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Pakistan:Machtprobe zwischen Radikalen und Premier

Imran Khan

In Bedrängnis: Pakistans Premier Imran Khan.

(Foto: Rahmat Gul/AP)

Islamistische Kräfte schüren in Pakistan den Zorn auf Frankreich, treffen aber vor allem die Regierung. Wie selbsternannte Religionswächter die umstrittenen Mohammed-Karikaturen nutzen, um den Staat zu erpressen.

Von Arne Perras

Mohamed Umar Farooq ist ein Mann mit üppigem schwarzen Bart. Er hat einen Verband um den Kopf gewickelt, das linke Augenlid sieht geschwollen aus, wie man in einem Video sieht, das in Pakistan überall schnell die Runde machte. Farooq, stellvertretender Chef einer Polizeistation in Lahore, und zehn seiner Kollegen waren noch am Sonntag als Geiseln genommen worden, als eine Gruppe wütender Angreifer das Gelände stürmte. Erst Stunden später kamen die Polizisten nach Verhandlungen mit der Regierung in Islamabad wieder frei.

Der Polizeichef sei gefoltert worden, erklärte ein Sprecher der Einheiten, wie die Zeitung Dawn berichtete. Pakistan findet keine Ruhe, seitdem radikale Islamisten die Konfrontation mit dem Staat suchen und ihn durch solche Übergriffe herausfordern und demütigen. Es ist eine Machtprobe zwischen selbsternannten Religionswächtern und Premier Imran Khan, angefacht durch den Streit um die Mohammed-Karikaturen in Frankreich.

Farooq, der im Video sagt, dass die Probleme doch durch Gespräche gelöst werden sollten, verkörpert mit seinen Verletzungen den überrumpelten Staat, erpresst durch radikale Kräfte. Sehr wahrscheinlich wurde er gezwungen, einen Appell an die Regierung zu richten.

Islamabad hat große Mühe, die Demonstrationen der Islamisten in den Griff zu bekommen. Seit Tagen wiederholen sie ihre Forderung, der Botschafter Frankreichs müsse ausgewiesen werden, was die Regierung für eine schlechte Idee hält. Imran Khan versuchte, sich nicht aus der staatsmännischen Routine bringen zu lassen, er widmete sich am Montag weltlichen Aufgaben, indem er den Grundstein zu einer Autobahn legte.

Gleichwohl nutzte er die Gelegenheit, seinen Landsleuten ins Gewissen zu reden. Khan beklagte, dass politische Kräfte so oft den Islam auf falsche Weise gebrauchten und seinem Land damit Schaden zufügten. Die Liebe zum Propheten sei zu Recht so groß, aber "ich bin traurig, dass diese Liebe oft missbraucht wird".

Der harte Kern der Aufrührer verschanzte sich in einer Moschee

Die islamistische Partei Tehreek-e-Labbaik Pakistan (TLP) hat den Aufstand angezettelt, aus Protest gegen die umstrittenen Mohammed-Karikaturen, die im Herbst in Frankreich erneut veröffentlicht worden waren. Frankreich müsse bestraft werden für Beleidigungen des Propheten, weil Paris sie zulasse. So sehen das die Demonstranten.

Die Regierung taktierte Ende des Jahres und spielte auf Zeit. Aus der Protestbewegung heißt es, dass Islamabad damals Zusagen gemacht habe, die die Regierung heute nicht mehr halten wolle, etwa im Parlament eine Abstimmung über die geforderte Ausweisung des französischen Botschafters zu erwirken. Die TLP ist nun verboten, ihr Führer im Gefängnis.

Doch ein harter Kern der Aufrührer hielt sich am Montag noch in einer Moschee in Lahore verschanzt, während Innenminister Sheikh Rashid Ahmed klarmachte, dass die Regierung sich nicht erpressen lassen wolle: "Wenn wir Forderungen, Botschafter auszuweisen, akzeptieren, dann kann uns das in eine extrem schwierige Lage bringen", erklärte er laut einem Bericht der Express Tribune.

"Gemeinsamer Feind ist Frankreich"

Den gefangenen Polizisten Farooq hört man allerdings im Video aufsagen: "Wir sind alle Muslime und unser gemeinsamer Feind ist Frankreich, der Blasphemie begangen hat." Obgleich offenkundig ist, dass er das als Geisel unter Zwang sagt, ist dies die zentrale Botschaft, mit der die Aufrührer Emotionen anheizen.

Dass bei den Zusammenstößen nicht nur Polizisten, sondern angeblich auch Demonstranten starben, schürt in islamistischen Kreisen weitere Kritik am Vorgehen des Premiers. Den Aufruf eines Islam-Gelehrten zum Generalstreik unterstützte etwa auch der einflussreiche Islamist Maulana Fazlur Rehman, der die Partei Jamiat Ulema-i-Islam-Fazl (JUI-F) führt. Regierungschef Imran Khan kann sich diesem Druck nur schwer entziehen: je härter und kompromissloser er gegen die Demonstrationen vorgeht, umso stärker setzt er sich dem Vorwurf der Eiferer aus, er verrate jene, die den Islam vor Beleidigungen beschützen wollten.

Dass die TLP vom Staat als "terroristisch" eingestuft wurde, wird in Pakistan vor allem als Versuch gewertet, den Westen zu beschwichtigen. Ideologisch aber hat Islamabad der Gruppe nur wenig entgegenzusetzen, denn ihre wachsende Popularität bezieht sie vor allem aus dem Anspruch, das Ansehen des Propheten zu beschützen - ein emotionales Thema, mit dem sich viele Pakistaner identifizieren.

Und sie können dabei auch auf ihren eigenen Staat verweisen, der den Schutz des Propheten in seinem Strafrecht verankert hat: Für schwere Fälle von Blasphemie gilt im Land die Todesstrafe.

© SZ/plin/sbeh
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