Rechtsextreme: Marine Le Pen Frankreichs blondes Gespenst

Sarkozy gibt sich cool, doch in seiner Partei herrscht offene Panik: Die hohen Umfragewerte der Rechtsextremen Marine Le Pen verunsichern die Regierung und spalten die Sozialisten.

Von Michael Kläsgen

"Hören wir nicht auf die Umfragen und lassen wir die Journalisten ihre Zeitungen verkaufen." Ein Kommentar, ganz nach der Art von Nicolas Sarkozy. Und im Prinzip hat der Präsident recht, einerseits. Es wird noch viele Umfragen geben, bis Frankreich in gut einem Jahr ein neues Staatsoberhaupt wählt, und die meisten Franzosen werden sich erst kurz vorher für ihren Kandidaten entscheiden. Andererseits: Selten haben Prozentpunkte die politische Klasse in Frankreich derart in Aufruhr versetzt wie in diesen Tagen.

In Umfragen erfolgreich, von Konservativen wie Sozialisten gefürchtet: die wortgewandte Marine Le Pen, Präsidentschaftkandidatin der rechtsextremen Front National.

(Foto: REUTERS)

Der Grund dafür ist jung und blond und rechtsextrem und heißt Marine Le Pen. Egal, welches Institut die Bevölkerung befragte und egal wie die Fragen lauteten, stets liegt die Vorsitzende des Front National (FN) unter den ersten drei Kandidaten. Am Donnerstag prognostizierte das Institut Ifop 29 Prozentpunkte für den sozialistischen Kandidaten Dominique Strauss-Kahn, 23 Prozent für Sarkozy und 21 Prozent für Le Pen. Andere Umfragen haben die Rechtsextreme auch schon auf Platz zwei gesehen, vor Sarkozy.

Die Gelassenheit des Präsidenten ist freilich nur gespielt. Es wäre fahrlässig, die schlechten Umfragen zu ignorieren. Deshalb fährt er eine Doppelstrategie: nach außen hin cool bleiben und intern die Reihen schließen. Seither gibt es zwei Sarkozys. Der eine sagt: "Ich mache seit 35 Jahren Politik und habe alle Höhen und Tiefen durchgemacht." So antwortet er in verschiedenen Variationen auf Negativ-Nachrichten, egal ob es Wahlumfragen oder der katastrophal schlechten Beliebtheitswert von nur noch 22Prozent sind. Der Präsident will so staatsmännischer und seriöser wirken und weniger emotional und sprunghaft.

Der andere Sarkozy ist der Strippenzieher hinter den Kulissen: Er müht sich, das eigene politische Lager zusammenzuhalten und Rivalen davon zu überzeugen nicht gegen ihn anzutreten. Ein Konkurrent aus den eigenen Reihen könnte ihm so gefährlich werden wie ein politischer Gegner. Im schlimmsten Fall würde er ihm die entscheidenden Stimmen rauben, die er braucht, um in den zweiten Wahlgang zu kommen. Mit seinem Intimfeind, dem ehemaligen Premier Dominique de Villepin, schloss er vergangene Woche überraschenderweise einen solchen Pakt.

Die Frage freilich ist, wie lange dieser hält. Auch François Bayrou, den Vorsitzenden der Zentrumspartei Modem, traf Sarkozy, um ihn einzubinden. Auch das verwundert, denn Bayrou kokettierte bei den Wahlen 2007 noch mit den Sozialisten. Zudem hat Sarkozy seine Truppe im Elysée in Gefechtsformation gebracht. Sein langjähriger Weggefährte Brice Hortefeux, zuletzt Innenminister, ist auf FN-typische Themen wie Ausländer und Kriminalität spezialisiert und soll Sarkozys Wahlkampf organisieren, der längst begonnen hat.

