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Russland:"Helden sterben nicht"

Gedenkmarsch in Russland

Zehntausende Menschen erinnern an den vor fünf Jahren ermordeten Kremlkritiker und Ex-Vizeregierungschef Boris Nemzow.

(Foto: Pavel Golovkin/dpa)
  • Vor fünf Jahren wurde der russische Oppositionspolitiker Boris Nemzow vor dem Kreml erschossen.
  • Bei einer Demonstration am Jahrestag versammeln sich mehr als 22 000 Menschen in Moskau. Darunter sind die wichtigsten Oppositionellen des Landes.
  • Sie fordern Aufklärung im Mordfall und protestieren gegen die Verfassungsreform. Nemzow ist für viele ein Symbol für ein gerechteres Russland.

Es sind die altbekannten Sprüche: Sie rufen "Putin ohne Russland" über Moskaus Boulevardring, weil sie an diesem Samstag protestieren dürfen. Sie rufen "Russland wird frei sein", wie bei vielen früheren Demos. Dann aber mischt sich ein Satz in die Sprechchöre, der einen andere Ton anschlägt und zusammenfasst, warum die Demonstrierenden an diesem Tag auf der Straße sind. Sie rufen "Helden sterben nicht" und meinen den Oppositionspolitiker Boris Nemzow. Vor fünf Jahren wurde er auf der Brücke vor dem Kreml erschossen.

Seither gibt es zu jedem Jahrestag Gedenkmärsche durch Moskau und andere russische Städte. Und wer unzufrieden ist mit Wladimir Putin und der Regierung, der läuft mit. Die Demonstrierenden fordern, im Fall des Mordes an Putins größtem Kritiker neu zu ermitteln. Der Prozess nach Nemzows Tod ist auch im Ausland als lückenhaft und widersprüchlich kritisiert worden. Boris Nemzow war Oppositioneller, Liberaler; einer, der Russland demokratischer machen und zu einem echten Rechtsstaat machen wollte. So erinnern sich die Menschen nun an ihn, und nutzen sein Gedenken für sehr unterschiedliche Anliegen.

Viele fordern die Freilassung politischer Gefangener. Einige klagen, dass ihr Wohnhaus wegen der Moskauer Renovierungsprogramme abgerissen werden soll. Manche wünschen sich, dass die Brücke, auf der Nemzow starb, nach ihm benannt wird. Andere protestieren gegen die Verfassungsreform, die Putin angekündigt hat. Sie schwenken Fahnen von verschiedenen oppositionellen Gruppen und Parteien. Natürlich ist die Solidarnost-Fahnen dabei. So heißt die Bewegung, die Nemzow gemeinsam mit anderen Oppositionellen gegründet hat.

Die Opposition ist uneins, ob es sich lohnt, für die heutige russische Verfassung zu kämpfen

Was sie alle hier versammelt, ist die Gelegenheit zur Demonstration: Protestmärsche werden in Moskau nicht oft erlaubt. Wer zu ungenehmigten Demos geht, riskiert eine Festnahme. Zum anderen ist Nemzow für sie - mindestens an diesem Tag - Symbol für ein alternatives Russland, in dem es gerechter zugeht. "Wir heißen Boris", rufen die Demonstranten.

Die 18-jährige Sonja kann sich an Boris Nemzow nur wenig erinnern. Sie weiß aber, dass er wohl "wegen seiner politischen Ansichten" getötet wurde. "Es ist beängstigend, hier zu leben, weil du nicht sagen kannst, was du willst. Es gibt keine Freiheit hier", sagt sie. Sie war vergangenen Sommer auf ihrem ersten Protest und ist gleich festgenommen worden. Danach hat sie das Schild gebastelt, das sie auch heute wieder dabei hat: die russische Verfassung ans Kreuz genagelt. Die Idee dazu hatte sie also noch vor Putins Verfassungsreform. Deren Machern vertraut sie nicht: "Sie wollen doch bloß, dass Putin noch länger bleibt."

Fünf Jahre nach Nemzow-Mord

Fünf Jahre nach dem Mord an Boris Nemzow geht seine Familie nicht davon aus, dass der Fall bald vollständig aufgeklärt wird.

(Foto: Pavel Golovkin/dpa)

Mitte Januar hatte Wladimir Putin angekündigt, die Verfassung in mehreren Punkten umzuschreiben - in einem recht eiligen, undurchsichtigen Prozess. Proteste dagegen blieben bisher aus. Nun rufen die Demonstrierenden zwischendurch auch "Hände weg von der Verfassung". Manche halten Schilder gegen die Reform hoch. "Ich schreibe die Verfassung zum Schwanensee um", steht auf einem. Der Mann, der es hochhält, spielt damit auf die vielen Änderungsvorschläge an, die nun für die neue Verfassung kursieren. Doch die Reform bleibt bei diesem Protest ein Randthema. Selbst die Opposition streitet darüber, ob es sich lohnt, für die heutige russische Verfassung zu kämpfen.

Auch nach seinem Tod bringt Nemzow die Opposition zusammen

Insgesamt kommen mehr als 22 000 Menschen zum Gedenkzug, zählt eine unabhängige Organisation. Sie alle müssen zu Beginn des Zugweges durch Metalldetektoren, ihre Rucksäcke durchsuchen lassen. Wie jede angekündigte Demonstration ist auch diese von Sicherheitskräften umrahmt. An den grauen Detektoren hängen Kameras, Moskau baut seit einiger Zeit die Gesichtserkennung in der Stadt aus.

Die Demonstrierenden schreckt das nicht ab. Lange bevor es losgeht, ist der Boulevardring voller Menschen und dafür ungewöhnlich still. Niemand ruft, bevor sich der Zug in Bewegung setzt. Ganz vorne laufen Freunde und Weggefährten von Boris Nemzow. Wladimir Kara-Mursa ist da, langjähriger Freund und Kollege von Nemzow. Heute arbeitet er für die Stiftung "Offenes Russland". Ilja Jaschin ist da, der Moskauer Oppositionspolitiker, der heute die Bewegung Solidarnost leitet. Wladimir Ryschkow läuft mit, mit ihm hat Nemzow einst die liberale Partei Parnas gegründet. Auch Alexej Nawalny, der heute wohl prominenteste Kremlkritiker, ist unter den Demonstrierenden. Man sieht sie nur selten alle zusammen, Russlands Opposition ist uneinig und zersplittert. Doch Nemzow war schon immer einer, der sie zusammenbringen konnte.

© SZ/saul
Michail Chodorkowski

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