Pegasus-Projekt:Eine Spur nach Dubai

. 13/11/2019. London, United Kingdom. Princess Haya Court case. David Haigh, Human Rights Lawyer, supporting Princess H

Der Menschenrechtsanwalt David Haigh wurde fast ein Jahr lang ausspioniert.

(Foto: Mark Thomas/imago)

Das Handy des Menschenrechtsaktivisten David Haigh wurde ausspioniert - er setzte sich zuletzt vor allem für die Freilassung von Prinzessin Latifa ein. Der Brite verdächtigt ihren Vater, den Scheich von Dubai, hinter dem Hacker-Angriff zu stecken.

Von Frederik Obermaier

Die Überwacher griffen an, als David Haigh im Krankenhaus war. Über eine auf sein Handy versandte Nachricht installierten sie am 3. August 2020 die Spähsoftware Pegasus und konnten fortan wohl mithören und mitlesen, was auch immer der Anwalt und Menschenrechtler sprach oder schrieb. Dies ergab eine forensische Analyse des iPhones des Briten, die das Amnesty International Security Lab durchgeführt hat. Haigh reiht sich damit ein in eine lange Liste von Journalisten, Politikern und Menschenrechtlern, die mithilfe der berüchtigten Software der Firma NSO Group überwacht wurden. Sein Fall ist besonders pikant, da Experten hinter der Ausspähung einen der reichsten und mächtigsten Männer der Welt vermuten: den Scheich von Dubai, Mohammed bin Raschid al-Maktum.

David Haigh nämlich ist nicht nur Anwalt und Ex-Manager des Fußballclubs Leeds United. Vor allem ist er ein scharfer Kritiker des autokratischen Regimes in Dubai. Nachdem er von einem Gericht 2015 wegen Unterschlagung von Geld seines früheren Arbeitgebers - eine Tat, die Haigh bestreitet - verurteilt wurde, saß er 22 Monate in Dubai im Gefängnis, wo er nach eigenen Angaben gefoltert und vergewaltigt wurde.

Nach seiner Freilassung engagierte er sich bei der Nichtregierungsorganisation "Detained International" - und setzte sich vor allem für Latifa bint Muhammed al-Maktum ein, die Tochter des Herrschers von Dubai. Sie hatte mehrmals versucht, aus dem Emirat zu fliehen. Ihre letzte Flucht scheiterte im Jahr 2018, als Soldaten eine Yacht stürmten, auf der sie zusammen mit einer Freundin und einem französischen Ex-Geheimdienstler nach Sri Lanka türmen wollte.

Einige Tage bevor sein Handy 2020 mit Pegasus-Technologie angegriffen wurde, hatte Haigh noch mit Prinzessin Latifa kommuniziert. Über ein Handy, das ihr Helfer in jene Villa geschmuggelt hatten, in der sie nach eigenen Angaben seit ihrer missglückten Flucht festgehalten wurde, hatte sie ihm verzweifelte Nachrichten geschickt. Unter anderem, so berichtet Haigh, habe sie ein Video aufgenommen, das später die BBC ausgestrahlt hat. "Ich bin eine Geisel", klagte Latifa bint Muhammed al-Maktum darin. Sie fürchte um ihr Leben.

Der Brite fordert Sanktionen gegen Dubai

Am 21. Juli 2020 brach die Kommunikation ausweislich eines Screenshots, welcher der Süddeutschen Zeitung vorliegt, ab. Prinzessin Latifa antwortete nicht mehr. Womöglich hatten ihre Bewacher das eingeschmuggelte Handy gefunden.

Zwei Wochen später erfolgte dann der Spähangriff auf David Haighs iPhone. Wer dahintersteckt, lässt sich anhand der forensischen Untersuchung, die Amnesty International im Zuge der sogenannten Pegasus-Projekt-Recherchen durchgeführt hat, an denen in Deutschland neben der SZ auch NDR, WDR und die Zeit beteiligt waren, nicht nachvollziehen. Haigh vermutet die Behörden aus Dubai dahinter. Es handle sich um den "Angriff eines despotischen Regimes auf die Menschenrechte". Von der britischen Regierung fordert er Sanktionen.

Die Behörden von Dubai ließen eine Anfrage unbeantwortet. Auch Scheich Mohammed bin Raschid al-Maktum wollte sich nicht äußern. Hacking-Vorwürfe hat er stets zurückgewiesen. Der Hersteller der Pegasus-Software, die israelische NSO Group, hat jüngst mitgeteilt, Presseanfragen nicht mehr zu beantworten. Wie aus dem Umfeld des Unternehmens zu hören ist, wurde ein Vertrag mit Behörden in Dubai im vergangenen Jahr aufgekündigt - wegen Bedenken, dass Menschenrechte verletzt würden.

Damit wächst der Druck auf den Scheich von Dubai. Kritiker prangern regelmäßig Menschenrechtsverletzungen in seinem Reich an. Im Sorgerechtsstreit vor einem Londoner Gericht warf Al-Maktums Ex-Frau Haya bint al-Hussein ihm zuletzt vor, zwei seiner Töchter entführt zu haben - was der Scheich dementiert. Eine weitere Tochter - die damals elfjährige Jalila - wiederum wollte er nach Angaben seiner Ex-Frau mit dem saudi-arabischen Kronprinzen Mohammed bin Salman verheiraten: jenem Mann, der hinter der Ermordung des Journalisten Jamal Kashoggi stecken soll.

Auf einer Liste potenzieller Pegasus-Ausspähziele taucht auch eine Handynummer von Al-Maktums Ex-Frau auf. Ebenso die Nummer ihres Pferdetrainers, ihres Assistenten, mehrerer Sicherheitsleute - und die eines ihrer Anwälte. Scheich al-Maktum ließ dazu erklären, dass er weder versucht habe, die Telefone zu hacken, noch dies beauftragt habe.

Womöglich schließt sich an dieser Stelle der Kreis zu David Haigh. Der nämlich war zu jener Zeit, als sein Handy ausgespäht wurde, in Kontakt mit den Anwälten der Ex-Frau des Scheichs.

Mitarbeit: Drew Harwell, Dan Sabbagh

© SZ/vgr
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