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Yanis Varoufakis:Hart wie ein Helm

Yanis Varoufakis

Yanis Varoufakis Anfang Juli auf seinem Motorrad

(Foto: AP)
  • Yanis Varoufakis tritt als griechischer Finanzminister zurück. Das habe sich sein Premier Tsipras gewünscht, sagt er.
  • Varoufakis war eine Reizfigur. Er hatte sich mit den anderen Euro-Finanzministern überworfen.

Von Bastian Brinkmann

Vom Mittelfinger zur Fußnote - das ist die Entwicklung des Yanis Varoufakis. Als der damalige griechische Finanzminister in der TV-Sendung von Günther Jauch auftrat, war die mediale Konfrontation zumindest in Deutschland wohl am größten. Varoufakis behauptete in der Sendung, er hätte vor Jahren auf einer kleinen Konferenz nicht den Mittelfinger gezeigt. Eine eigentlich irrelevante Episode, sein Auftritt damals. Nur sitzt Varoufakis dann bei Jauch und behauptet: Diesen Auftritt habe es so nicht gegeben. Ein Versprecher vielleicht in der aufgeladenen TV-Debatte. Vielleicht war es aber auch schlicht: eine Notlüge, live im Fernsehen vor einem Millionenpublikum.

Das war im März, Varoufakis war damals zwei Monate im Amt. Der dramatischste Auftritt sollte aber noch kommen. Am Samstag vor einer Woche platzten die Verhandlungen zwischen Griechenland und Gläubigern. Premierminister Alexis Tsipras hatte kurz zuvor angekündigt, das Volk zu befragen.

Die ganze Konfrontation zeigt sich in einem diplomatischen Dokument, der "Erklärung der Euro-Gruppe zu Griechenland" vom 27. Juni. Die griechische Regierung hätte die Verhandlungen einseitig abgebrochen, heißt es darin. "Die Euro-Gruppe erinnert an die erheblichen Finanztransfers", geht es trotzig weiter. Doch der Zündstoff steht ganz unten, in einer Fußnote: Die Erklärung werde unterstützt "von allen Mitgliedern der Euro-Gruppe mit Ausnahme des griechischen Mitglieds". Das griechische Mitglied: Das war Varoufakis.

So eine Erklärung hatte es in der Geschichte der Euro-Gruppe nicht gegeben. In dem Gremium treffen sich alle Finanzminister der gemeinsamen Währung. Sie entscheiden immer gemeinsam, im Konsens. Sie verhandeln stundenlang, bis in die Nacht, um einen Kompromiss zu finden, hinter dem alle stehen können. Als Varoufakis in der Runde saß, wurde mit dieser Tradition gebrochen. Die Fußnote ist ein Symbol dafür, wie konfrontativ es zwischen ihm und den anderen 18 Euro-Ministern zugegangen sein muss.

Euro-Gruppe ohne Varoufakis: Die gemeinsame Währung erhielt einen Riss

Varoufakis reiste nach Veröffentlichung der Erklärung ab, die übrigen Minister blieben sitzen und einigten sich - einstimmig - auf ein zweites Dokument, wie es nun weitergehen soll. Das Papier hieß nur noch "Ministerielle Erklärung". Die gemeinsame Währung, der einheitliche Euro-Raum, erhielt an diesem Tag einen Riss.

Vor seiner Berufung war Varoufakis Wirtschaftsprofessor und kommentierte die Euro-Krise mit markigen Worten. "Wenn der politische Wille da wäre, könnte die Krise in einem Monat zu Ende sein", sagte er 2011 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Es kam anders. Varoufakis verzichtete im Amt weder auf deutliche Ansagen noch auf sein Motorrad, mit dem er ins Ministerium fuhr. Er galt als harter Typ, hart wie ein Helm.

Nun also der Rücktritt. Varoufakis ist weg. Noch in seinem Rücktrittsschreiben poltert er gegen seine Ministerkollegen. Die hätten eine "gewisse Präferenz" dafür, dass er "abwesend" sei. Er als Linker klebe nicht an seinem Amt. Premier Tsipras halte die Idee seiner Abwesenheit für möglicherweise hilfreich, um eine Einigung zu erzielen. "Darum verlasse ich heute das Finanzministerium", schreibt Varoufakis in seinem Blog.

Auch in Griechenland war er eine Reizfigur

Tsipras trifft an diesem Montag die anderen politischen Leitfiguren Griechenlands. Vielleicht möchte er sich nach dem Referendum mehr Rückhalt in der Parteienlandschaft holen. Varoufakis war auch in Griechenland eine Reizfigur.

Auch in manchen Euro-Ländern atmen nun Politiker auf. "Varoufakis' Rücktritt erhöht die Möglichkeit eines Deals von 'extrem unwahrscheinlich' auf 'sehr unwahrscheinlich'", kommentiert der Kolumnist Hugo Dixon.

Etwas Gutes hat der Rücktritt für Varoufakis persönlich: Er muss sich nicht den Arm abhacken. Er wolle sich das Körperteil abtrennen, hätte er einem Kompromiss mit den Gläubigern zustimmen müssen, der die Schuldenlast seines Landes nicht verringere, hatte Varoufakis noch vor wenigen Tagen gesagt. Das Amt geht, der Arm bleibt.

© SZ.de/mikö/dd
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