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Russland:Kandidatin mit Draht in den Kreml

Xenia Sobtschak

Vielleicht ist über Ksenia Sobtschak schon mehr bekannt, als man über eine Präsidentschaftsbewerberin wissen muss.

(Foto: Maxim Shipenkov/dpa)

Ksenia Sobtschak tritt 2018 gegen Wladimir Putin an. Für den Präsidenten löst die Kandidatur der 35-Jährigen eine ganze Reihe von Problemen auf einmal.

Es ist viel bekannt über Ksenia Sobtschak, vielleicht mehr, als man über eine Präsidentschaftsbewerberin wissen muss: die Bilder, auf denen sie sich in knapper Unterwäsche räkelt; das Video, auf dem sie in der Badewanne laut über Masturbation nachdenkt. Viele solcher kleinen, kalkulierten Provokationen, die in der medialen Erregungsökonomie den Preis hochtreiben. Bevor sie als Moderatorin des russischen "Big Brother" bekannt wurde, gab es "Die Blondine in Schokolade", eine Doku-Soap über das Leben eines Glamour-Girls mit Sobtschak als Hauptperson: Vormittags Visagist, nachmittags eine Parfüm-Präsentation, abends der rote Teppich.

Wenig gesicherte Erkenntnisse gibt es indes darüber, wo die 35-Jährige wirklich politisch steht, die in dieser Woche angekündigt hat, bei der russischen Präsidentschaftswahl im März zu kandidieren. Die politische Bühne betrat sie während der Massenproteste gegen die Wahlfälschungen im Winter 2011/2012. Im Gedächtnis geblieben ist, wie sie den Demonstranten zurief: "Ich bin Ksenia Sobtschak, und ich habe etwas zu verlieren." Was sie zu verlieren hatte, war allen klar: ihre lukrativen Verträge mit dem Staatsfernsehen, ihren Platz in der russischen Society und vielleicht auch ihre guten Beziehungen in den Kreml. Schließlich arbeitete Wladimir Putin einst mit ihrem Vater zusammen, als der Bürgermeister von Sankt Petersburg war. Es heißt, der Vizebürgermeister Putin habe damals die Patenschaft für die kleine Ksenia übernommen.

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Fragen zu ihrer wahren Motivation gab es schon damals. Hatte sie sich aus Überzeugung den Kreml-Kritikern angeschlossen, oder war sie vielleicht ein U-Boot im Koordinationsrat der Opposition? Tatsächlich verschwand sie eine Weile aus dem Staatsfernsehen und bewies dafür beim liberalen Internet-Sender Doschd, dass sie eine intelligente Frau ist, die gehaltvolle Interviews mit Prominenten führen kann. Ihre Zeit als Studentin an Moskaus elitärer Diplomaten-Schule MGIMO hatte sie offensichtlich nicht nur mit Nägelfeilen verbracht.

Nun aber löst Sobtschaks Kandidatur eine ganze Reihe von Problemen für den Kreml auf einmal. Weit vorne steht der Umgang mit Alexej Nawalny, der in den vergangenen Monaten ein großes Netzwerk an Unterstützern im ganzen Land aufgebaut hat. Sie alle eint der Zorn über die Korruption. Gerade hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Urteile gegen Nawalny gerügt, die als Vorwand dienten, ihn nicht zu den Wahlen antreten zu lassen. Sein Ausschluss würde die Wahl endgültig zur Farce machen und wahrscheinlich anhaltende Proteste auslösen. Doch selbst wenn er am Ende nur ein paar Prozent geholt hätte, hätte seine Zulassung die Korruption der Putin-Eliten für Monate auf die Agenda gehoben.

Mit Sobtschak gibt es jetzt eine liberale Alibi-Kandidatin. 2012 hatte der Milliardär Michail Prochorow ergeben diese Rolle gespielt und knapp acht Prozent geholt. Sobtschak ist dazu noch eine Frau, die die junge Generation anspricht. Obendrein mobilisiert sie mit fünf Millionen Abonnenten die Generation Instagram.

Präsident Putins traditionelle Sparringspartner sind inzwischen alle um die 70 Jahre alt: der Rechtspopulist Wladimir Schirinowski, der Kommunist Gennadij Sjuganow und Grigorij Jawlinskij von der Partei Jabloko, der sich längst mit seiner Rolle als demokratischer Verlierer abgefunden zu haben scheint. Putin, selbst 65, weicht Fragen nach einer vierten Amtszeit bisher aus. Aber niemand bezweifelt, dass er noch einmal antritt und gewinnt.

Eine Wahl zwischen alten Männern, deren Ausgang feststeht, lockt niemanden an die Urne. Aber jetzt kommt doch noch Leben in die Kampagne. Sie sei die Kandidatin für die Wähler, die gegen alle seien, fasst Sobtschak ihr Programm zusammen. Davon, wie man für Gesprächsstoff sorgt, versteht sie etwas. Erfreulich für den Kreml, wenn es dabei kaum noch um Korruption geht.

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