bedeckt München 23°

Ideologie:Die Idee des Patriotismus ist an sich selbst gescheitert

Aus dieser Entwicklung lässt sich eine Lehre ziehen: Die ursprüngliche Idee des Patriotismus ist an sich selbst gescheitert, weil sie die Dynamik menschlicher Gruppen ignorierte. Wer den Gemeinsinn in einer Gruppe stärken will, muss die Identifikation attraktiv machen und die Liebe zu dieser Gruppe anfeuern. Wer aber die "Eigengruppen"-Bindung stärkt, geht ein hohes Risiko ein: Sozialwissenschaftler haben immer wieder gezeigt, dass wenn die Bedeutung der eigene Gruppe erhöht wird, zugleich die Abgrenzung zu allen "Fremdgruppen" verstärkt wird.

Auf der Ebene von Volk und Vaterland wird diese Strategie besonders gefährlich. Patriotismus bildet so den fruchtbaren Boden für die Entwicklung des Nationalismus. Das bestätigen Studien von Sozialwissenschaftlern und Psychologen wie Wilhelm Heitmeyer und Christopher Chors: Patriotische Einstellungen fördern heute noch rechtes und nationalistisches Gedankengut.

Nationalismus Von wegen "unverkrampftes Verhältnis" zum Vaterland
Patriotismus, Nationalismus, Deutschlandfahne

Von wegen "unverkrampftes Verhältnis" zum Vaterland

Zur WM sind Deutschlandfahnen wieder allgegenwärtig. Für viele gelten sie als Accessoire eines harmlosen Party-Patriotismus. Manche Sozialwissenschaftler und Psychologen sehen das anders.   Von Markus C. Schulte von Drach

Versuche, die Gruppenidentität und den Gemeinsinn auf nationaler Ebene zu fördern, aber die Risiken des Patriotismus zu vermeiden, waren bislang fruchtlos. Der Philosoph Jürgen Habermas etwa hat einen Verfassungspatriotismus vorgeschlagen, der sich auf die Identifizierung mit dem Grundgesetz und den Normen und Werten der Gesellschaft beschränken soll. Sich für die Art und Weise zu begeistern, wie Menschen zusammenleben, fällt aber offensichtlich leichter, wenn man sich zugleich auch für diese Menschen selbst - zu denen man sich schließlich auch zählt - begeistert. Die emotionale Bindung zwischen Menschen hat eine andere Qualität als die zu einem Dokument oder prinzipiellen Ansprüchen.

Kann es einen "linken Patriotismus" geben?

Der Grüne Robert Habeck hat vor einigen Jahren deshalb versucht, den Patriotismus einerseits zu seinen Ursprüngen zurückzuführen: " Patriotismus muss eine Idee vom guten Leben artikulieren - im besten Fall vom guten Leben in einer guten Gesellschaft", schreibt Habeck in seinem Buch " Patriotismus". Andererseits wünscht er sich statt einer Liebe zum Vaterland im mythischen oder völkischen Sinne eine Liebe zur Gesellschaft in diesem Vaterland.

Grundlage für seinen "linken Patriotismus" wäre ein "rationaler Gesellschaftsvertrag", aber auch eine emotionale Ansprache, die beim Verfassungspatriotismus vermisst wird. Der Habecksche Patriotismus soll von einem "Pathos der Zusammengehörigkeit" leben, einem "Wir-Gefühl". Dieses Gefühl aber soll nicht etwa Menschen gleicher Abstammung ansprechen, sondern alle, die sich mit dieser Gesellschaft identifizieren - was auch viele Migranten einschließen würde. Sein Patriotismus hätte deshalb "nichts mehr von seiner eigentlichen Bedeutung", so Habeck. Er denkt eher an "Fans" einer offenen Gesellschaft und Demokratie.

Literatur Thea Dorn wünscht sich einen neuen Patriotismus
Literatur

Thea Dorn wünscht sich einen neuen Patriotismus

Mit ihrem Buch "Deutsch, nicht dumpf" will die Autorin in aktuelle Diskussionen eingreifen, ohne die "rüden Kräfte" zu stärken. Wie das aussehen soll, weiß sie aber leider auch nicht so genau.   Von Jens Bisky

Seine Idee erinnert an die oben zitierte Ausführung des Dichters Wieland, in der der Historiker Heinrich August Winkler den frühesten Beleg für die Vorstellung von einem "Verfassungspatriotismus" sieht. Habeck setzt also weiterhin auf eine idealistische, aber historisch gescheiterte und offensichtlich gefährliche Strategie. Er fügt nur zu den "Ständen", die es unter den "Citoyens" nicht mehr geben soll, die Migranten hinzu und formuliert als linke Ziele etwa einen gezähmten Kapitalismus.

Es dürfte schwierig werden, Patriotismus, die Vaterlandsliebe, per Definitionem vom Vaterland zu trennen und als links zu etikettieren, wie es Habeck vorschwebt. Und Pathos, das feierlich-leidenschaftliche Ergriffensein, steht einer reflektierten Haltung eher entgegen. Nicht von ungefähr wird das zugehörige Adjektiv "pathetisch" nicht als Kompliment verwendet.

"Ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau"

Selbst wenn sich Patriotismus und Nationalismus als Begriffe eindeutig voneinander trennen ließen - die Geschichte zeigt, dass das offensichtlich nicht für die Gefühle gilt, die mit ihnen zusammenhängen. Emotionen aber sind ein heikles Terrain. Gustav Heinemann (erst CDU, dann SPD) sprach deshalb als Bundespräsident 1969 zwar von Deutschland als Vaterland. Aber seine Gefühle sortierte er unpatriotisch. Ob er Deutschland denn nicht liebe, wurde er vor seiner Wahl gefragt. Seine berühmte Antwort im Spiegel: " Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!"

Wenn es darum geht, die Menschen für den Gemeinsinn und das Wohl der Mitmenschen zu begeistern, sollten die Frage nach Gruppenzugehörigkeiten außen vor bleiben. Die großen Errungenschaften der Menschheit sind keine Verdienste von Vaterländern. Es sind Verdienste von Menschen, die Gesellschaften organisiert haben, in denen die notwendigen Entwicklungen möglich waren. Sie beruhen auf der menschlichen Vernunft. Statt auf Herkunft, Religion oder gar auf "Rasse" stolz zu sein, sollte man sich für das Potenzial begeistern, das offensichtlich im Menschen steckt.

Wenn Menschen aber Pathos brauchen: Warum nicht stolz sein auf Freiheit, Gleichberechtigung, Chancengleichheit und den technischen Fortschritt? Und die Welt ist angesichts der Globalisierung, des Internets, der globalen Bedrohungen durch Klimawandel und - wieder - Atomkrieg zum sprichwörtlichen Dorf geworden. Seine Bewohner stehen vor Herausforderungen, die alle angehen und die alle gemeinsam angehen müssen.

Vielleicht führt die Liebe zur Heimat dazu, dass Menschen lieber "lokal handeln". Wer aber einmal die Aufnahmen gesehen hat, die die Astronauten vom Mond aus gemacht haben, versteht: Unsere Heimat heißt Erde.

Leitkultur Anleitung für eine richtige Leitkultur

Gesellschaftspolitik

Anleitung für eine richtige Leitkultur

Immer wieder zählen Politiker auf, was ihnen zufolge in Deutschland wirklich zählt. Doch meist liegen sie falsch - genau wie ihre Kritiker. Wir brauchen tatsächlich eine Leitkultur. Aber nicht die, die ständig gefordert wird.   Analyse von Markus C. Schulte von Drach