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US-Wahlkampf:Es geht endlich um Inhalte, nicht nur um Streit

In der Debatte zwischen Harris und Pence benehmen sich beide Vize-Kandidaten einigermaßen - im Gegensatz zu einer Fliege im TV-Studio.

Von Thorsten Denkler, New York

Die beiden Plexiglasscheiben sind das deutlichste Zeichen, dass etwas so ganz und gar nicht in Ordnung ist. Sie stehen zwischen Donald Trumps Vizepräsident Mike Pence und Joe Bidens Kandidatin für ebendieses Amt, Senatorin Kamala Harris. Beide sind am Mittwochabend knapp vier Wochen vor der Wahl am 3. November in der Kingsbury Hall in Salt Lake City zu ihrem TV-Duell zusammengekommen. In anderen Wahlkämpfen war die Debatte der Vize-Kandidaten meist eher zu vernachlässigen. Unter den Umständen aber, unter denen sie jetzt stattfand, steckte eine ganz eigene Dramatik in dem Auftritt.

Es sind ja nicht nur die Plexiglasscheiben. Nach den Empfehlungen der US-Gesundheitsbehörde CDC dürfte Pence gar nicht hier stehen. Er müsste in Quarantäne sein. Er hätte zu Hause bleiben müssen, weil er Kontakt zu einem Corona-Infizierten hatte, zu US-Präsident Trump, der jetzt im Weißen Haus seine Krankheit auskuriert. Das Weiße Haus ist Corona-Hotspot.

Weit mehr als 30 Mitarbeiter gelten nach neuesten Daten als akut infiziert. Trumps Frau Melania ist positiv getestet, Generäle, wichtige Berater. Selbst Trumps Kammerdiener und der Assistent, der die Koffer mit den Atomwaffen-Codes stets in Trumps Nähe hält. Ganz zu schweigen von den 7,6 Millionen Amerikanern, die sich bisher infiziert haben, und den 210 000 Corona-Toten im Land.

Pence versucht es mit Schmeicheleien

Die Moderatorin Susan Page steigt direkt mit der Pandemie in die Debatte ein, die - das vorweg - einigermaßen gesittet abläuft. Harris und Pence fallen sich nicht über das übliche Maß hinaus ins Wort. Es ist an keiner Stelle nötig, "Halt den Mund, Mann!" zu rufen, wie Biden es vor einer Woche tat, als Trump und er die erste TV-Debatte miteinander bestritten. Trump ließ das Treffen mit seinen ständigen Zwischenrufen in ein unkontrollierbares Gezänk ausarten, was Zweifel aufwarf, ob solche Debatten überhaupt noch einen Wert haben.

Das war hier nicht zu erwarten. Harris und Pence mögen politisch Lichtjahre voneinander entfernt sein. Aber beide wissen sich zu benehmen. Pence versucht es im TV-Duell gar mit Schmeicheleien und gratuliert seiner Kontrahentin zu der "historischen Natur" ihrer Kandidatur. Harris ist die erste Woman of Color, die sich für eine der beiden großen Parteien um das Amt der Vizepräsidentin bewirbt.

Die Schmeicheleien von Pence beeindrucken Harris offenkundig nicht. Wann immer der versucht, ihr ins Wort zu fallen, schaut sie ihm direkt in die Augen, hebt eine Augenbraue und erklärt ruhig und bestimmt: "Herr Vizepräsident, ich rede." Was Pence jedes Mal dazu zwingt, seinen Redefluss zumindest für einen Moment zu unterbrechen. Punkt für Harris. Sie hat den Vizepräsidenten ganz gut im Griff.

Harris: "Es hat eindeutig nicht funktioniert"

Pence ist aber gar nicht der Hauptgegner für Harris in der Debatte, sondern Präsident Trump. Und Pence hat alle Mühe, den Präsidenten zu verteidigen. Er zählt die vermeintlichen Erfolge seiner Regierung im Kampf gegen die Pandemie auf: Das Einreiseverbot für Menschen aus China zu Beginn der Pandemie, die Entwicklung eines Impfstoffes in rasender Geschwindigkeit, die vielen, vielen Tests, die Verteilung von Schutzausrüstung.

