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USA:Corona im Weißen Haus

Die US-Regierungszentrale ist innerhalb einer Woche zum Corona-Hotspot geworden. Nach kurzer Zeit im Krankenhaus ist Trump zurück - von mehr und mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden Infektionen bekannt. Wer alles erkrankt ist im Umfeld des Präsidenten.

Von Thorsten Denkler, New York

Brian Morgenstern, stellvertretender Pressesprecher des Weißen Hauses, versuchte zu beruhigen. "Niemand hier dreht durch", sagte er am Dienstag dem Radiosender Fox Across America. Die Mitarbeiter des Weißen Hauses würden alle "ruhig und gelassen" ihrer Arbeit nachgehen. Allerdings ist fraglich, ob Morgenstern für alle Mitarbeiter sprechen kann. Es sind gerade nicht mehr so viele, die im Weißen Haus an ihren Schreibtischen sitzen. Die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen blieben Montag und Dienstag zu Hause, nachdem immer neue Fälle von Mitarbeitern bekannt wurden, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben.

Das Weiße Haus ist innerhalb einer Woche zum Corona-Hotspot geworden. Akut gibt es dort und im dazugehörigen Büro-Komplex, dem West Wing, zehn bestätigte Fälle.

Journalisten werden davor gewarnt, den West Wing zu betreten

Keine Woche ist es her, dass Hope Hicks positiv getestet wurde. Sie ist eine enge Beraterin des Präsidentenpaares und eine Freundin der Familie Trump. In der Nacht auf Freitag wurde bekannt, dass Donald Trump und seine Frau Melania sich mit dem Corona-Virus infiziert haben. Vier Tage verbrachte der Präsident im Walter-Reed-Militärkrankenhaus, bevor er am Montagabend längst nicht geheilt ins Weiße Haus zurückkehrte.

Am Sonntag wurde Trumps persönlicher Assistent Nicholas Luna positiv getestet. Am Montag traf es Trumps Pressesprecherin Kayleigh McEnany. Ihre Abteilung ist inzwischen arg dezimiert. Vier Mitglieder ihres Presseteams sind derzeit in Isolation. Der James S. Brady Press Briefing Room, in dem McEnany bisher ihre täglichen Pressekonferenzen abgehalten hat, ist am Montag von einem Mann in weißem Schutzanzug komplett desinfiziert worden.

An diesem Dienstag dann meldete Trumps Berater für Migrationsfragen und wichtigster Redenschreiber, Steve Miller, er sei positiv getestet worden. Seine Frau Katie Miller, Sprecherin von Vizepräsident Mike Pence, hatte sich bereits im Frühjahr infiziert.

Zu diesen zehn kommen mindestens 13 weitere Fälle, in denen sich Personen infiziert haben, die in jüngster Zeit in engem Kontakt zum Weißen Haus standen. Dazu gehört etwa der frühere Gouverneur von New Jersey, Chris Christie. Er hatte Trump vier Tage lang geholfen, sich auf die TV-Debatte mit Trumps Herausforderer Joe Biden am vergangenen Dienstag vorzubereiten. Christie ist übergewichtig und leidet an Asthma. Seit Samstag liegt er im Krankenaus. Sein gegenwärtiger Gesundheitszustand ist nicht bekannt.

Angesteckt haben sich auch zwei Reporter und ein Foto-Journalist. Sie waren kürzlich noch mit Trump unterwegs oder hatten zumindest engen Kontakt mit dem Presseteam. Die Vereinigung der Korrespondenten im Weißen Haus warnt ihre Mitglieder inzwischen, den West Wing zu betreten.

Dazu kommen zwei republikanische Senatoren, Trumps frühere Beraterin Kellyanne Conway, ein Pastor, ein Kammerdiener, der Präsident der University of Notre Dame, Trumps Kampagnen-Manager Bill Stepien, die Vorsitzende der Republikanischen Partei, Ronna McDaniel, und der stellvertretende Kommandant der US-Küstenwache, Admiral Charles Ray. Die Infektion des Admirals hat dazu geführt, dass die komplette militärische Führung im Joint Chiefs of Staff sich jetzt vorsichtshalber unter Quarantäne gestellt hat.

Noch ist nicht ganz geklärt, wann und wo sich die bald zwei Dutzend Infizierten mit dem Virus angesteckt haben. Dies soll offenbar auch so bleiben. Das Weiße Haus wird nach diversen Medienberichten die Fälle nicht nachverfolgen. Dahinter stecken könnte die Sorge, dass etwa die Nominierungszeremonie von Richterin Amy Coney Barrett im Nachhinein zu einem Super-Spreader-Event deklariert werden könnte.

Trump hatte Barrett vor elf Tagen im Rosengarten des Weißen Hauses für den Supreme Court nominiert, das höchste Gericht der USA. Die gut 200 Ehrengäste saßen Schulter an Schulter, kaum jemand trug eine Maske. Das galt auch für den Empfang im Weißen Haus kurz vor der Zeremonie. Als alles vorbei war, umarmten sich eine Reihe von Anwesenden und schüttelten Hände. Zwölf Personen, die auf dieser Veranstaltung waren, sind inzwischen positiv getestet worden.

Im Grunde aber barg so gut wie jede Veranstaltung im Weißen Haus das Risiko, sich zu infizieren. Masken waren offiziell vorgeschrieben, galten aber im Umfeld des Präsidenten als verpönt. "Wenn der gesamte Westflügel mit Masken herumläuft, das sieht nicht gut aus", erklärte ein Mitarbeiter gegenüber CNN.

Trump hat regelmäßig die Sinnhaftigkeit der Maske in Frage gestellt und sich über Maskenträger Joe Biden lustig gemacht. Als der US-Präsident vor einer Woche mit Biden zum ersten TV-Duell zusammentraf, haben seine anwesenden Familienmitglieder Berichten zufolge das Tragen einer Maske verweigert. Als Trump am Montagabend mit dem Hubschrauber ins Weiße Haus zurückkehrte, hat er sich auf dem Balkon für alle Kameras sichtbar als erstes die Maske vom Gesicht gezogen.

Fraglich ist, wie ernst Trump das Gebot nimmt, das für alle Corona-Patienten gilt: Sie sollen sich von gesunden Menschen so gut es geht fernhalten. Als Trump am Montag das Militärkrankenhaus verließ, ließ er sich zu der Menschenmenge fahren, die vor dem Krankenhaus wartete, um ihnen bei geschlossenem Fenster aus dem Wagen heraus zuzuwinken. Nach Ansicht medizinischer Experten hat er durch diesen unnötigen Ausflug zumindest die beiden Mitarbeiter des Secret Service in Gefahr gebracht, die ihn dort hinfuhren. In der Behörde, die den Schutz der Präsidenten garantiert, hat das für Frustrationen gesorgt. "Er gibt nicht einmal vor, um uns besorgt zu sein", sagte ein Mitarbeiter der Washington Post. Die New York Times schrieb am Montag: "Für den Secret Service stellt sich eine neue Frage: Wer wird ihn vor Trump beschützen?"

© SZ/bepe
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