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Rückkehr der "Polarstern":"Wir haben dem arktischen Meereis beim Sterben zugesehen"

Die Polarstern kehrt nach einem Jahr zurück nach Bremerhaven.

(Foto: AFP)

Die "Polarstern" ist nach einem Jahr zurück. Expeditionsleiter Markus Rex über die Schönheit der Arktis - und sich auf Gedeih und Verderb in die Hände der Natur zu begeben.

Interview von Kai Strittmatter

Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut ist Professor für Atmosphärenphysik an der Universität Potsdam und der Leiter der Mosaic-Expedition. Die SZ telefonierte mit ihm an Bord kurz vor Rückkehr der Polarstern nach Deutschland.

SZ: Herr Rex, die "Polarstern" kehrt zurück von einer historischen Forschungsreise nach einem Jahr im arktischen Eis. Sind Sie erleichtert?

Rex: Ich bin wahnsinnig erleichtert und froh über den sehr erfolgreichen Verlauf der Expedition. Alle Teilnehmer kehren gesund und wohlbehalten nach Hause zurück. Wegen der Corona-Pandemie hing die Expedition im März, April einmal am seidenen Faden. Das waren harte Wochen, da ist uns das gesamte Logistikkonzept für die Expedition auseinandergeflogen, und wir standen vor dem Nichts. Aber wir haben nie aufgegeben. Die Chance, diese Daten aus der Zentralarktis und in der Nähe des Nordpols über ein ganzes Jahr hinweg sammeln zu können, wird nicht wiederkommen. Und wir haben dann in einer atemberaubenden Zeit einen komplett neuen Plan entwickelt, mit fantastischer kurzfristiger Unterstützung durch neue Partner, und konnten so die Mosaic-Expedition retten. Mir ist kein einziges anderes großes internationales Forschungsvorhaben bekannt, das in dieser Zeit weitergeführt werden konnte, die wurden alle abgebrochen.

Sie mussten kurzzeitig einige Messungen einstellen.

Für vier Wochen fehlt uns wegen der Corona-Umplanungen ein Teil der Daten. Aber wir haben uns mit dieser Expedition auf Gedeih und Verderb in die Hände der Natur begeben, ihr Verlauf war komplett bestimmt von Winden und Strömungen, die das Eis treiben, und damit auch die Polarstern. Bei so einem Unternehmen kann man froh sein, wenn einem zwei Drittel von dem gelingen, was man sich vorgenommen hat. Und uns ist sehr viel mehr gelungen.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Wie haben Sie das Eis erlebt?

Das Eis ist von faszinierender Schönheit. Ich habe eine emotionale Verbindung zum arktischen Meereis entwickelt, auf dem wir so lange gelebt haben. Es ist eine Landschaft, die sich ständig verändert. Die Eisfläche lebt, sie bildet neue Risse, manchmal faltet sie sich dramatisch zu riesigen neuen Gebirgen auf. Da schaffen gigantische Kräfte aus dem Nichts einen Presseisrücken, begleitet von Gerumpel und einem Gekreische, das sich manchmal anhört wie ein schreiendes Baby. In der tiefen Schwärze der Polarnacht dann schrumpft die Welt zusammen auf die kleine Lichtblase, die die eigene Stirnlampe bildet. Manchmal hatte man den Eindruck, man würde einen fremden Himmelskörper erkunden. Dann der Kontrast dazu im Sommer, wenn die Sonne täglich 24 Stunden am Himmel steht, es permanent hell ist, und alles schmilzt und taut. Man kann das Schmelzen hören und sehen, mit allen Sinnen erleben.

Polarstern Returns From One Year In The Arctic

„Man kann das Schmelzen hören und sehen“: der Leiter der Mosaic-Expedition ins Polarmeer, Markus Rex.

(Foto: David Hecker/Getty Images)

Es war wieder ein Sommer mit Rekordtemperaturen.

Ja, wir sind dann nördlich von Grönland zum Nordpol vorgestoßen, und zwar durch eine Gegend, wo es normalerweise dickes, teilweise mehrjähriges Eis gibt, wo auch Eisbrecher leicht stecken bleiben. Wir haben aber völlig marodes Eis vorgefunden, weite Strecken offenen Wassers, zum Teil bis zum Horizont, fast bis zum Nordpol. Auch direkt am Pol war das Eis völlig aufgeschmolzen, erodiert, durchsetzt mit Löchern von Schmelztümpeln. Wir haben dem arktischen Meereis beim Sterben zugesehen. Das beeindruckt noch mal auf einer ganz anderen Ebene als der rationalen. Es macht sehr augenfällig, dass das sommerliche arktische Meereis in wenigen Jahrzehnten komplett verschwunden sein könnte. Dass wir die letzte Generation sein könnten, die noch eine ganzjährig von Eis bedeckte Arktis sieht, welche von unglaublicher Schönheit ist. Und das Verschwinden des Eises hätte schwerwiegende Auswirkung auf Wetter und Klima auch dort, wo wir leben. Das Eis sterben zu sehen tut weh. Wir sollten alles daran setzen, es auch für zukünftige Generationen zu erhalten.

Wie war denn die Stimmung an Bord?

Die Stimmung war ausgezeichnet, es war ein fantastisches Team, auf das ich wirklich stolz bin. Wir haben extrem intensiv auf dem Eis gearbeitet und manchmal auch gut zusammen gefeiert. Dabei haben wir einen Datenschatz produziert, der die arktische Klimaforschung verändern wird.

Das Ankommen wird nicht einfach, oder?

Zuerst werde ich meine Frau und meine Kinder in den Arm nehmen und mich freuen, dass ich sie wiederhabe. Ich kenne das von früheren Expeditionen. Viele Dinge, fremde Gesichter, Gerüche, sogar Wälder fühlen sich bei der Rückkehr erst mal merkwürdig an. Wir bringen Erlebnisse und Eindrücke mit, die uns für immer begleiten werden und die uns verändert haben. Das Ankommen zu Hause braucht seine Zeit.

Ihr Schiff, die "Polarstern", ist ja eine alte Dame und soll 2027 in den Ruhestand gehen. Wird sie dann verschrottet?

Verwenden Sie bitte nicht das böse Wort Verschrottung! Die alte Dame liegt uns sehr am Herzen. Wir werden sehen, was 2027 aus ihr wird. Vielleicht wird sie ja von anderen gekauft und weiter betrieben. Oder man kann sie bewahren, als Museumsschiff vielleicht. Nur die allerletzte Option wäre die Schrottpresse, aber da würde uns allen das Herz bluten.

© SZ vom 13.10.2020

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