Seit Wochen zieht Sarkozy durchs Land, auch weil Ende März Kantonalwahlen sind. Sie gelten als letzter Test vor dem entscheidenden Wahljahr 2012. Schon beim jüngsten kommunalen Urnengang erlitt die Partei von Sarkozy eine herbe Niederlage. Damals räumten die Sozialisten ab. Diesmal fürchten die bürgerlich Konservativen die extreme Rechte. In der Regierungspartei UMP herrscht offene Panik. Denn wie immer in Frankreich werden auch die Bürgermeister und Kreisräte per Mehrheitswahl in zwei Wahlgängen bestimmt.

Die Frage, die die Konservativen umtreibt, lautet: Was tun, wenn im zweiten Wahlgang ein linker und ein rechtsextremer Kandidat übrigbleiben? Sollen sie dann eine Wahlempfehlung für die Linke abgeben oder sich enthalten? Sarkozy ist da unmissverständlich: Wer den FN unterstützt, wird ausgeschlossen, drohte er am Donnerstag. Befragungen unter UMP-Mitgliedern zeigen allerdings, dass viele diese Strenge für übertrieben halten. UMP und FN hätten doch viele gemeinsame Werte, sagen sie.

Der mögliche Super-GAU: Sarkozy wird Dritter

So geht ein Riss durch die Partei. Und auch der Graben zwischen Sarkozy und Premier François Fillon ist tief. Fillon sprach sich für eine "republikanische Front" gegen den FN aus, also im Zweifel für ein Bündnis mit der Linken. Eine "Lepenisierung" der Rechten hält er für den falschen Weg. Etwa die Roma-Politik im vergangenen Jahr. Sie habe sich nicht ausgezahlt. Sarkozy hingegen ist überzeugt, dass sich die französische Gesellschaft von den sozialistischen Idealen entfernt habe, zitiert ihn die Tageszeitung Figaro. Die Bevölkerung fürchte, es gebe "nicht mehr genug Autorität, Strenge, Sicherheit und Arbeit". Die anstehenden Wahlen gewinne man nicht in der Mitte, sondern rechts.

Die Gemengelage gibt einen Vorgeschmack auf die Zerreißprobe, die der Partei bevorstünde, käme es 2012 zum Super-GAU: Sarkozy an dritter Stelle hinter Le Pen und dem sozialistischen Kandidaten. Würden die Konservativen dann den FN verhindern, indem sie links wählen? Die Sozialisten taten dies 2002 unter umgekehrten Vorzeichen und stimmten für Sarkozys Vorgänger Jacques Chirac, um den damaligen FN-Vorsitzenden Jean-Marie Le Pen zu verhindern. Der 21. April ging als Trauma in ihr kollektives Gedächtnis ein.

Der Aufstieg der Rechtsextremen reibt auch auch die Sozialisten auf. Erstmals diskutieren sie offen über die Vorwahlen, die für Oktober anberaumt sind. Vor allem Anhänger von Dominique Strauss-Kahn schüren die Debatte. In der Bevölkerung gilt der Chef des Internationalen Währungsfonds als großer Favorit, parteiintern ist er umstritten. Allein für die Vorwahl gibt es sechs potentielle oder erklärte Kandidaten. Hinzu kommen die übrigen Linksparteien, die Anti-Kapitalisten, die Kommunisten, die Links-Partei und die Grünen - die Linke ist traditionell extrem zersplittert.

Von den Arbeitern, die einst der Linken zuneigten, will laut Umfragen nun etwa ein Drittel für Marine Le Pen stimmen. 2007 waren sie noch größtenteils Sarkozys Lockruf erlegen. Der Zuspruch für die Rechtsextreme treibt sogar linke Bastionen wie die ehemals kommunistische Gewerkschaft CGT um, die schlagkräftigste in Frankreich. Deren Chef Bernard Thibault schrieb diese Woche einen offenen Brief an alle Sekretariate. Er warnt davor, für den FN zu stimmen. Vor Marine Le Pen haben alle Angst.