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Präsidentschaftswahl:Somme, Sonne, Strand in Schillig

Damals, in der Disko. Das Meer ist weg, aber das war absehbar. Für diese Tageszeit kurz nach Mittag lassen sich Ebbe und Flut sehr genau vorhersagen. Aber sonst ist dieser Termin auf der Niedersachsen-Rundreise von Ministerpräsident Christian Wulff so, wie es sich gehört. Sommer, Sonne, Strand und, naja, ein bisschen Meer an den Gestaden von Schillig.

Christian Wulff

Pressefoto mit Robbe: Christian Wulff am Strand von Schillig an der Nordseeküste mit dem Maskottchen des Ortes.

(Foto: ap)

Der aktuelle Bundespräsidentschaftskandidat wird mit einem warmen Applaus auf der Bühne empfangen. Es gibt etwas zu feiern, das Strandbad hat 150. Geburtstag. Menschen in Badehosen und Bikinis stehen vor der Bühne, manche noch schlohweiß vom langen Winter, andere so braungebrannt, als würden sie unter einer Höhensonne leben.

Festreden sind angesagt. Der Kandidat spricht über Tourismuswirtschaft und Übernachtungszahlen - über die Erfolgsgeschichte Nordseeurlaub. Die Honoratioren danken Wulff pflichtgemäß, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass er es trotz der Präsidentschaftskandidatur hat einrichten können, dass "Sie zu ihrem Wort gestanden haben". Dafür gibt es Extra-Applaus von den Badegästen.

Nach den Reden geht der Kandidat an den Strand. Hier stehen ein gutes Dutzend überlebensgroße weiße und blaue Plastikrobben. Irgendjemand muss wohl gedacht haben, mit Plastikrobben könne so ein Nordseesandstrand noch attraktiver werden. Ein paar Kinder spielen. Wulff gesellt sich dazu. Er weiß, welche Bilder Lokalzeitungen lieben. Die Menschen gehen auf ihn zu, wollen Autogramme, so wie Oma Agathe, die heute Geburtstag hat und das Autogramm braucht, damit ihre Enkel ihr auch glauben, dass sie Wulff am Strand getroffen hat.

Die Präsidentschaftskandidatur scheint hier weit weg zu sein in Schillig. In seiner Rede jedenfalls geht es nicht mit einer Silbe darum. Nur in den kurzen Radiointerviews, die er unentwegt geben muss. Die Fragen aber drehen sich nur um eines: Wird er Niedersachsen vermissen? Wird er Niedersachsen verbunden bleiben? Wird er als Bundespräsident öfter nach Niedersachsen kommen?

Die Frage, was ist, wenn er gegen Joachim Gauck verlieren sollte, stellen nur Wenige. Wulff antwortet dann ausweichend, dass es gut sei in der Demokratie, einen Gegenkandidaten zu haben. Dass sich in einer Demokratie die Minderheit der Mehrheit beugt.

Christian Wulff erkennt einen weißbärtigen Mann mit schwarzer Sonnenbrille wieder. Ein Diskothekenbesitzer aus einer der Nachbargemeinden, klärt der Kandidat die Umstehenden auf. Der Mann achte streng darauf, dass es in seiner Disko keine Drogen gibt. Wulff hätte es damit bewenden lassen können. Stattdessen pflegt er, mit Lederschuhen im Strandsand, sein Schwiegersohn-Image.

Der Kandidat also erzählt, er sei vor einigen Jahren mit seinen Leuten in jener Disko gewesen. Zufällig sei an dem Abend ein Pastorenehepaar hereingeschneit und wollte wissen, ob ihre Kinder dort gefahrlos hineingehen könnten. "Dann haben sie mich da sitzen sehen. Ich glaube, sie haben es ihren Kindern dann erlaubt."

Als Ministerpräsident muss er solche Geschichten wohl erzählen. Ministerpräsidenten sind ständig im Wahlkampf.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Herr der Lage auf stürmischer See, Wulff zu Gast im Schifffahrtsmuseum.

Präsidentengattin Bettina Wulff

Patchwork-Mama und PR-Profi

Wo ist der Landrat. Er lässt den Mann nicht aussprechen. "Vielen Dank", sagt Christian Wulff knapp. Und geht weiter. Dabei ist der Mann ein Parteifreund und stellvertretender Bürgermeister des Städtchens Elsfleth. Hier macht der ranghohe CDU-Politiker Station, um den Neubau des hiesigen Schifffahrtsmuseums zu besichtigen.

Wulff auf Sommerreise durch Niedersachsen

Wulff, der Kapitän, der Seebär, der die Lage auf stürmischer See immer im Griff hat. Schönes Bild, aber Wulff hat die Lage natürlich nicht im Griff.

(Foto: dpa)

Das gibt wieder schöne präsidiale Bilder des Kandidaten für die Wahl des Bundespräsidenten. Wulff mit Kind vor Vitrine; Wulff am historischen Steuerrad des ehemaligen Frachtenseglers Emma, Baujahr 1912. Wulff bei den Leuten.

Im Garten des Museums aber wartet eine kleine Demonstration: Gut zwei Dutzend Mitarbeiter des Modehauses Wessel, die sich mit Pappschildern bewaffnet dem Ministerpräsidenten entgegenstellen. Dem Ministerpräsidenten, nicht dem Kandidaten. Es geht um eine notwendige Erweiterung des 150 Jahre alten Familienbetriebes.

Seit drei Jahren versucht die Geschäftsführung, eine Baugenehmigung zu bekommen, sie scheitert aber regelmäßig am Landrat oder an der Landesregierung, je nach Sicht. Weil die Lieferanten nur bereit sind, dem Modehaus bessere Konditionen zu geben, wenn die Ladenfläche größer wird, hängt die Existenz des Hauses an der Entscheidung. 45 Arbeitsplätze sind gefährdet.

Der Kandidat geht lächelnd auf die Modeverkäufer zu. Die Geschäftsführer tragen ihr Problem vor. Christian Wulff stellt als Erstes fest, dass er nicht zuständig sei, sondern der Landrat. "Kommunale Selbstverwaltung", sagt Wulff - als wäre allein die Erwähnung dieser demokratischen Errungenschaft schon die Lösung. Wulff dreht sich nach dem Landrat um. Der ist verschwunden, er hat Wulff mit der Gruppe allein gelassen. Wulff verweist wieder auf Nichtzuständigkeit. Irgendwann platzt Günther Vögel der Kragen. Das ist er, der CDU-Mann, der als stellvertretender Bürgermeister von Elsfleth verantwortlich ist. "Seit drei Jahren geht das schon so", bricht es aus ihm heraus. "Es kann doch nicht sein, dass das links und rechts vom Tellerrand gefegt wird!"

Wulffs Gesichtszüge verhärten sich. Er sieht nicht aus, als hätte er noch große Lust, sich der Sache anzunehmen. Dann geht er einfach weiter, lässt das Modehaus und Herrn Vögel mit ihren Problemen allein zurück.

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Die Sonne scheint hell. Im Zelt wartet der Kinderchor des evangelischen Kindergartens. "Die Sonne scheint hell, der Tag ist so schön, lalalalalala." So singen sie. Das gefällt dem Kandidaten besser. Drei Mitarbeiterinnen des Modehauses Wessel gehen auch in das Zelt. Haben sie den Eindruck, dass der Ministerpräsident ihnen helfen wird? Sie gucken, als wären sie ernsthaft gefragt worden, ob gleich der Russe einmarschiere in Elsfleth. Schweigen. Dann sagt eine der drei: "Wir hoffen es."

Im Zelt singen die Kinder vom grellen Sonnenschein.

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