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Referendum in Griechenland:"Die Bürger wurden getäuscht"

Dies wissen auch die drei Freunde Vasilis Tsiatsiamis, Eleni Kirpioti und Manos Kesselatis, die alle "Ja" gestimmt haben und nun in einer Bar im edlen Vorort Kolonaki ihren Frust ertränken. "Ich fürchte, dass uns dieses Votum um Jahre zurückwirft", sagt Tsiatsiamis, der ein Café in Kolonaki besitzt. Die sehr technische Frage auf dem Stimmzettel hätte die Bürger getäuscht - die einzige richtige Formulierung wäre gewesen: "Soll Griechenland in der Euro-Zone bleiben oder nicht?" So konnte Premier Tsipras argumentieren, dass auch Proeuropäer mit "Ochi" stimmen können.

Die Mittdreißiger sind sich einig, dass es viele Schuldige an der Misere gibt - und sie meinen nicht nur Klientelwirtschaft und Korruption. "Alle griechischen Parteien, die in der Opposition waren, waren unverantwortlich. Sie haben Reformen der Regierungen kritisiert und versprochen, dass sie diese zurücknehmen würden", sagt Kesselatis.

Auf seinem Smartphone liest er vor, dass Ex-Premier Antonis Samaras als Chef der Konservativen abtritt - ein überfälliger Schritt, findet Kesselatis: "Er hätte das im Januar tun müssen, so hat Samaras der 'Ja'-Seite geschadet. Sein Gesicht verbinden viele mit Austerität und sie haben kein Vertrauen zu ihm."

Dieses Argument ist zuvor auch auf dem Syntagma-Platz angeführt worden. Eine Frau um die 50 sagt: "Als ich gesehen habe, wer alles für ein 'Ja' wirbt, da musste ich mit 'Nein' stimmen." Die Drohkulisse, die Finanzminister Wolfgang Schäuble und Euro-Gruppen-Chef Dijsselbloem aufgebaut hätten, indem sie "Ochi" mit dem Grexit gleichgesetzt hätten, hat zudem viele Griechen verärgert.

Syriza genießt noch immer Vertrauen

Der Mangel an Alternativen ist ein weiterer Grund für das Ergebnis: Trotz seiner Unerfahrenheit und des oftmals chaotischen Auftretens der Syriza-Fraktion und -Regierung erscheint Alexis Tsipras vielen noch immer als der beste und glaubwürdigste Akteur. Die etablierten Parteien, die sozialistische Pasok und die konservative Nea Dimokratia, hatten mit ihren Reformen in den Augen vieler keinen Erfolg und gelten als diskreditiert.

Wie geht es nun weiter? An diesem Montagabend beraten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande in Paris; zuvor entscheidet die Europäische Zentralbank, ob die griechische Notenbank nochmals ELA-Kredite erhält, um die heimischen Banken vor der Pleite zu retten. Am Dienstag folgt dann ein Euro-Sondergipfel in Brüssel. Wie dann die Regierung in Athen aussieht, weiß niemand: Tsipras hat sich mit den Chefs der Opposition getroffen. Manche Beobachter spekulieren, dass nun ein Verhandlungsteam gebildet werden könnte, dem möglichst viele Parteien angehören.

Am Montagmorgen kommt noch eine SMS an: Sie stammt vom 30-jährigen Luke, der am Freitagabend für "Ja" demonstriert hat. Er schreibt: "Ich mache mir große Sorgen. Hoffentlich akzeptiert die Welt die Interpretation von Premier Tsipras." Dass nochmals verhandelt wird, das wünschen sich in diesen Tagen fast alle Griechen.

© SZ/jasch/dd
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