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Parlamentswahlen in Italien:Der heimliche Patron der italienischen Protestbewegung

Mimik? Null. Eloquenz? Dürftig. Empathie? Die eines Nerds. Davide Casaleggio agiert am liebsten im Hintergrund.

(Foto: AFP)

Davide Casaleggio kontrolliert die Internetplattform, auf der die Cinque Stelle Abstimmungen abhält. Er allein weiß, wie jedes Mitglied tickt. Das wirft ein schiefes Licht auf die Partei, die Transparenz propagiert.

In diesen lauten und eher grellen Zeiten ist Menschenscheu keine verbreitete Eigenschaft, schon gar nicht unter Politikern. Der Mailänder Davide Casaleggio würde es sich aber wohl auch vehement verbitten, dass man ihn einen Politiker nennt. Aber was ist er denn sonst? Man könnte sogar behaupten, dass dieser 42 Jahre alte Internetunternehmer, den die Italiener kaum je in der Öffentlichkeit sehen, nie reden hören, von dem sie auch nur selten lesen, einer der mächtigsten Männer im Land ist. Zur Schüchternheit hingegen steht er: "Sie liegt in der Familie", sagte er einmal. In der Freizeit taucht er gerne, im Meer und in Seen.

Davide Casaleggio ist der heimliche und auch etwas unheimliche Patron der italienischen Protestbewegung Cinque Stelle, einer fast unfassbar erfolgreichen Partei mit sehr flüchtigen Positionen und Idealen, je nach Wind. Sie sammelt Stimmen rechts und links, bei den Jungen und den Alten. Bei den Parlamentswahlen am nächsten Sonntag könnte sie auf 28 Prozent kommen. Das wäre mehr als je zuvor in ihrer jungen Geschichte. Die Fünf Sterne wären dann wahrscheinlich die stärkste Partei im Land. Für eine Regierungsmehrheit reicht das zwar nicht aus. Doch ein Donnerschlag wäre es allemal.

Sein Vater Gianroberto entdeckte das politische Potenzial im Komiker Grillo

Und Davide Casaleggio müsste danach vielleicht wieder mal ins Fernsehen. Erst einmal ließ er sich zur Teilnahme an einer Talkshow überreden, vor einem Jahr war das: 44 Minuten dauerte sein Auftritt in der Sendung "Otto e mezzo" auf La 7. Jede Minute schien ihm eine Qual zu sein. Die Zeitungen waren kritisch. Mimik? Null. Eloquenz? Dürftig. Empathie? Die eines Nerds. Er studierte an der Eliteuniversität Bocconi, Spezialgebiet: Onlinehandel.

Davide wird ständig mit seinem verstorbenen Vater verglichen. Gianroberto Casaleggio war einer der Gründer der Cinque Stelle. Er war es gewesen, der das politische und populistische Potenzial entdeckt hatte, das im Komiker Beppe Grillo steckte, seinem Freund. Auch er war ein verschlossener Kauz. Mit seinem langen Haar wirkte er aber auch wie ein verträumter Idealist. Es hing ihm der Ruf nach, ein Visionär zu sein, ein genialer Kopf. Er erfand Grillos Blog. Seine Firma Casaleggio Associati betrieb ihn.

Der Blog entwickelte sich schnell zu einer mächtigen Parallelwelt, in der die Partei gedeihen konnte. Alles sollte im Netz entschieden werden: die Auswahl der Kandidaten, die politische Positionierung. Per Klick, basisdemokratisch. Jede wichtige Sitzung sollte live gestreamt werden, die totale Transparenz. So wollte Casaleggio Italiens Politbetrieb, diese vermaledeite Kaste mit ihren geheimen Deals, aus den Angeln heben.

Plötzlich ist es nicht mehr tabu, Bündnisse mit anderen Parteien zu schließen

Vor zwei Jahren starb er. Der Sohn übernahm nicht nur den Familienbetrieb, sondern auch gleich die Partei. Dynastisch, ohne Wahl. Er verweist gerne darauf, dass er keine offizielle Funktion innehabe. "Ich bin nur Aktivist", sagte er einmal. "Ich helfe der Bewegung, und das gratis." Unlängst aber fand die Zeitung Il Foglio eine brisante Urkunde. Darin steht, dass Casaleggio Besitzer jener Stiftung ist, an der die Partei und die Internetplattform mit dem schönen Namen Rousseau hängt. Er allein. Auf Rousseau finden alle Urwahlen und Befragungen der Cinque Stelle statt. Casaleggio kontrolliert also das Nervensystem. Er weiß von jedem Mitglied, wie es klickt und tickt. Weniger bekannt ist, wie Rousseau funktioniert. Das wirft ein schiefes Licht auf eine Bewegung, die sich rühmt, durchsichtig zu sein.

Grillo hat sich stark zurückgezogen. Casaleggio führt die Partei nun zusammen mit Luigi Di Maio, dem "Capo politico" der Fünf Sterne. Die beiden verstehen sich offensichtlich blendend. Und sie wollen an die Macht. Plötzlich ist es nicht mehr tabu, Bündnisse zu schließen mit Parteien aus der bösen Kaste - so sich denn welche finden lassen. Vielleicht wäre es dann endlich einmal an der Zeit, dass die Italiener erfahren, wie der scheue Mailänder politisch denkt. Das weiß nämlich niemand.

© SZ vom 02.03.2018/fema

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