Reportage aus Haiti:Haiti hängt am Tropf

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Die Nothelfer der Weltgemeinschaft kommen aus Nepal, Indien und China, vor allem aber aus Lateinamerika und besonders aus Brasilien. Die aufstrebende Wirtschaftsmacht führt die internationalen Streitkräfte in ihrer bisher größten Militäraktion, das macht den Einsatz im Armenhaus des Kontinents zu einem regionalen Härtetest.

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(Foto: SZ-Karte)

Coronel Sampaio Santos ist dabei ein mittlerer Charge, er trägt eine coole Sonnenbrille und ähnelt ein wenig dem Capitao Nascimento in dem preisgekrönten Favela-Film "Elitetruppe". Sein Kontingent nutzt Erfahrungen von Rio de Janeiros Militärpolizei und probt in Cité Soleil umgekehrt auch für den Einsatz in den von Drogenhändlern beherrschten Favelas daheim.

Das Gefecht um die von Warlords besetzte Sonnenstadt wurde zum Feldzug. Nach ungezählten Toten und Hunderten Verhaftungen hat sich das Klima von Anarchie, Lynchjustiz und Entführungen beruhigt. "Ohne Minustah würde ich weniger gut schlafen", sagt ein Diplomat.

Haitis Präsident René Préval regiert unterdessen relativ ungestört in seinem blütenweißen Palast, schräg gegenüber steht ein unvollendetes Riesenmonument für seinen Vorgänger Aristide. Kürzlich heiratete Préval gemütlich, die meisten Landsleute indes sind so arm wie gehabt, und ohne die Schutzmacht der UN würde es für den Staatschef noch wesentlich schwieriger.

Haiti, Insel des Unglücks

Sein zweiter Wahlsieg 2006 war von Betrugsvorwürfen begleitet, unter seiner Führung wurden seit 2008 zwei Premierminister abgesetzt. Seine Partei mit dem trügerischen Namen Lespwa (Hoffnung) wurde kurzerhand - und ebenso irreführend - in Unity (Einheit) umbenannt, Aristides Partei Lavalas (Lodernde Flut) wurde verboten.

2010 werden Parlament und Präsident gewählt, Haitis Politelite wird wieder nervös. Und die Serie der Unglücke reißt nicht ab.

Der damalige Minustah-Oberbefehlshaber Urano Teixeira da Matta wurde Anfang 2006 tot in seinem Hotelzimmer in den grünen Hügeln von Petionville über Port-au-Prince gefunden. Selbstmord, hieß es.

Außerdem wüteten Hurrikane, kosteten Tausende Leben und Milliarden Dollar. Dann trieb die Lebensmittelkrise mit kaum bezahlbarem Import-Reis aus den USA Bürger und Banden auf die holprigen Straßen. Studenten protestierten für die Erhöhung der Mindestlöhne von 1,75 auf fünf Dollar - pro Tag, nicht pro Stunde.

Deyè mòn, gen mòn, lautet ein Sprichwort - jenseits der Berge sind noch mehr Berge, hinter einem Problem wartet das nächste. "Wir sind vorangekommen, die Sicherheit hat sich dramatisch verbessert, die Lage ist stabiler", findet Hédi Annabi, der oberste Friedenshüter.

Der Jordanier sitzt in seinem Büro im alten Hotel Christopher, dem Minustah-Hauptquartier. Aber Annabi sagt auch: "Wir brauchen mehr Einsatz der internationalen Gemeinschaft."

Die Milliarden, die ein Monat Krieg im Irak oder in Afghanistan kostet, würden reichen, um Haiti weitgehend zu sanieren. Stattdessen sammelte eine Geberkonferenz magere 320 Millionen Dollar ein, einige Gläubiger erließen Auslandsschulden. "Viel zu wenig", klagt Annabi.

Das ehemals blühende Antillen-Land hängt am Tropf. 600 Millionen Dollar jährlich stecken die UN in Minustah, mehr als eine Milliarde geben weitere Gönner wie Venezuelas Präsident Hugo Chávez, diverse Hilfsorganisationen und Emigranten. Der Milliardär George Soros will in Cité Soleil eine Fabrik bauen.

Der UN-Sondergesandte Bill Clinton, der in Haiti einst mit Hillary seine Flitterwochen verbrachte, flog mit Unternehmern ein, er wirbt mit niedrigen Löhnen und hohen Gewinnen. Doch auch die früher halbwegs einträgliche Textilindustrie ist zusammengebrochen. Kaum jemand investiert, Geld verschwindet, die Oberschicht hortet ihren Reichtum hinter Mauern oder im Ausland, Millionen Haitianer sind geflüchtet. Der Tourismus gedeiht nur in Ghettos.

"Du kannst hier etwas machen, aber nicht mit diesen Politikern", klagt eine einheimische Geschäftsfrau. Das größte Geschäft, so heißt es, ist der Schmuggel mit Kokain, Haiti ist zu einem beliebten Transitland geworden.

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