Wenn er sich jetzt den Plan von Biden anschaue, dann "sieht es ein bisschen nach Plagiat aus", sagt Pence. Und anders als Trump eine Woche zuvor zeigt er immerhin Empathie: "Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht an jede amerikanische Familie gedacht habe, die einen geliebten Menschen verloren hat", sagt Pence. "Ich möchte, dass Sie alle wissen, dass Sie immer in unseren Herzen und in unseren Gebeten sind."

Harris lässt das so nicht stehen. Sie erinnert an die 210 000 Corona-Toten im Land. Daran, dass der Vizepräsident der Leiter der Corona-Taskforce im Weißen Haus ist. Und auch daran, dass Trump mutmaßlich immer noch krank und ansteckend im Oval Office sitze, und jeder, den er zu sich zitiert, einen Schutzanzug, Maske und Schutzbrille anziehen müsse. Harris folgert: "Was auch immer der Vizepräsident behauptet, was die Regierung getan habe, es hat eindeutig nicht funktioniert."

Es geht auch um Inhalte, nicht nur um Streit

Das Pandemie-Management ist nicht die einzige offene Flanke, in die Harris sticht. Unter Trump gebe es am Ende seiner ersten Amtszeit weniger Jobs als zu Beginn. Er kümmere sich nicht um die einfachen Menschen, sondern nur um sich. Als ihr gesagt worden sei, dass Trump zuletzt teilweise nur 750 Dollar an Einkommensteuern im Jahr an den Bund bezahlt habe, da habe sie geglaubt, sich verhört zu haben. Es seien sicher 750 000 Dollar gemeint gewesen. Nein, 750 Dollar.

Die Sache mit den Steuern weist Pence zurück. Die Berichte seien "nicht akkurat". Trump habe Millionen Dollar an Steuern gezahlt. Beweisen lässt sich das nicht. Trump weigert sich bis heute, seine Steuererklärungen zu veröffentlichen.

So plätschert die Debatte vor sich hin. Beide machen ihre erwartbaren Punkte. Harris zeichnet das Bild einer völlig inkompetenten Trump-Regierung, die die Pandemie nicht in den Griff bekomme, die es nicht schaffe, Jobs zu schaffen, die Handelskriege verliere und dem Rassismus im Land Vorschub leiste. Pence hingegen versucht, die Menschen glauben zu machen, dass es nur mit Trump einen Ausweg aus den Krisen gebe.

Eine Fliege wird zur Internet-Berühmtheit

Für Erheiterung außerhalb der Kingsbury Hall sorgt eine Fliege. Sie macht es sich mitten in der Debatte auf dem schlohweißen Haupthaar des Vizepräsidenten bequem und bewegt sich für einige Minuten nicht von der Stelle. Die Fliege ist inzwischen eine Internet-Berühmtheit mit Dutzenden Twitter-Accounts wie @MikePencefly__, der bereits Zehntausende Follower hat.

TV-Debatte zwischen Pence und Harris

Eine Fliege verweilt auf dem Haar von Mike Pence

(Foto: Patrick Semansky/dpa)

Die Debatte mag manchem Zuschauer langweilig erscheinen. Aber wenn die Umfragen nicht täuschen, dann ist etwas mehr Langeweile genau das, wonach sich viele Amerikaner nach vier Jahren Trump sehnen. Harris und Pence machen den Eindruck, dass sie beide - verglichen mit Trump - die besseren Präsidenten wären. Und endlich geht es mal um Inhalte und nicht nur um Streit.

Moderatorin Page hat das Schlusswort und lädt recht sorgenfrei direkt zur nächsten TV-Debatte der Präsidentschaftskandidaten am 15. Oktober ein. Das könnte etwas voreilig sein. Wenn Trump so krank ist, wie es seine Medikation vermuten lässt, dann steht in den Sternen, ob er kommende Woche schon fit genug ist. Und vor allem, ob er dann noch ansteckend ist. Bidens Lager hat schon klargestellt, dass Trump in diesem Fall gerne mit sich allein debattieren könne.

© SZ/saul
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