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Präsidentschaftswahl in Russland:Ildar aus Kasan

Ildar, 23, arbeitet als Bauingenieur in Kasan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan, die ein wichtiges Zentrum des russischen Islam bildet. Der 800 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Millionenstadt an der Wolga geht es wirtschaftlich verhältnismäßig gut. Das produzierende Gewerbe weist mit Unternehmen im Flugzeug-, Maschinen und Gasturbinenbau sowie der chemischen, pharmazeutischen und medizintechnischen Industrie eine große Vielfalt auf. Auch die Öl- und Bauwirtschaft, der Tourismus und der Handel florieren.

Eigentlich halte ich die Präsidentschaftswahlen für eine wichtige Angelegenheit. De facto bestimmen sie einen Teil meiner Zukunft für die nächsten sechs Jahre. Die Frage ist nur, ob sich an meiner Perspektive irgend etwas ändern würde, wenn die Wahlen nicht statt fänden. Denn es besteht kein Zweifel daran, dass Putin danach weiterregieren wird, und das täte er auch ohne die Wahlen.

Jeder Herausforderer, der Putins Siegchancen ernsthaft gefährden könnte, wird diskreditiert, ignoriert, ins Gefängnis geworfen oder in irgendeiner anderen Weise aus dem Weg geräumt. Putin hat die Macht fest im Griff und denkt nicht daran, sie irgendwie zu teilen, was ich sehr verurteile.

Ich bezweifle ernsthaft, ob man Russland noch eine Demokratie nennen kann, falls das überhaupt jemals möglich war. Oder gibt es irgendein Land, das sich als Demokratie bezeichnet, und gleichzeitig einen solchen Personenkult um seinen Staatschef aufführt? In dem die Propaganda so penetrant ist, und das einen so großen Polizeiapparat hat?

Natürlich kommt Putin nach wie vor auf hohe Zustimmungswerte in der Bevölkerung, die ich gar nicht anzweifle. Ich erkläre mir das mit dem Chaos der Neunzigerjahre (die Ära Jelzin, in der Russlands Wirtschaft teilweise zusammenbrach und das Land zahlungsunfähig war, Anm. d. Red.). Alle, die damals erwachsen waren, also diejenigen, die heute 40 Jahre alt sind oder älter, erlebten die ersten Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als eine Zeit harter Prüfungen. Das hat sich ihnen tief eingeprägt. Heute idealisieren sie Putin, weil sie glauben, er habe sie aus der damaligen Krise geführt. Sie sind bereit, die langjährigen Defizite der Regierungsarbeit hinzunehmen. Das heißt: Weiterhin in der Stagnation zu verharren, sich mit laufenden Preissteigerungen bei Nahrungsmitteln und Benzin abzufinden und Gesetze zu tolerieren, die ihre Rechte und Freiheiten einschränken. Alles, nur nicht zurück in die Neunzigerjahre, so lautet ihre Devise.

"Wer zu aufmüpfig wird, riskiert seinen Job"

Hinzu kommt, dass es sich die Beschäftigten des öffentlichen Sektors, also etwa Beamte, Lehrer und Ärzte, kaum leisten können, offen auf Distanz zu Putin zu gehen. Wer zu aufmüpfig wird, riskiert seinen Job, während das Militär und die Polizei vom Kreml verhätschelt werden.

Auch Angestellte, Arbeiter und Kleinunternehmer müssen kämpfen. Besonders wenn sie, so wie ich, in den Regionen fernab der Hauptstadt leben. Ich würde mir hier in Kasan dieselben Arbeitskonditionen und -chancen wie in Moskau wünschen, doch stattdessen verdiene ich als Bauingenieur nur die Hälfte dessen, was ich in Moskau bekäme. Die Preise sind hier zwar niedriger als in Moskau oder St. Petersburg, aber so viel günstiger sind sie nicht, dass es das ausgleichen würde. Dabei habe ich noch Glück: Kasan ist Austragungsort der WM (2018 in Russland, Anm. d. Red.), das gibt der Stadt Auftrieb und als Bauingenieur stehe ich natürlich besonders gut da. Doch in den angrenzenden Regionen ist der Niedergang deutlich spürbar.

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