EU die Regeln für den Zuzug von Einwanderern und kontrolliert die Grenzen des Schengen-Raums viel schärfer. Dass ein solcher Schritt ausreichen würde, um die illegale Migration in die EU auf weniger als 100.000 Personen zu senken, mutet weltfremd an: Nur der Preis, den die Menschen aus den ärmeren Regionen den Schleppern zahlen müssten, würde deutlich steigen.

Das Programm der im September 2013 gewählten Bundesregierung enthält sinnvolle Punkte: Es gibt Ganztagsschulen und -kindergärten, in denen für Migrantenkinder der Spracherwerb im Mittelpunkt steht und ein kostenloses Mittagessen für alle angeboten wird. Zudem gibt es strenge Strafen für jene Eltern, die ihre Kinder nicht in die Kitas oder Schule bringen.

An einem Punkt der Traum-Vision wird deutlich, wie biologisch der Bundesbank-Vorstand argumentiert: Die Zahl der Geburten sei durch staatliche Förderung so zu steuern, dass vor allem Frauen mit hohem und mittlerem Einkommen Kinder bekommen. Triumphierend schreibt Sarrazin, dass - nach Einführung dieser Maßnahmen - bei den Migranten aus Nah- und Mittelost sowie aus Afrika dank der Reformen "deren Fruchtbarkeit unter den bundesweiten Durchschnitt sank".

Er suggeriert auf gefährlich simple Weise: Man müsse nur ein paar Gesetze ändern und deren Einhaltung strenger kontrollieren, um die Probleme Deutschlands in einer globalisierten Welt zu lösen. Folgte die mutlose Politik dem klugen Bundesbank-Vorstand, so die Folgerung, dann blieben als wesentliche Erinnerung an die Zuwanderung nur die ausländisch klingenden Namen einiger prominenter Fußballer.

Folgerichtig beendet Sarrazin sein Buch mit einem lateinischen Zitat: "Hic Rhodus, hic salta!", zu Deutsch: "Hier ist Rhodos, springe!" Wer sich von dem künftigen Bestseller neue Anregungen für die Integrationsdebatte und sachliche Argumente erhofft hat, der wird erkennen: Thilo Sarrazin ist viel zu kurz gesprungen.

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