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Russland:Geheimniskrämerei am Weißen Meer

Nichts gewusst: Militärgelände im nordrussischen Njonoksa.

(Foto: AFP)
  • Bei einer Explosion eines nuklearen Raketenantriebs auf einem russischen Militärgelände im Meer starben fünf Mitarbeiter.
  • Die zurückhaltende Kommunikationsstrategie der russischen Regierung befeuert die Gerüchte und verunsichert die Bevölkerung.
  • In den Tagen nach der Explosion sind mehrere russische Messstationen ausgefallen. Eine Vermutung ist, dass niemand durch die Messdaten herausfinden sollte, was genau am Weißen Meer explodiert ist.

Besser nicht an die Küste gehen, nichts aufsammeln, was dort angeschwemmt wurde, warnte der Mann in Uniform seine Zuhörer. Jemand im Publikum muss das Video, das die Internetseite newsader.com veröffentlich hat, heimlich aufgenommen haben. Bild und Ton sind schlecht, deutlich wird aber: Der Offizier versucht, die Einwohner von Njonoksa zu beruhigen. Auf einem Militärgelände nahe des kleinen Ortes am Weißen Meer ist ein Raketentriebwerk explodiert und hat Radioaktivität freigesetzt. Mehr als zwei Wochen ist das her. Doch die Geheimniskrämerei der Behörden verunsichert die Menschen in der nordrussischen Region.

Die Rakete sollte nuklear angetrieben werden, nach Informationen der Atombehörde Rosatom offenbar mit einer Art Isotopenbatterie. Das Triebwerk war demnach auf einer schwimmenden Plattform im Meer explodiert, fünf Rosatom-Mitarbeiter starben nach dem Unfall. Zuvor hatte das Verteidigungsministerium erklärt, zwei seiner Mitarbeiter seien bei der Explosion ums Leben gekommen. Überreste des Unglücks würden nun an Land geschwemmt, so der Mann auf dem Video, die Küste daher zur Sicherheit bewacht. Eigentlich will er beschwichtigen: Es seien keine Atomwaffen explodiert, sondern eine Rakete, die mit nuklearen Isotopen betrieben werde. Es habe schon lange zuvor ähnliche Tests gegeben, davon hätten die Leute nur nichts gewusst.

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Auf einem Raketen-Testgelände nahe der nordrussischen Stadt Sewerodwinsk kommt es zu einer Explosion. Tage später wird bekannt: Die Strahlung ist teilweise deutlich angestiegen.

Überreste des Unglücks werden an Land geschwemmt, die Küste wird bewacht

Nichts gewusst, genau das ärgert die Zuhörer im Raum. Die Behörden haben die Bevölkerung nur stückchenweise informiert, viele Angaben waren schwammig, einige wurden wieder zurückgenommen. Das Verteidigungsministerium hatte anfangs geleugnet, dass Radioaktivität freigesetzt worden war. Gleichzeitig kursierten im Internet früh beispielsweise Fotos von Krankenwagen in Moskau, wohin die Opfer der Explosion gebracht worden waren. Die hinteren Türen waren mit Plastik verklebt.

Inzwischen haben sich Ärzte aus dem Regionalkrankenhaus Archangelsk anonym in mehreren russischen Medien geäußert. Dort waren drei der Verletzten behandelt worden, bevor sie nach Moskau geflogen wurden. In der Moscow Times beschreiben Krankenhausmitarbeiter, wie die Schwerverletzten am Nachmittag nach der Explosion vollständig entkleidet und in Plastikfolie gewickelt eingeliefert wurden. Niemand habe die Mitarbeiter davor gewarnt, dass die Männer radioaktiv verstrahlt wurden und damit auch andere Patienten in Gefahr bringen könnten.

Das Gesundheitsministerium hat den Krankenhausmitarbeitern später angeboten, sich in einer speziellen Klinik in Moskau untersuchen zu lassen. Im Gewebe eines der Ärzte, der stundenlang einen der verstrahlten Patienten behandelte, wurde das radioaktive Isotop Caesium 137 gefunden. Die Nachrichtenseite Meduza schreibt, die Mitarbeiter der Moskauer Spezialklinik hätten das auf einen Urlaub des Arztes in Thailand geschoben. Er hätte dort wohl Krabben gegessen, die durch die Atomkatastrophe von Fukushima verstrahlt waren. Die Klinikmitarbeiter in Archangelsk wurden zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Dazu passt, dass ausgerechnet in den Tagen nach der Explosion mehrere russische Messstationen ausgefallen sind. Ihre Aufgabe ist die Kontrolle eines internationalen Vertrags, der Kernwaffentests verbieten soll, aber bisher nicht in Kraft getreten ist, weil unter anderem die USA ihn nicht ratifiziert haben. Die beiden russischen Stationen, die Njonoksa am nächsten liegen, wurden zwei Tage nach der Explosion abgeschaltet, berichtete das Wall Street Journal. Also etwa zu jenem Zeitpunkt, zu dem die radioaktive Verschmutzung in der Atmosphäre sie erreicht hätte. Fünf Tage später fielen zwei weitere Stationen aus. Eine Vermutung ist, dass niemand durch die Messdaten herausfinden sollte, was genau am Weißen Meer explodiert ist. Denn dass die radioaktive Strahlung dort für kurze Zeit um das 16-fache gestiegen ist, hat der russische Wetterdienst längst bestätigt.

Eine Woche nach dem Unglück sollten die Bewohner von Njonoksa evakuiert werden, dann durften sie doch bleiben. Die Begründung: Ursprünglich geplante Tests seien abgesagt worden. Aber für wie lange? Vergangenen Samstag etwa meldete das Verteidigungsministerium, in der Barentssee im Norden seien bei Tests Raketen von zwei Atom-U-Booten abgefeuert worden.

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