Protest gegen Rechtsextremismus in Dresden:Zur falschen Zeit am falschen Ort

Auch Agnes Scharnetzky, 25, war an jenem Tag im Februar in der Stadt. Sie wollte, dass ihr Protest von den Nazis gesehen und gehört wird, "aber wenn ein Polizist sagt ,gehen Sie weg', dann gehe ich." 2011 wurde Scharnetzky einmal von einem Polizisten zurückgewiesen, aber sie geriet in keinen Kessel, ihre Personalien wurden irgendwann danach nur an das Bundespräsidialamt weitergegeben. Ende vergangenen Jahres bekam Scharnetzky einen Brief. Der "Herr Bundespräsident und Frau Schadt würden sich sehr freuen, Sie am Donnerstag, dem 10. Januar 2013, um 10.00 Uhr zum Neujahrsempfang in Schloss Bellevue begrüßen zu können."

Agnes Scharnetzky engagiert sich seit Jahren in Pirna in dem Verein Aktion Zivilcourage. Sie wurde auch stellvertretend dafür ausgezeichnet, aber nicht nur. In seiner Rede beim Neujahrsempfang sagte der Bundespräsident: "An Tagen wie diesen spüren wir es: Bürgergesellschaft ist möglich, sie lebt, sie gedeiht, sie blüht."

"Mich macht das ratlos. Ich kann mir das nicht vorstellen, dass die Gitti Aggressivität ausgestrahlt hat. Sie ist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen", sagt Scharnetzky über Fuhrmann. "Es hätte genauso gut sie sein können, die dort steht", sagt diese wiederum über ihre Kollegin.

"Wir sollen fördern, dass junge Menschen zivilcouragiert sind. Aber was tun wir denen an? Wenn uns das gelingt, dann kriegen die nichts als Ärger", sagt Anja Besand, Professorin an der TU Dresden und Chefin der beiden Frauen. Es sei Zeit für eine Debatte über die Vorstellung, was Zivilcourage eigentlich bedeutet. "Ist es das Bild von der Straßenbahn, in der ich den alkoholisierten Randalierer zurechtweise? Das wollen wir alle. Ist es erste Bürgerpflicht, die Hundehaufen vom Bordstein wegzumachen? Oder heißt Zivilcourage, womöglich auch gegen einen Mainstream für seine Meinung einzutreten?" Angst könne einen davon abhalten, und "diese Angst ist berechtigt, wenn man sich anschaut, wie Menschen behandelt werden, die tatsächlich für den Protest einstehen".

"Ich will nicht die sein, die gegen den Staat ist"

Es gebe eine politische und eine juristische Ebene, sagt Agnes Scharnetzky. "Politisch habe ich den Eindruck, dass Engagement gewollt ist. Juristisch wird da mit einem Maß gemessen, das nicht Gerechtigkeit sein kann." Sie verstehe die Willkür unter anderem gegenüber ihrer Kollegin nicht, "und es ist willkürlich, wenn da Leute rausgezogen werden. Ich finde schon, dass es legitimer ziviler Ungehorsam ist, solange keine Gewalt angewendet wird."

Einige Freunde und Bekannte haben zu Brigitte Fuhrmann gesagt, sie solle stolz darauf sein, für etwas verurteilt zu werden, das gesellschaftlich gewollt sei. Es wäre ein teurer Stolz. "Ich rechne mit 5000 Euro. Anwaltskosten, vor allem Verfahrenskosten, dazu 600 Euro Strafe", sagt sie. Das Blockade-Bündnis "Dresden Nazifrei" hat ihr Unterstützung angeboten.

Neben der Rechnung und einem Eintrag im Bundeszentralregister bleiben für Brigitte Fuhrmann vor allem Fragen. Zum Beispiel die, wer sie sein möchte. "Ich will nicht die sein, die gegen den Staat ist. Ich will mich aber engagieren. Und da gerät man in Konflikte." Für Agnes Scharnetzky bedeute die Auszeichnung, dass sie genauso weitermacht. Aber was bedeutet das Urteil für sie? Wird sie nun verdrossen? Oder stärkt dieses Urteil sogar das politische Interesse? "Beides", sagt Brigitte Fuhrmann.

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