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Prozess gegen Islamisten:"Der hat mich halt gefragt, ob ich treu bin bis zum Tod"

Prozessauftakt gegen angeblichen Terrorhelfer

Harun P. beim Prozessauftakt am Oberlandesgericht München.

(Foto: dpa)
  • Schwur auf einen radikalen Prediger, Ausbildung zum Dschihad in Syrien: In München steht ein 27-Jähriger vor Gericht.
  • Der gebürtige Münchner Harun P. soll eine islamistische Terrorgruppe unterstützt und zum Mord aufgerufen haben.
  • Beim Prozessauftakt liefert der junge Mann zweifelhafte Erklärungen. Der Richter stellt ihm unangenehme Fragen.

Die Männer waren aus Deutschland gekommen und sie lebten nun in den Bergen Syriens in einem kleinen Dorf bei Latakia, in einer Unterkunft, die sie "Deutsches Haus" nannten - weil dort so viele Deutsche einquartiert waren. Harun P. war einer von ihnen, ein junger Mann aus München, an der Isar geboren, dort aufgewachsen.

Ende September 2013 brach er auf in den Dschihad. In Syrien traf er auf die Terrorgruppe Junud al-Sham, übersetzt heißt das: Soldaten Syriens, eine radikale islamistische Terrorgruppe. Man bildete ihn dort an Waffen aus, lehrte ihn Nahkampf, teilte ihn zu Wachdiensten ein. Auch militärisch wurde er eingesetzt, bei einem Angriff auf das Gefängnis von Aleppo.

Das alles wirft die Anklage dem Mann vor, der seit Dienstag in München vor Gericht steht. Und noch etwas dazu: Harun P. soll auch zum Mord an einem erst 16 Jahre alten Mädchen aus Deutschland aufgerufen haben. Fatma B. war nach Syrien gereist, um einen Dschihad-Kämpfer zu heiraten. Ihr Vater und ihre ältere Schwester versuchten, das Mädchen zurückzuholen.

Als ihn Vater und Töchter überraschend ohne Maskierung im "Deutschen Haus" trafen, war Harun P. in Sorge, die junge Fatma könnte das Versteck verraten, wenn sie nach Deutschland zurückkehre. Er habe, so wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor, einem Vorgesetzten geraten, die Frau zu töten. Der Rat wurde aber nicht in die Tat umgesetzt. Fatma kehrte 2014 nach Deutschland zurück.

Spaß oder Ernst?

Nun ist Harun P. selbst wieder daheim. Und erzählt, wie alles kam. In einem sanften, leicht südlich gefärbten Hochdeutsch berichtet er, wie er wurde, was er ist: ein radikaler Islamist. Und macht gleichzeitig klar: War doch alles nicht so ernst gemeint. Sein Internet-Account trug den Namen Assassin-Mudschaheddin (Mörder-Freiheitskämpfer), aber das sei nur Spaß gewesen.

Auch den Treueschwur auf den radikalen Prediger Hasan Keskin tut Harun P. ab. Den habe er nur beiläufig gekannt. "Der hat mich halt gefragt, ob ich treu bin bis zum Tod. Und ich hab halt ja gesagt. Das war's schon." Der Richter fragt: "Sie gehen doch auch nicht mit einer fremden Frau vom Stiglmaierplatz vor's Standesamt und schwören ihr Treue bis zum Tod." - "Ich hab's halt gemacht. War halt so ein Zugehörigkeitsgefühl."

Hinten im Saal sitzen Männer mit langen Bärten und eine junge Frau, die nur Augenschlitze in ihrem Kopftuch hat. Und der frühere Linksradikale und heutige Islamist Bernhard Falk gibt ein kleines Seminar, wie man sich vor Gericht verhält: "Wir stehen nicht auf vor dem Richter, also stehen wir schon auf, wenn er noch gar nicht da ist." Die Frau mit den Augenschlitzen nickt eifrig: "Wir stehen nur vor Allah auf." Falk reist von Prozess zu Prozess gegen seine Brüder.

Er habe helfen wollen

27 Jahre ist Harun P. nun und Richter Manfred Dauster sagt zu ihm: "Ich halte Sie für einen hochintelligenten Mann." - "Danke schön", sagt Harun P. höflich. Aber der Richter macht ihm nach Stunden zähen Befragens auch klar: "Es könnte ihnen zum Nachteil geraten, wenn sie Dinge, die wir in den Akten haben, in ein so mildes Licht stellen."

Harun P. trägt Bart. Er sagt, er sei erst von 2012 an richtig religiös geworden. Und dann ging er auch schon ein Jahr später in den Dschihad. Wie das so schnell ging, kann Harun P. nicht erklären. "Es ist doch ein Unterschied, ob ich Muslim werde oder Extremist oder noch Schlimmeres", sagt Richter Dauster. "Was hat Sie an diesen extremistischen, islam-faschistischen Informationen aus dem Internet so fasziniert?" - "Es ging mehr um die Unterdrückung anderer Völker", sagt Harun P. ausweichend.

Er fände es furchtbar, dass Kinder in Syrien verhungern. Er wollte helfen. "Und was ist mit den Menschen, die von der Terrorgruppe IS bei sengender Hitze ins Gebirge getrieben wurden", fragt der Richter. Das würde er nie befürworten, sagt Harun P. Er habe nicht nur reden wollen, sondern helfen, etwas tun.

Daheim in München tat der Angeklagte nicht so viel. Er schmiss die Lehren als Hotelfachmann, als Sicherheitskraft, als KfZ-Mechatroniker. Dann wurde seine Freundin von ihm schwanger, das Kind starb 2008. Er war traurig, sagt Harun P. Weil er das Kind damals nicht nach den islamischen Riten beisetzen konnte, er habe zu wenig darüber gewusst. Tränen treten ihm in die Augen. Der Richter macht zwanzig Minuten Pause. "Geht's wieder?" fragt er. Der Angeklagte nickt.

"Ich habe ihm gedroht, dass ich ihm den Kopf abschneiden werde"

Schon bevor er nach Syrien ging, war Harun P. der Polizei aufgefallen. Er hatte die Plakate des rechten Politikers Michael Stürzenberger abgerissen und ihm gedroht. "Ich habe ihm gedroht, dass ich ihm den Kopf abschneiden werde, wenn ich ihn erwische", sagte Harun P. Tja, seufzt da der Richter und wiegt den Kopf. "Das hat ein Geschmäckle. Sie drohen ihm mit einer Handlung, die wir aus einer Vielzahl von Videos kennen."