NS-Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" Weg mit Hitler - das war ihr Programm

Mitglieder der Widerstandsorganisation Schulze-Boysen/Harnack: Martha Husemann, Günter Weisenborn und Harro Schulze-Boysen (von links)

(Foto: Bundesarchiv, Bild 183-P1219-0323 / CC-BY-SA 3.0)

Der Widerstand der "Roten Kapelle" gegen die Nazis wurde lange unterschätzt - auch von Stalin. Ein unglaublicher Fehler der Sowjets ließ die Gruppe auffliegen.

Von Martina Scherf

Die alte Dame sitzt in ihrem Wohnzimmer in München-Schwabing und serviert Kaffee, durch die offene Balkontür scheint die Sonne. Die Bücher in der Schrankwand sind sauber geordnet, auf Augenhöhe stehen gerahmte Fotos.

Darunter das Schwarz-Weiß-Bild eines verliebten Paares: Harro Schulze-Boysen und Libertas Haas-Heye. "Sie waren unsere Nachbarn", sagt Gerda May, "der elegante Offizier und seine bildschöne Frau." Dann holt die ehemalige Lehrerin einen Aktenordner aus dem Schrank.

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94 Jahre ist sie alt, aber Namen, Daten, Adressen, alles ist präsent. "So etwas vergisst man nicht", sagt sie und legt Briefe des "Schu-Boys" auf den Tisch. Sie wohnten damals im selben Haus: Altenburger Allee 19, Berlin-Charlottenburg.

Bis zu jenem 31. August 1942, an dem Harro Schulze-Boysen, Oberleutnant der Luftwaffe, von der Gestapo verhaftet wurde. "Noch am selben Abend kam Libertas ganz aufgelöst zu uns", erzählt May.

Die Geschichte der Roten Kapelle ist weit weniger bekannt als die des 20. Juli oder der Weißen Rose. Vor allem Künstler und Intellektuelle gehörten dazu, aber auch Beamte und Militärs, Studenten, Ärzte, Arbeiter. Etwa 40 Prozent von ihnen waren Frauen.

Es gab keine politischen Leitlinien - weg mit Hitler lautete das Programm. Den Namen Rote Kapelle gaben ihnen die Nazis, als sie 1941 einen Funkspruch aus Moskau auffingen - Funker hießen im Jargon auch "Pianisten", mehrere ergaben also eine Kapelle.

Job in Görings Ministerium, Kopf einer Widerstandsgruppe

Zwei Männer standen im Zentrum. Harro Schulze-Boysen, Großneffe des Flottenadmirals Alfred von Tirpitz, machte früh Bekanntschaft mit den Nazis. Die SA stürmte 1933 die Redaktion seiner linksliberalen Zeitschrift Der Gegner, misshandelte den Jurastudenten und ermordete vor seinen Augen einen jüdischen Freund.

Für Schulze-Boysen ist dies der Beginn seines Doppellebens: Er macht eine Fliegerausbildung und arbeitet von 1934 an in der Nachrichtenabteilung des Reichsluftfahrtministeriums - und formiert eine Widerstandsgruppe.

Auch Arvid Harnack sammelt Gleichgesinnte um sich. Der Ökonom hatte beim Studium in den USA seine Frau Mildred kennengelernt und mit nach Deutschland gebracht. Sein Bruder, der Regisseur Falk Harnack, und sein Vetter Dietrich Bonhoeffer sind ebenfalls im Widerstand. Harnack sieht nach der Weltwirtschaftskrise keine Zukunft im Kapitalismus. Im Herzen Kommunist, tritt er zum Schein in die NSDAP ein und bekommt eine Stelle im Reichswirtschaftministerium.

1941/42 - Die SZ-Serie

Als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 in der Sowjetunion einfiel, begann ein beispielloser Zivilisationsbruch. In Deutschland verstrich der 75. Jahrestag der "Operation Barbarossa" ohne jedes angemessene Gedenken. Die SZ erinnert mit dieser Serie an einen Krieg, wie es ihn nie zuvor gegeben hatte, und an seine Auswirkungen auf die Gegenwart.

1. Interview mit Gerhard Schröder über Russland.

2. Historiker Antony Beevor über Hitler und Stalin.

3. Opfer und Täter in der Ukraine.

4: Das Massaker in der Schlucht von Babij Yar.

5. Die Schuld der deutschen Generäle.

6. Die Wende im Winterkrieg vor Moskau.

7. Der Mythos um die "28 Helden von Panfilow".

8. Mein Vater, der Soldat.

9. Wie sich der Junge Wladimir retten konnte.

10. Die Jeanne d'Arc der Sowjetunion.

11. Der unterschätzte Widerstand der "Roten Kapelle".

12. Das furchtbare Elend der sowjetischen Kriegsgefangenen.

13. Zeitzeugen erinnern sich an einen bestialischen Krieg.

14. Ein Generalstabsoffizier gegen die Gräuel

15. Mythos im Wandel: Kurt Kister über Stalingrad

Freunde und Bekannte stoßen zu ihnen: die Kommunisten Hilde und Hans Coppi, der Sozialdemokrat Adolf Grimme (später Kultusminister in Niedersachsen und Namensgeber des Grimme-Preises), der Journalist Adam Kuckhoff und seine Frau Greta, die Ärztin Elfriede Paul, der Romancier Günther Weisenborn und seine Frau Joy. Sie tanzen, flirten, zelten an der Ostsee, wo sie ungestört Pläne besprechen können.

Im Januar 1941 feiern sie die Hochzeit der Weisenborns. Es gibt einen Film von dem Tag: Harro Schulze-Boysen kommt in Uniform, Libertas, "Libs" genannt, mit ihrer Ziehharmonika.

Die jungen Leute lachen, als gäbe es kein Morgen - wohl wissend, dass ihnen die Todesstrafe droht. Denn da haben sie ihre Aktivitäten längst ausgedehnt. Sie verfassen Flugblätter, helfen Juden und geflohenen Häftlingen, sammeln Informationen und nehmen Kontakt zu ausländischen Geheimdiensten auf.